Zu dieser überraschenden Erkenntnis kommt Andrea Lunsford, Professorin an der Standford Universität.
Und sie muss es wissen. Sie hat recherchiert, hat über 25`000 Dokumente gesammelt und ausgewertet, hat Studenten befragt und festgestellt: 38 Prozent der Befragten schreiben ihre Texte heute, im Gegensatz zu früheren Generationen, mit Freude. Was früher ein Muss gewesen sei, habe sich heute zum Vergnügen entwickelt. Und nicht nur das: Die Qualität der Texte sei nicht schlechter geworden. Im Gegenteil, die Studenten wüssten zu differenzieren: förmlich für den Professor, witzig für den Kollegen, poetisch für die Freundin. Es entwickle sich eine neue Sprache, so eine neue Schreibe, eine direktere Ausdrucksweise eben. Nicht mehr der gedrechselte, wohlformulierte Text, den sich ein Schreiber mühsam abgerungen habe, sei en vogue, sondern der Text, der spontan auf die Sprache der Kommunikationspartner reagiere, der auch zu überzeugen versuche, der eine Antwort erfordere, nicht morgen oder übermorgen, sondern hier und heute.
Was sich in den USA beweisen liess, wird sicher auch auf Europa, gar auf die Schweiz, zu übertragen sein, wenn auch mit etwas Verspätung. Und was für die Studenten gilt, wird auch für uns, die ältere Generation, die Generation ab 50, seine Richtigkeit haben. Noch sind wir geprägt von der eingeforderten Perfektion in unseren damaligen Schulen, noch hängt uns an, was uns die Deutschlehrer damals angetan haben. Noch sehe ich meine Diktate vor mir, rot und breit angestrichen die Fehler. Noch spüre ich die Angst vor der Note, die darüber entschied, wie es schulisch weiter ging. Noch spüre ich die Angst vieler meiner Schulkollegen, die noch mehr Mühe bekundeten, die noch lauter abgekanzelt wurden, weil sie nicht mit Freude, sondern eingeschüchtert, nicht mehr unbekümmert zu schreiben wagten und eben versagten. Noch erinnere ich mich an die Rekrutenprüfungen, an die damaligen Aufsätze, die teilweise derart dürftig ausfielen, dass wir im Kader annahmen, ein Teil der Rekruten sei nie über die dritte Klasse hinausgekommen. Den Ursachen sind wir nie nachgegangen, wir haben es einfach hingenommen.
Wir vertrauten lieber den Bildungspolitikern, die es ja wissen mussten und die meinten, die Sprachverluderung habe ihre Ursache im Elternhaus. Wo nicht gebildet geredet werde, könne auch nicht auf den weiteren Weg mitgegeben werden, was als Grundlage zu einem guten Sprachempfinden notwenig sei.
Was das Bildungsbürgertum nicht schaffte, schafft jetzt die neue Kommunikationstechnologie. Was früher mühsam zu Papier gebracht werden musste, kann ganz spontan ins Internet, aufs Handy, aufs iPhone, ins iPad getippt werden, es kann ganz leicht korrigiert, gelöscht und neu verfasst werden. Was sich in den letzten vierzig Jahren vollzogen hat, ist atemberaubend: Von der Wachsmatrize, die das Kopieren ermöglichte zur IBM-Kugelkopfschreibmaschine, die das spontane Korrigieren der Texte erlaubte, zum Fax, mit dem erstmals Texte über weite Distanzen übermittelt werden konnten, zum koffergrossen Handy, mit dem erstmals von überall her telefoniert werden konnte, zum Handy, auf dem mit beiden Daumen Mails geschrieben und verschickt werden können, bis zum iPhone, mit dem, unabhängig von Ort und Zeit, jede Mail empfangen und spontan beantwortet werden kann und mit dem - und noch besser mit dem iPad - die Zeitungslektüre auch unterwegs möglich ist. Und noch sind wir längst nicht am Ende der technologischen Entwicklung.
Heute können wir weit unbekümmerter schreiben, wir können uns einmischen mit unseren Gedanken, mit unseren Ideen. Es steht kein strenger Deutschlehrer hinter uns, der mit dem Rotstift droht. Wir können eigene Netzwerke initiieren und pflegen. Niemand hindert uns daran, keine Organisation, keine aufwändigen Entscheidungsstrukturen.
Korrekturprogramme entlasten uns beim Formulieren, Schreibhürden sind tiefer, Schreibblockaden seltener geworden. www.seniorweb.ch bietet uns die ideale Plattform dazu. Um die Hürden noch tiefer zu stellen, stellt eine Redaktion sicher, dass die Texte jeweils noch überarbeitet werden, ohne Rotstift, sondern in dem Sinne, dass unsere Texte noch verständlicher werden.
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"Verschtahsch was i meine?"
Es gibt Leute, die reden. Sie reden gut, blitzgescheit und verständlich. Aber niemand hört ihnen zu. Wie im Hidepark, beispielsweise.
Es gibt aber auch Leute, die schreiben im Internet. Sie schreiben gut, blitzgescheit und verständlich. In der Regel bekommen sie Antwort, allerdings kaum je auf das eigene Anliegen,sondern auf irgend etwas anderes, das der Erstautor beiläufig erwähnt hat.
Und dann gibt es jene Zeitgenossen, die schreiben in ihrer selber gebastelten Sprache, manchmal kindisch wie ein Drittklässler, manchmal überheblich und voll Anglizismen, die niemand versteht. Wieder andere verwenden Abkürzungem, die im Web üblich sind, aber noch lange nicht von allen Nutzern verstanden werden können.
Es ist eine Crux mit den e-mails:
Einerseits hat der Verfasser viel kleinere Hemmungen als beim Briefschreiben und wird eher gemein und bleibt sprachlich unter der Gürtellinie. Vielleicht hat das auch etwas mit dem Duzen zu tun: Man sagt viel schneller Du A...loch als Sie A...loch.
Andererseits lässt man ein e-mail viel schneller los als einen Brief. Manche überschlafen ihren Brief noch mal, bevor sie ihn zur Post bringen. Wer e-mails verfasst, schreibt und gibt "Senden" ein. Fertig.
Und dann ist da noch die vertrackte Geschichte mit der mangelnden Orthographie. Je einfacher das Korrigieren eines Textes wäre, desto schneller geben wir uns zufrieden und schicken ab. Ohne nochmals alles sorgfältig durchzulesen. (Ich gehöre auch zu diesen Fahrlässigen und entschuldige mich hier öffentlich)
Liebe Seniorwebler/innen Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose, schrieb Gertrud Stein. Sie abwandelnd möchte ich sagen: Ein mail ist eine Nachricht die verstanden werden sollte und die höflich abgefasst werden sollte. Ein mail ist eine Nachricht, nach welcher die Leser mich richten. Ein mail ist nicht nur ein mail ist ein mail.
Mit nichten!
Bernhard
Liber Toni, Du lieferst mir die ideale Steilvorlage für einen Text, den ich unter dem Titel "Unsere tägliche Schreibwerkstatt" demnächst im Redaktionsforum veröffentlichen werde! Ich werde in diesem Beitrag auf Deine Kolumne verlinken.
Wann schreibt man?
In der Sekundarschule erklärte uns unser Lehrer, man pflege dann zu schreiben, wenn man etwas auszusagen habe. Wenn dies nicht der Fall sei und man trotzdem meine, man müsse etwas schreiben, so komme im besten Fall Gewäsch oder völlig Unverständliches heraus.
Richtig schreibe die Person, deren Herz voll sei. «Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.» Statt «Mund» könnte man auch «Feder», «Bleistift» oder «Schreibmaschine» setzen. Das Gegenteil sei der Zwang zum Schreiben: «Geh über, Mund, sei das Herz voll oder leer!»
Ich habe mich ein Leben lang bemüht, dann zu schreiben, wenn ich etwas auszusagen hatte und von dem ich annehmen konnte, dass es die Leserin oder den Leser interessiere. Ob es mir immer gelungen ist, muss ich offen lassen. Das gilt natürlich auch für meine Diskussionsbeiträge hier im Seniorweb.
Auf diese Gedanken haben mit der Artikel von Anton Schaller sowie die Kommentare von Bernhard Schindler und von Roberto Binswanger gebracht.