Der "Prix Chronos" wird zum fünften Mal in der Deutschschweiz ausgerichtet. Die Idee kam 1996 aus Frankreich und ist über die Romandie vor fünf Jahren auch in die deutsche Schweiz vorgedrungen: Kinder zwischen acht und zwölf Jahren lesen ausgewählte Kinderbücher, welche gleichzeitig von der Grosselterngeneration – also der eigentlichen Vorlese-Generation, gelesen werden. Jung und Alt bewerten die Bücher unabhängig voneinander, erstellen sozusagen eine Bestenliste. Das Siegerbuch wird jeweils an einer kleinen, sympathischen Feier vorgestellt.

Das Grundthema der von einer Fachstelle vorgeschlagenen Bücher muss die Auseinandersetzung und/oder das Eingehen auf die junge und die alte Generation sein. Die alte, wohlgemerkt, nicht nur jene der Elterngeneration. Davon gibt es offenbar nicht allzu viele Neuerscheinungen im deutschsprachigen Raum, weshalb auch auf Übersetzungen zugegriffen werden muss. So wurde in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal ein Buch der wunderbaren amerikanischen Autorin Paula Fox in einer ausgezeichneten Übersetzung in die Auswahl genommen, das in erstaunlicher Übereinstimmung sowohl von den Kindern als auch den SeniorInnen auf den zweiten Ehrenplatz gesetzt wurde („Ein Dorf am Meer“ - siehe Bücherliste). Paula Fox’ Schreiben für Erwachsene wie für Kinder „kenne eine ganz eigene, leise Vollkommenheit“, urteilte ein deutscher Kitiker in „Die Welt“.
Gegen eine so überragende Autorin hatte das schmale Erstlingsbuch einer deutschen Autorin anzutreten und – gewann den ersten Preis: „Opa Meume und ich“, eine anrührende Geschichte eines kleinen Mädchens und ihres alten Nachbarn, der quasi Opastelle an ihr vertritt, während die Mutter arbeiten geht. Das von Jackie Gleich beeindruckend und in einem stark akzentuierten Stil illustrierte Buch von Maggie Schneider endet zwar mit dem Tod des alten Mannes, ist aber trotzdem von einer positiven, liebevollen Grundstimmung geprägt. Und was bei der Vergabe des Prix Chronos kaum vorkommt: Das Siegerbuch wurde von beiden Generationen einmütig auf das Podest gehievt. Maggie Schneider ist der Künstlername von Mascha Schwarz, die 2006 den kleinen Tulipan-Verlag München gründete, in dem das Siegerbuch natürlich auch erschienen ist.
Die Preisverleihung fand dieses Jahr im Technorama Winterthur statt, einem faszinierenden, interaktiv bestückten Museum der physikalischen Phänomene, den ich zum ersten, aber gewiss nicht zum letzten Mal besucht habe. Moderator Matthias Nold begrüsste ausser den für die gesamte Durchführung verantwortlichen VertreterInnen der Bibliothek Pro Senectute Zürich unter der Leitung von Seniorweb-Stiftungsrätin Lisa Wyss Ribi auch den als Gast eingeladenen Sekretär von Pro Senectute Westschweiz, Alain Huber. Im übrigen waren insgesamt 30 schweizerische Bibliotheken im Vorfeld beteiligt. Die Literaturkritikerin Christine Lötscher, welche für die Auswahl der nächsten Staffel verantwortlich sein wird, sprach über Kriterien ihrer Arbeit. Martin Hauzenberger, Redakteur von „Zeitlupe“ und ein begnadeter Hackbrettspieler und Liedersänger, begleitete musikalisch durch den Anlass. Wie auch letztes Jahr schon stellte er auch diesmal das Siegerbuch in einem eigenen Song vor. Singend präsentierten sich auch drei Klassen der Primarschule Tann/ZH.
Die nächste Staffel des Prix Chronos startet im August. Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, als SeniorIn aktiv beim Lesen und Bewerten mitmachen wollen, erkundigen Sie sich bitte bei: prix.chronos@pro-senectute.ch
Die fünf bewerteten Bücher 2010:
Opa Meume und ich
Text Maggie Schneider, Bilder Jacky Gleich. Tulipan-Verlag, 2008
Ein Dorf am Meer
Text Paula Fox. Boje-Verlag 2008
Grossvater und ich
Text Karla Schneider, Bilder Tilmans Michalski. dtv-Reihe Hanser 2008
Hexenheim Horizont
Text Marjaleena Lembcke, Bilder Stefanie Harjes. Verlag Nagel & Kimche 2009
Schuhhaus Pallas
(Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte)
Text Amelie Fried. Verlag Carl Hanser 2008.
(Fotos Laura Weidacher und Pro Senectute)