So oder so, die heutige Werbeflut im Briefkasten, im Internet und am Telefon gibt mehr Desinformation als Information und kann zur Hölle werden.
Als Journalist liess ich mich schon vor Jahren von meinem Druckerei-Direktor belehren: Wir von der schreibenden Zunft leben nicht nur von den Annoncen in den von uns betexteten Zeitungen, sondern auch von der Werbung, welche Druckerei-Kunden bei uns gestalten und drucken lassen und die daraufhin in unsere Briefkästen flattert. Ich habe das eingesehen und an meinem Briefkasten nie den Hinweis angebracht: „Werbung unerwünscht“ oder „Bitte keine Werbung“.
Aber langsam werden Werbedrucksachen zur Flut.
Wer heute seinen Briefkasten öffnet, findet in seiner Post zwei Rechnungen, eine Mahnung, eine Ansichtskarte einer Verwandten von ihrer Kreuzfahrt im Mittelmeer, drei Versandhaus-Kataloge, ein Flugblatt und ein „direct mail“, eine als Brief getarnte, den Empfänger persönlich anschreibende Reklame. Glück hat, wer nicht noch gleichzeitig benachrichtigt wird, dass er in einem Wettbewerb gewonnen habe und mit einer sensationellen Werbefahrt geködert wird, an der er den Preis gleich abholen könne.
Von dieser Werbeflut profitieren hauptsächlich die Post oder ein Verteilzentrum. Dabei hat die Post offenbar doch ein schlechtes Gewissen: Wenigstens in den Räumen, wo Direktabholer ihre Postfächer leeren, stellt die Post diskret Kartonschachteln auf, in welche unerwünschte Werbung weggeworfen werden kann. – Privatkunden aber müssen ihre Kataloge, Flugblätter und Bettelbriefe von zu Hause aus selber entsorgen.
Ein besonders hartnäckiger Reklamehengst, gegen den ich reklamiere, ist ein schweizerischer Hemden- und Hosenhersteller, dessen wöchentlich eingeworfenen Briefe ich längst ungeöffnet in die Altpapiersammlung tue. Neuerdings erscheinen diese Werbebrüller aus dem Wal-Busch auch als Beilagen in der Tageszeitung, worüber sich wiederum mein Druckerei-Direktor freut.
Ich bin bevorzugter Kunde
Bild: Alle paar Wochen wieder Post von einem Weingut in Italien mit sensationellen Angeboten, obwohl noch nie dort bestellt und zweimal Briefe mit dem Vermerk "unerwünscht" zurückgeschickt.
Natürlich haben die Werber längst auch das Telefon mit Beschlag belegt. So bekomme ich jeden Monat den Anruf einer Kellerei, bei der ich vor zwanzig Jahren einmal einen Karton Burgunder bestellt habe.
Meine Hinweise, ich tränke nur noch Schweizer Weine oder ich sei auf Diät gesetzt und dürfe keinen Alkohol mehr trinken, ja selbst die ehrliche Aussage, wenn mir dazu zu Mute sei, bei dieser Kellerei Wein zu bestellen, würde ich das selbstverständlich tun, nur jetzt hätte ich dazu kein Bedürfnis, fruchten nichts.
Nächsten Monat strahlt mich wiederum eine geschulte Telefonstimme an: „Wir haben jetzt gerade ein besonderes Angebot für unsere besten Kunden und haben natürlich zuerst an Sie gedacht…“
Wie zieht man sich elegant aus der Schlinge?
Alle drei Wochen erfahre ich telefonisch, ich hätte einen zweistelligen Geldbetrag gewonnen, aber noch nicht abgeholt. Dann bedauere ich regelmässig: „Ich bin ein so schrecklicher Glückspilz und gewinne bei jeder Lotterie und jedem Wettbewerb. Ich schwimme im Geld und weiss nicht mehr, wohin damit. Könnten Sie Ihr Geld nicht an jene Menschen verschenken, die es dringend nötig haben?“ – Meist habe ich darauf vor dieser Lotterie oder diesem Veranstalter meine Ruhe – aber leider nur, bis ein neue Telefonberater dort eingestellt wird und sich an meine beste Kundschaft erinnert.
Die Swisscom ermöglicht den Inskribenten im Telefonbuch (gegen Gebühr) den Eintrag eines Sternchens, das darauf hinweist, dass der Telefonanschluss-Besitzer keine Werbung wünscht. Aber was nützt das Sternchen, wenn sich die Telefonverkäufer nicht daran halten?
Die Schweizerische Konsumenten-Schutzorganisation (SKS) rät den geplagten Telefonkunden, die in der Regel zwischen 12 und 12.30 Uhr oder abends beim Nachtessen oder bei der Tagesschau angerufen werden:
„So wehren Sie sich gegen lästige Werbung per Post und Telefon:
- Verlangen Sie bei Directories (Tel. 0848 86 60 86) einen Stern-Eintrag im Telefonverzeichnis.
- Wenn Sie trotz des Sterns unerwünschte Werbung erhalten: Fragen Sie den Anrufer nach der Adresse des Auftraggebers und schreiben Sie diesem, dass Sie keine Werbung wünschen (Kopie von Pass oder ID beilegen). Achtung: Es gibt Firmen, die angeblich eine Umfrage zu einem bestimmten Thema durchführen wie etwa Sicherheit oder Sprachkenntnisse, dabei wollen sie Ihnen eine Alarmanlage oder einen Kurs verkaufen.
- Lassen Sie Ihre Adresse für Werbezwecke beim Schweizerischen Verband für Direktmarketing sperren (SDV-Robinsonliste, Postfach, 6343 Rotkreuz, www.dmverband.ch).
- Schicken Sie unerwünschte Werbeschriften an den Absender zurück mit dem Vermerk «Ich untersage die Verwendung meiner Adresse zu Werbezwecken».
- Bringen Sie diesen Vermerk jedes Mal an, wenn Sie Angaben zu Ihrer Person machen, zum Beispiel bei Wettbewerben, Bestellungen von Produkten oder Infomaterial, beim Buchen von Weiterbildungskursen, Vereinsbeitritten etc.
- Schreiben Sie Ihrer Gemeindeverwaltung, dass Sie einen Verkauf Ihrer Adresse nicht wünschen.“
Ich melde mich zu Zeiten, an denen wir zu Tisch sitzen, „Schindler beim Essen“…
Ist meine Meinung noch gefragt?
Beinahe ebenso lästig wie die unerwünschten Werbetelefonate sind die Befragungen aller möglichen Meinungsforschungs-Organisationen. Nun ist es sicher legitim, dass sich eine Firma vor der Lancierung eines Produktes über die Konsumentengewohnheiten und -Präferenzen informieren will. Leider stellt sich in der Regel bei einem solchen Interview am Telefon erst spät heraus, dass man gar nicht zur Reihe der zu Befragenden gehört. Darum weise ich Marktforscher am Telefon immer schon bei Gesprächsbeginn darauf hin: „Entschuldigen Sie, haben Sie sich richtig erkundigt. Wissen Sie, dass ich schon 84 bin?“
Meist entschuldigen sich dann die Marktforscher schnell und ich habe wieder meine Ruhe.
So viel übrigens auch dazu, wie sehr unsere (ältere) Meinung noch gefragt ist…
Aber das ist wieder eine andere Geschichte.
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