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Migros–Kader: Mit 63 ist Schluss!

Migros–Kader: Mit 63 ist Schluss!

Migros-Kaderangehörige dürfen nicht nur mit 63 Jahren in Pension, sondern sie müssen. Da gibts keine Ausnahmen.

Pult räumen! (Bild: fotobox pixelio.de)

In einer Schrift aus dem Jahre 1969 (Quelle: MGB Schweiz) wird Gottlieb Duttweiler, Gründer und Übervater der Migros, wie folgt zitiert: „Grundsätzlich sollten die Leute, die das Pensionierungsalter erreicht haben (damals Frauen 58, Männer 62 Jahre) ihr Leben geniessen, ihren Hobbies frönen können.“  Eine Belohnung also für treue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

 

Herr B., ein sehr treuer und noch ganz und gar fitter Kadermitarbeiter, sieht die Sache allerdings ein bisschen anders. Weil er sich in seinem Job wohlfühlte, wollte er nämlich nicht mit 63 aufhören, sondern bis 65 weiter arbeiten: „Ich habe so lange diskutiert mit den zuständigen Leuten, weil ich auch nach 63 hier arbeiten wollte, aber es gab keine Lösung.“ In wenigen Monaten geht Herr B. in Pension – zwangspensioniert. Weil er tüchtig ist, fand er innert Kürze einen neuen Job mit reduziertem Pensum und flexiblen Arbeitszeiten. Der Migros geht damit wertvolles Know-how verloren.

 

Und jetzt kommt der „clou“: „Gewöhnliche“ Arbeitnehmende der Migros dürfen mit 63 in Pension gehen (2011 ab 64), können aber, wenn sie wollen, auch ohne weiteres bis 65 arbeiten. Bei Kaderangehörigen ist in jedem Fall mit 63 Schluss – von länger arbeiten (also über Alter 65 hinaus) schon gar keine Rede. Ob der Mitarbeitende gut oder schlecht ist, spielt keine Rolle. Eine Anstellung à la carte, um von den wertvollen Erfahrungen einer Mitarbeiterin oder eines Mitarbeiters zu profitieren, ist nicht möglich.

 

Und dies ausgerechnet in einer Zeit, wo diverse Politiker und auch Wirtschaftsorganisationen von einer Anhebung des Rentenalters sprechen.

 

Ein starres Rentenalter wird immer mehr zum Ladenhüter. Was heutzutage gefragt ist: eine Flexibilisierung des Rentenalters nach unten, aber auch, wenn erwünscht, nach oben. Wie zum Beispiel beim berühmten Autor Erich von Däniken (75), der in einem Interview in der Gratiszeitung „20 Minuten“ meinte: „Mich treibt die Neugier. Ich werde arbeiten, bis ich in die Grube steige.“

 

Und Gottlieb Duttweiler, wie hielt er es mit der Pensionierung? Nun, er verstarb im Alter von 74 Jahren, wobei von ihm nicht bekannt ist, dass er sich irgendwann pensionieren liess. Höchstwahrscheinlich arbeitete er bis zu seinem Tode, obwohl er nicht nur Kaderangesteller, sondern sogar Boss war. Was dem Dutti gestattet war, ist den Dutti-Nachkommen verboten: nämlich zu arbeiten, solange sie noch wollen und ihre Leistung (ein M besser)  erbringen.

 

Kommentare

Auf dem Höhepunkt des Erfahrungswissens

Obwohl der demographische Wandel nicht mehr zu leugnen ist, haben viele grosse Schweizer Unternehmen noch nicht die richtigen Massnahmen ergriffen, um die Mitarbeitenden, die teilweise seit Jahrzehnten für sie tätig sind, zu motivieren, über den 65. Geburtstag hinaus zu arbeiten. Es gibt keine grundsätzliche Scheu der Arbeitnehmenden in der Schweiz, länger berufstätig zu bleiben: Wenn ABB etwa sechzig Angestellte im Alter jenseits der 65 hat, dann greift das Personal-Konzept des Unternehmens. Entscheidend ist, dass es eine Unternehmenskultur gibt, die es den Mitarbeitenden erleichtert, länger zu bleiben.

Laut Francois Höpflinger fehlt es vielen Unternehmen aber leider an Wertschätzung gegenüber den über 50-Jährigen. Diese Geringschätzung ist mit der Realität nicht zu vereinen. Tatsache ist: Wer von älteren Mitbürgern nichts mehr erwartet, unterschätzt die heute 60- und 75-Jährigen hoffnungslos. Viele sind gerade erst auf dem Höhepunkt ihres Erfahrungswissens. Es ist eine grosse gesellschaftspolitische Herausforderung, in welcher Wertekultur wir den demographischen Wandel generationengerecht und generationenverträglich gestalten!

Um eine längere Berufstätigkeit zu ermöglichen, sollten die Mitarbeitenden von „Mittelstrecken- zu Langstreckenläufern“ umtrainiert werden. Das heisst, der Rhythmus und die Intensität der beruflichen Beanspruchung ist so auszugestalten, dass die Mitarbeitenden physisch und psychisch in der Lage sind, schadlos und mit Lust länger zu arbeiten. Der demographische Wandel wird neue Formen der Arbeit und der Arbeitsorganisation, Neuregelungen des Pensionsalters, Reformen und Änderungen im Generationenvertrag und anderes mehr erforderlich machen: Es ist gar nicht einzusehen, warum Kader bei der Migros eine Ausnahme von der Leistungsfähigkeit und von der Leistungsbereitschaft her sein sollen. Warum werden sie mit 63 Jahren zwangsweise in den Ruhestand geschickt? Wer von Ruhestand spricht, zeichnet ein Bild des Alters vor, das keine Tätigkeit mehr einschliesst. Ruheständler sind von gesellschaftlich bedeutsamen Aufgaben ausgeschlossen. Sie stehen still und verharren in Ruhe. Wenn jemand den Arbeitsplatz verlässt, um in Ruhestand zu treten, dann riecht es fast schon nach der letzten Ruhestätte. Wo bald schon die Angehörigen der älteren Generation die Mehrheit der Bevölkerung stellen werden, kann auch eine Migros nicht auf berufliche und menschliche Reife und Erfahrung der über 63-Jährigen mutwillig verzichten.  Es muss auch endlich die letzte Alterslimite nach oben fallen: Wer das möchte und wer dazu in der Lage ist, der soll so lange berufstätig sein dürfen, wie er will.

Hinter vielen Alterslimiten steht ein überholtes Altersbild: Wer das Regel-Pensionsalter erreicht, ist angeblich verbraucht, erschöpft, nicht mehr fähig, noch weiterzumachen. Die Jungpensionierten fast aller Berufssparten sprechen diesem Altersbild heute Hohn.

Die terzStiftung argumentiert grundsätzlich gegen Alterslimiten. Um dem Risiko vorzubeugen, dass es in einigen Jahren einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften gibt, treten wir stattdessen dafür ein, die Kompetenzen und das Erfahrungswissen älterer Menschen für Gesellschaft und Wirtschaft nutzbringend einzusetzen.

René Künzli (Präsident der terzStiftung) und Dr. Thomas Meyer (Wissenschaftlicher Leiter)

Jürgen Kupferschmid Leiter Öffentlichkeitsarbeit und terzMagazin terzStiftung

Bild des Benutzers Maja Petzold

Altersgrenze für Pensionierung

Gut, dass Du dieses Thema zur Sprache gebracht hast! Es wird in den nächsten Jahrzehnten immer wichtiger werden, aus zwei Gründen: 1. wie Du selbst schreibst, darf die Erfahrung der Älteren nicht verloren gehen; 2. nimmt die Zahl der Arbeitnehmenden in den kommenden Jahrzehnten beunruhigend stark ab, mit den bekannten Folgen: ein wachsendes Loch in der AHV-Kasse. Berufstätige gleich welchen Alters tragen dazu bei, die befürchteten Finanzierungslöcher zu füllen! 

Es ist wohl ein alter Zopf, dass ein Mann bis 65 (oder eine Frau bis 64) voll zu arbeiten hat, und dann nichts mehr tun darf - ausser Freiwilligenarbeit, z.B. bei Seniorweb. Starre Grenzen müssen nun endgültig aus der Welt geschafft werden.

Es ist nämlich statistisch bekannt, dass ältere Menschen in unserer Zeit zumeist bei guter Gesundheit sind. Warum sollte ein Mensch nicht arbeiten dürfen, so lange er dazu gewillt ist und dazu geistig und gesundheitlich in der Lage ist.

Vor allem die Gewerkschaften - die alten Verfechter eines möglichst niedrigen Pensionsalters - müssen hier umdenken. Hoffen wir, dass sie das bald schaffen und dass sich in der ganzen Gesellschaft ein neues Bild vom energievollen, dynamischen Alter durchsetzen kann.