Gesellschaft

Angehörige und Pflegende auf Augenhöhe

Angehörige und Pflegende auf Augenhöhe

13. Thuner Alterstagung: Rund eine viertel Million Kranke können zu Hause bleiben, weil Angehörige ihre Pflege übernehmen.

Bild oben: Dr. Marcel Sonderegger, Tagungsleiter, 6207 Nottwil, www.bildungsseminare.ch

Die 13. Thuner Alterstagung vom 26. März 2010 im Seepark Thun, organisiert von Dr. Marcel Sonderegger, Nottwil, spricht Pflegefachleute und Mitarbeitende aus der Altersarbeit an. Fast 300 Interessierte setzten sich mit der sensiblen Zusammenarbeit zwischen Patient, Angehörigen und Pflege auseinander.

 

Rund eine viertel Million Kranke können zu Hause bleiben, weil Angehörige ihre Pflege übernehmen. Im Kontext der demografischen Entwicklung wird in Zukunft mit einer Zunahme von Pflegebedürftigen gerechnet. Die Unterstützung und Entlastung von pflegenden Angehörigen ist unabdingbar. Referenten aus der Pflege und pflegende Angehörige gingen der Frage nach, wie Pflegefachleute Angehörige unterstützen können, ­so dass sich der Patient wohlfühlt, zuhause oder in einem Heim.

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Dr. Bettina Ugolini, Leiterin Beratungsstelle „Leben im Alter“ am Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich

 

Angehörige als Partner?

Das Bewusstsein nehme zu, dass Angehörige ein wichtiger Teil des alten Menschen sind. Dessen Wohlbefinden hängt davon ab, wie wohl sich die Angehörigen im Pflegeheim fühlen, so Bettina Ugolini. Im Heimalltag können Konflikte mit Angehörigen mehr Aufwand erfordern als die Pflege des Bewohners. Angehörigenarbeit sollte im Leitbild des Heimes verankert und nicht situativ und zufällig sein, sondern geplant und strukturiert. Angehörigenarbeit ist ein begleitender Prozess.

 

Angehörige sind keine homogene Gruppe!

Angehörige können zwischen 17 und 90 Jahre alt sein, ihre Bedürfnisse und Wertvorstellungen unterscheiden sich von denen der Pflegenden. Angehörige haben ihre eigenen Familienregeln, ihre eigenen Bewältigungsstrategien und ihre Familiengeheimnisse. Angehörige sind eine wichtige Informationsquelle, denn alte Menschen kommen heute später, d. h. in einem „schlechteren“ Zustand, ins Heim als früher.

 

Als Partner in der gleichen Mannschaft spielen

Angehörigenarbeit, so Ugolini, ist Beziehungsarbeit. Wichtig ist Offenheit, Klärung der Erwartungen, gemeinsame Ziele setzen und Regeln gegenseitig einhalten. Als Angehörige übergebe ich die Pflege, nicht die Verantwortung!

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Monika Brechbühler, Autorin des Beobachter Ratgebers „Ein Pflegefall in der Familie“, Bern, www.homecare-info.ch

 

Tipps für Menschen, die ihre Angehörigen pflegen

 „Wer die Pflege eines Angehörigen übernimmt, geht innerlich durch sechs Etappen, die sich deutlich voneinander unterscheiden“, sagt Monika Brechbühler. Sie vergleicht die Vorbereitung der Pflegeaufgabe mit einer Routenplanung. Man muss seine Ressourcen kennen, die Kräfte einteilen können und einen zweckmässigen Rucksack haben, um jede dieser Etappen gut meistern zu können. Dass dies wichtig ist, zeigt die Tatsache: Rund ein Drittel der pflegenden Angehörigen leidet an Überforderung und Erschöpfung.

Die eigene Vorbereitung fängt an mit sich informieren und sich hinterfragen, ob man die Pflege übernehmen will und kann, unter welchen Bedingungen. Nach der Vorbereitung folgen die Etappen Einstieg, voll eingespannt sein, persönliches Wachstum, Abschied und Aufbruch. Da für jede Etappe ein Ziel definiert ist, kann ich mich als pflegende Angehörige immer wieder am Erfolg erfreuen. Für jede Etappe gibt es konkrete Handlungsangaben, was zu tun ist, wenn einem alles über den Kopf wächst.

 

Broschüre: Auf einer Expedition ins Pflegegebiet in sechs Etappen, Monika Brechbühler, erhältlich bei Redaction homecare, Tscharnerstrasse 38, 3007 Bern, homecare@hispeed.ch zum Preis von Fr. 6.—.

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Prof. Dr. Iren Bischofberger, Pflegewissenschafterin, WE`G Hochschule Gesundheit, Aarau

 

Pflege und Beruf unter einem Hut – berufstätige Angehörige gezielt unterstützen

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geniesst heute in Politik und Wirtschaft Akzeptanz. Wenig diskutiert wird die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit mit der Pflege und Betreuung von Familienangehörigen. Laut einer Studie der Kalaidos Fachhochschule Schweiz leben rund 4 % aller Erwerbstätigen, also rund 160’000 Personen, mit einer pflegebedürftigen Person im selben Haushalt zusammen oder übernehmen Betreuungsaufgaben für Verwandte in anderen Haushalten. Angehörige pflegen und gleichzeitig berufstätig sein, ist ein Balanceakt. Pflegeaufgaben und Berufstätigkeit kommen sich oft in die Quere. Welche Herausforderungen stellen sich den Berufstätigen und den Arbeitgebern? Diesen Fragen geht die Kalaidos Fachhochschule in ihrem Nationalfondsprojekt „work & care“ nach. Die website www.workandcare.ch orientiert über das Projekt und enthält interessante Publikationen zum Thema „Beruf und Pflegeaufgaben vereinbaren“. Unter www.alz.ch ist das nützliche Informationsblatt der Schweiz. Alzheimervereinigung „Berufstätig sein und Angehörige pflegen“ erhältlich.

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Hansruedi Stoll, MSc., Stationsleiter Onkologie Universitätsspital Basel

 

Pflegende Angehörige sind die Leidtragenden

In der ambulanten Onkologiepflege der Krebsliga Aargau werden jährlich ca. 350 Krebspatienten in den letzten 3 Wochen ihres Lebens in Ergänzung zu Hausarzt und Spitex gepflegt.

80 % der Patienten möchten in der Schweiz zu Hause sterben, 20 % können es. Im Spital sind die Angehörigen Besucher, zu Hause sind sie die Türöffner, die Schlüsselpersonen, ohne sie geht nichts. Sie sind aber auch die Hauptträger der Pflege. Fallen sie weg, ist Sterben zu Hause praktisch unmöglich. Der Patient und die Fachpersonen müssen deshalb die Angehörigen „pflegen“, wenn das Unternehmen „zu Hause bis zuletzt“ gelingen soll. Die Probleme des Patienten sind mit seinem Tod auf einen Schlag gelöst, die der Angehörigen gehen weiter. Durch den Tod des Patienten wird der pflegende Angehörige stellenlos und wird Hinterbliebener, für ihn eine neue Stellung in der Gesellschaft.

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Josef  Würsch, Leiter einer Gruppe pflegender Angehöriger, Beckenried/NW

 

Die Ohnmacht der Angehörigen!

Bei Bekannt werden einer Diagnose fühlen sich manche Angehörige eines schwer kranken Partners ohnmächtig.

In einer Angehörigengruppe von pflegenden Angehörigen, z. B. von Demenzkranken, können Fragen, Probleme ausgetauscht werden und kann vom Erfahrungsschatz anderer Gruppenmitglieder profitiert werden.

In diesen Gruppen begegnen sich Angehörige achtsam im Zuhören und im Erzählen. Es entsteht Respekt, Anteilnahme und Solidarität. Angehörige werden gestärkt. Sie fühlen sich nicht mehr alleine mit ihrem Schicksal, fassen wieder Mut und schöpfen neue Kräfte. Die Ohnmacht schwindet allmählich.

Ein hilfreiches Arbeitsinstrument für pflegende Angehörige ist „die Pflegeplanung zu Hause“, zu beziehen bei der Schweiz. Alzheimervereinigung, www.alz.ch.