Als Reise ins Licht empfiehlt sich ein Besuch der Ausstellung «Giovanni-Giacometti – Farbe im Licht» im Kunstmuseum Chur. Die 90 Werke sind ein Hymnus auf das Licht.
Giovanni Giacometti (Selbstbildnis aus dem Jahr 1900: oben) aus Stampa gehört neben Ferdinand Hodler, Cuno Amiet und Félix Valloton zu den führenden Schweizer Künstlern, die zwischen Impressionismus, Postimpressionismus und Fauvismus die wesentlichen Neuerungen der Moderne aufgenommen und weiterentwickelt haben. Von seinem herausragenden Schaffen geht eine enorme koloristische Kraft aus, die weiter wirkte. Obwohl er wesentliche Beiträge zur Erneuerung der Schweizer Malerei im frühen 20. Jahrhundert leistete und innerhalb der modernen Malerei als eine bemerkenswerte Persönlichkeit gilt, wird seine Kunst oft unterschätzt. – Die Ausstellung im Kunstmuseum Chur kann da vielleicht etwas dagegen wirken. Sie ist in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Bern entstanden, wo Ende 2009 bis Anfang 2010 eine ähnliche Werkschau des Künstlers zu sehen war.
Winter in Maloja, 1910
Mit über 70 Gemälden ist der Fokus der Ausstellung in Chur, ergänzt durch einige Fotos aus seinem Leben, ganz auf seine geniale, vibrierende und für die damalige Zeit mutige Orchestrierung des Lichtes ausgerichtet. Es ging dem Künstler primär um die Wiedergabe und die Intensivierung der Licht- und Farbwirkung, die er durch das Nebeneinandersetzen von Pinselstrichen mit meist ungemischten, oft komplementär gesetzten Farben erreicht. Spannend erweist sich die Dialektik zwischen Abbild von Licht, also Natur, und dem Erschaffen von Licht durch Farbe, also Kunst.
Regenbogen, 1905/06
Die Zeit von 1905 bis 1920 scheint mir die Zeit zu sein, in der Giacometti am revolutionärsten war und seine bahnbrechenden Bilder schuf, mit denen er in die Weltkunst eingegriffen hat. Bilder wie «Die Lampe» von 1912, «Maternité» von 1905 und «Fiametta II» (unten) von 1919 stehen dafür. Dieser Phase in seinem Oeuvre gingen Jahre des Suchens und Entdeckens voraus. Belegt in Bildern wie «Bergeller Berge» von 1901 mit den kühnen silbrigen Sonnenstrahlen oder «Herbst» von 1903 mit seinen auffällig wohlgeformten Schatten. Und in der Phase bis zu seinem Lebensende brachte er Werke hervor, die gekonnt und meisterlich sind, jedoch vielleicht weniger überraschend, etabliert und in die verschiedensten Richtungen weiter experimentierend: flächig, linear, koloristisch. So im «Tanz ums Johannisfeuer» 1916/17 und in den «Sonnenkindern» in verschiedenen Fassungen. Nie war es eine Frage des Sujets, sondern immer eine Frage des Lichtes, das alle Sujets in Lichtfarben, in Lichtbilder verwandelte.
Fiammetta II, 1919
«Ich bin immer noch ganz davon überzeugt, dass für den Maler alles durch das Licht existiert. Für mich ist die Farbe viel mehr Ausdruck des Lichts als dekoratives Motiv gewesen. Ausserdem glaube ich, dass alle Wirklichkeit in uns selbst sein muss, um in unseren Werken leben zu können. Man kann die Sonne nicht malen, wenn man sie nicht in den Augen hat – oder, – wenn sie wollen, in der Seele.» So schrieb er einem Malerfreund in einem Brief. Sehen und Spüren sind einerseits die Schlüssel für Giacometti Kunstanschauung und gleichzeitig der Zugang für den Betrachter. Dass das Licht nicht bloss eine Sache der Landschaft ist, sondern auch der Menschen, besagt dieser Brief. Dasselbe belegen auch Bilder wie die verschiedenen Fassungen der «Sonnenkinder». Denn gemeint ist mit dem Licht wohl das Licht, nach dem Goethe auf dem Totenbett gerufen haben soll: «mehr Licht!» Auch wenn dieser Ausspruch umstritten ist, Sinn macht er für Goethe, für Giacometti – und ich denke – für uns, vielleicht auch als «lux oriente», das Licht, das aus dem Orient kommt.
Wintersonne beim Maloja, 1926
Zur Ausstellung ist, ebenfalls in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Bern, ein höchst interessanter und gut lesbarer Katalog entstanden, welcher nach dem Besuch der Ausstellung zu Hause die Erlebnisse im Museum zu vertiefen verhilft: «Giovanni Giacometti. Farbe im Licht», Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2009, 216 Seiten, 151 Abbildungen, davon 131 in Farbe, Fr. 49.-.
Siehe dazu auch den Bericht über die Berner Ausstellung, deren Aussagen auch für die Churer Ausstellungen Geltung haben:
http://www.seniorweb.ch/type/magazine-story/2009-11-21-giovanni-giacometti-vom-licht-inspiriert.
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Diese Ausstellung wurde vorher im Kunstmuseum Bern gezeigt. Ich bin (mit Museumspass) mehrmals hingegangen, denn mich haben vor allem die Farben und Darstellungen, auch Giacomettis künstlerische Entwicklung sehr fasziniert. Wer es aus der Region Zürich nicht geschafft hat, nach Bern zu fahren, hat ja nun die wunderbare Gelegenheit, in die andere Richtung zu fahren. - Allen, die sich für die Kunst vor und nach der Wende zum 20. Jahrhundert interessieren, kann ich den Besuch sehr empfehlen.
Giacomettis Reise ins Licht
Liebe Maja
Vielen Dank für deinen Kommentar. Darf ich deine Anmerkung präzisieren. Die Giacometti-Ausstellung in Bern und Chur entstanden wohl in Zusammenarbeit, sind jedoch vom Umfang und von der Ausrichtung her verschieden. Vielleicht interessieret dich die Antwort der Berner Kuratorin, die ich eingeholt habe:
«Chur hat nicht alle übernommen, da sie weniger Platz haben, z.B. die ganz grossen gingen nicht weiter. und auch nicht alle Vergleichwerke von Amiet, die noch bei uns waren. Ein paar wenige Leihgeber wollten auch nicht weiterleihen, Dafür ging eine Schneelandschaft aus Aarau direkt nach Chur (ist aber im Katalog abgebildet), die hatten wir nicht, dafür hatten wir die beiden Landschaftsbilder aus Aarau, die nun nicht in Chur sind. Chur hat ja selbst grosse Bestände an Werken von Giov.Giacometti, sie haben das eine oder andere auch noch aufgenommen resp. in ihrer Sammlung gehängt. Jede Ausstellung sieht an anderem Ort und in anderer Zusammenstellung immer wieder ganz anders aus! Mit bestem Dank für ihr Interesse und freundlichen Grüssen Therese Bhattacharya»