Leben

Wer wälzt den Stein?

Wer wälzt den Stein?

'Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala früh, als es noch finster war, zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weggewälzt war. Er war sehr gross.'
Autor: 
Öhi Martin

Die Bibel sagt unter anderem:
"Da sahen sie, dass der Stein vom Grab weggewälzt war; sie gingen hinein, aber den Leichnam Jesu, des Herrn, fanden sie nicht . . .  Der Menschensohn muss den Sündern ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen."
Da erinnerten sie sich an seine Worte . . .

Wer wälzt UNS den Stein?


Wer wälzt uns den Stein, wenn wir nur noch Trümmer sehen? Wenn uns der Bescheid trifft, wir könnten das Leben nur noch in Monaten und nicht mehr in Jahren zählen?

Wer wälzt uns den Stein, wenn wir an einem Krankenbett sitzen, ohne Hoffnung? Den letzten Atemzügen nachhorchen, angstvoll? Und dann mit dem Leinentuch verhüllen: das Gesicht, das uns so teuer ist?

Wer wälzt uns den Stein, wenn wir mit unserem Latein am Ende sind? Kein Wort mehr das andere gibt? Wenn wir verstummt sind? Weil es nichts mehr zu sagen gibt und nur noch hart und schwer ist, was wir einst liebten?

Es braucht wenig - ein Gerinnsel in Gehirn oder Herzen, ein unbedachtes Wort - und wir sind am Ende.
Es braucht so wenig - ein paar andere, die von der sicheren Seite des Lebens nach uns werfen mit spitzer Verleumdung, mit höhnischem Urteil, mit feigem Schweigen - und wir sind Gesteinigte.
Es braucht so wenig, und wir sind verschüttet.
Verschlossen.
Versteinert.
Dann haben wir ausgeträumt. Was ist schon ein Albtraum, gemessen an der Realität.
Dann reduziert sich unser Leben auf die Fundamentalfragen:
Wer liebt mich, wer hasst mich?
Wer versteht mich, wer zerstört mich?
Wer trägt mich, wer erträgt mich?
Wer will mich noch im Leben und im Sterben?

Wer wälzt mir den Stein vom Herzen, von der Brust, vom Grab weg?

Wer wälzt uns den Stein, wenn wir im Tod ein Ziel und im Leben einen Sinn suchen?
Wenn unsere Erfahrung für Sisyphos spricht?
Wenn unsere Erfahrung sagt, dass es Schlimmeres gibt als zu sterben, nämlich aussichtslos sinnlos zu leben?

Wie naiv scheint es doch, nach diesem "Wer" zu fragen. Denn so viel spricht dagegen, dass jemand zu uns kommt und uns Antwort gibt in einer Welt, in der niemand mehr ist, den wir fragen können. Keiner mehr, der unsere Fragen erträgt.

So sprach auch alles gegen die Frauen, damals, als diese mit ihrer Frage zum Grab gingen: "Wer wälzt uns den Stein?"
Sie gingen trotz Pilatus, ohne Petrus und ohne die übrigen.
Sie hinterfragten das Faktische.
War er denn etwa nicht gekreuzigt, gestorben und begraben?
Hinabgestiegen in das Reich des Todes?

Leben wir denn nicht in einer Welt, welche die Toten dem Tod überlässt? Wer wagt da noch zu fragen?

Ohne Antwort, nur mit der Frage machten sie sich auf den Weg.
Die Frage war ihnen genug. Es war nicht der Mut der Verzweiflung - kein «Warum», sondern «Wer».
Wohl Trauer.
Wohl Zorn.
Nicht aber Resignation. Sie fragen "Wer". Darum ist es der Mut des Glaubens. Denn diese Frage macht verantwortlich.

Die Frauen: Sie fordern ein. Sie behaften. Sie halten fest.
Und das können sie. Ja, das müssen sie, denn die Frauen kennen den Gott, der Steine wegwälzt, der aus dem Nichts das Licht schafft. In Jesus haben sie ihn erfahren als den, der Berge versetzt und Leben verändert. Der aus Steinen Brot macht und aus Verzweiflung Hoffnung.
Es ist der Gott der Nichtigen.
Der Gott der Verrückten, der Verachteten, der Gedemütigten.
Wie sollte er nicht auch der Gott der Gekreuzigten sein?
Und die Frauen, sie schämen sich weder dieses Gottes noch dieses Evangeliums. Sie haben zu viel hinter sich, um umzukehren. Mehr aber: zu viel vor sich, um zu zögern. Sie kennen den, der sich für diese Welt verbürgt. Denn wer, wenn nicht dieser Gott, sollte fragwürdig sein?

Und also gehen die Frauen ohne Antwort.
Der Glaube hilft ihnen, mit ihrer Frage anders zu leben.
Der Glaube präzisiert. Macht Mut zur Frage "Wer?"

Das "Wer" gilt Ihm. Und also ist Gott in die Verantwortung genommen als der Gott für uns. Er soll sich verantworten, der uns verspricht, den Stein aus unserer Brust zu nehmen und uns ein Herz - ein menschliches Herz, Sein Herz - hineinzulegen. Verantworten soll er uns.
Auferwecken. Neu schaffen.

Und also gehen die Frauen zum Grab mit der Antwort schon fast auf den Lippen, die keiner sich selber geben kann.
Diese Antwort: Es wird eine Tat sein.
Diese Antwort: Es wird Seine Tat sein.
Dann werden wir nicht mehr wie Schlafwandler durch das Leben gehen.
Wir werden erwachen als Auferweckte. Wir werden sein, was wir noch nicht sind.
Sisyphos wird endlich Feierabend haben. Und was wir nicht zu träumen wagen: es wird sein.

Und Grab und Stein werden weichen müssen.
Mit dieser Gewissheit feiern wir dankbar und fröhlich Ostern.

Gott segne Sie!
Und B’hüät di Gott.  Ihr Öhi-Martin