Gesellschaft

Eine weit gereiste Dame

Eine weit gereiste Dame

Erinnerungen an das Vorkriegs-Alexandria

Bild oben: Esther Zimmerli in ihrer heutigen Wohnung in Allschwil vor einem Teppich, den ihr Vater von den Ägyptern zum Abschied erhalten hat.

Esther Hardman-Zimmerli war lange Jahre eine Auslandschweizerin; sie wurde in Alexandrien geboren und dort eingeschult. Später hat sie in der Schweiz die Handelsschule absolviert. Während eines Ferienaufenthaltes im Berner Oberland lernte sie ihren späteren Mann Thomas kennen, der ein begeisterter englischer Bergsteiger war. Nach dem Handelsdiplom reiste sie nach England, wo ihr Mann als Berufsoffizier stationiert war. Nach ihrer Heirat begleitete sie ihren Gatten nach Göttingen, Berlin und Jamaika.

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Bild: Die junge Esthi auf dem Schoss ihrer Mutter.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Esther Zimmerli stammt ursprünglich aus einem bekannten Aarburger Geschlecht. Ihr Grossvater war zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg Stadtpräsident von Luzern.

Ihr Vater war Arzt und reiste 1929 auf Geheiss der ägyptischen Regierung nach Kairo, als Direktor des Sanatoriums in Heluan. Einige Monate später eröffnete er eine Praxis in Alexandrien.

Das Leben in Alexandrien

Glücklich berichtet die Arzttochter in ihrem 1998 auf deutsch erschienen „Erinnerungsbuch einer in Ägypten geborenen Schweizerin“ über ihre Kinderjahre im damals noch kosmopolitischen Alexandrien mit den verschiedenen jüdischen, griechischen, französischen, englischen und auch Schweizer Klubs.

Von 1934 bis 1950 lebte Esther, mit Ausnahme einiger kurzer Aufenthalte bei den Grosseltern in Basel und Luzern, in Ägypten.

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Bild: Empfang des neuen Schweizer Arztes vor dem Spital.

"Das gesellschaftliche Leben der Ausländer in Alexandrien war sehr vielfältig", schreibt Esther Zimmerli in ihrem Buch: " So existierten z.B. englische und französische Yachtklubs mit zahlreichen Mitgliedern. Obwohl wir Schweizer keine Seefahrernation sind, besassen wir bis anfangs der fünfziger Jahre unseren eigenen Yachtklub. Dazu gab es einen  Schweizer Schützenverein, der oft und gerne von König Faruk besucht wurde."

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Bild: Vater Zimmerli bei einem Kamelausritt in die Wüste.

In ihrem Buch beschreibt Esther die Begegnung mit dem König so: „Ich war höchst erstaunt, als ich den König an einem Kegelfest im Schweizer Klub zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Da ihm an jenem Abend mein Vater, zusammen mit einem anderen Arzt, vorgestellt wurde, hatte ich gute Gelegenheit, ihn aus der Nähe zu betrachten. Wie ganz anders sah er aus als der Herrscher, den ich nur von Porträts her kannte, die in allen grösseren Geschäften und amtlichen Gebäuden aufgehängt waren. Auch die Briefmarken, besonders die braunen 1 mill und die orangenen 2 mills der vierziger Jahre zeigten einen gut aussehenden Jünglingskopf. Von der späteren dunkelgrünen 30 mills Marke mit den Pyramiden im Hintergrund blickt ein etwas korpulenter König in die Welt. Den Mann, vor dem sich mein Vater verbeugte,  erkannte ich jedoch kaum. Was ich am allerwenigsten erwartet hatte, waren sein blondes Haar und seine blauen Augen, die seine albanische Herkunft verrieten. Hinzu kam, dass er erheblich zugenommen hatte.“

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Bild: Schulklasse, die Esther Zimmerli besuchte

Ihr Leben, umgeben von Eltern, Freunden und Bediensteten, glich in jeder Hinsicht dem komfortablen Leben der Engländer oder Franzosen in ihren Kolonien. Esther besuchte zuerst  die Schweizer Schule, (deren Unterricht  Französisch war), später ein englisches College. Zu Hause sprach sie Baseldytsch, nur mit dem Arabischen hatte sie etwas Mühe. Jedenfalls hat sie ein zauberhaftes Alexandrien kennen gelernt, eine Kulturstadt wie es sie heute nicht mehr gibt.
 

1950 kehrt die Familie Zimmerli nach Basel zurück, wo der Vater, dem vorerst keine Kassenpatienten zugewiesen wurden,  eine Praxis eröffnete.
 

Nach dem Handelsabschluss reiste Esther 1954 für ein Jahr nach London, wo sie zu einem bescheidenem Lohn auf einem Büro in der City arbeitete. Sie hatte, da sie der englischen Sprache kundig war, das Glück, nicht als Au-Pair-Mädchen arbeiten zu müssen.

Bild unten: Eine im Krieg von Alexandra abgeschickte Ansichtskarte von Ägypten mit Briefmarken von König Faruk sowie drei verschiedenen Stempeln der jeweiligen Zensurbehörden der Länder, durch die die Karte geschickt wurde.

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Göttingen und Berlin

Das Paar heiratete in der St.-Niklauskapelle des Basler Münsters, ihr Mann Thomas sowie dessen Freund und Trauzeuge traten in der Gala-Uniform ihres Border Regiments auf. Für das Tragen der Uniform samt Schwert und Offizierskappe hatten die beiden um eine spezielle Bewilligung in Bern nachsuchen müssen.

Die nächsten Jahre verbrachte Esther als Offiziersfrau der englischen Besatzungsarmee zunächst in Göttingen, später in der Viermächte-Stadt Berlin. Dort vermisste die Schweizerin hauptsächlich, dass man sonntags nicht „einfach aufs Land“ fahren konnte. Berlin war eine abgeschottete Stadt mitten in der DDR. Und auch die Westalliierten, die in Berlin Dienst taten, fühlten sich wie die Berliner als ‚Insulaner’.

Jamaika in Übersee

Wirklich auf eine Insel verschlug es das Ehepaar mit ihren Kindern drei Jahre später, als ihr Mann nach Jamaika versetzt wurde. Jamaika ist die grösste Karibikinsel und gemäss Schilderungen der Offiziersgattin ein „Tropenjuwel“.

1959 übernahm Thomas seinen Dienst beim West India Regiment. Jamaika, das nach 300 Jahren Zugehörigkeit zur britischen Krone, drei Jahre später die Unabhängigkeit erlangen sollte, war wirklich ein Paradies, wenn auch die anfänglich ungewohnte Hitze mit grosser Luftfeuchtigkeit der Familie arg zu schaffen machte.

Esther Hardman-Zimmerli  hat noch viele Abenteuer erlebt und ist eine Zeitzeugin einer vergangenen Welt. Heute lebt sie in Allschwil und zehrt noch immer von ihren vielfältigen Erinnerungen.

Im Februar 2009 reiste  Esther erneut in ihre alte ‚Heimat’, um das von der ‚Bibliotheca Alexandrina’ ins Englische übersetzte Buch:  „From Camp Caesar to Cleopatra’s Pool  - A Swiss Childhood in Alexandria 1934-1950“  dem englischsprechenden Publikum vorzustellen.

Was ihr jetzt noch am Herzen liegt, ist eine 2. Auflage ihres vergriffenen, reich illustrierten Buches.

 

Kommentare

Bild des Benutzers Brigitte Poltera

Au-pair zu arbeiten, war gar nicht so schlecht

Es muss sicher ein grosses Erlebnis gewesen sein, Alexandrien vor dem zweiten Weltkrieg zu erleben. Als ich vor zwei Jahren Assuan besuchte, hätte ich mir gewünscht, ich könnte mich in der wunderschön gelegenen Stadt offener und freier bewegen und mich mit den Frauen von Assuan freuen, mehr als dies heute mit den rigiden Vorschriften eines streng ausgelegten Islams möglich ist. Das wird sich wieder ändern, nur werde ich dann wohl nicht mehr an den Nil reisen können.

Einige Erlebnisse von Frau Zimmerli sind, wie für jedermann, auch mit ihrem sozialen Status verknüpft. In England "musste" man ja nicht unbedingt als Au-Pair-Mädchen arbeiten (neben den selten zu ergatternden Arbeitsbewilligungen gab es ja auch noch Sprachschulen). Ich war fünf Jahre später als Frau Zimmerli als Au-Pair in Manchester, in einer sehr guten Familie mit fünf Kindern. Ich wurde wohlwollend betreut. Die ungewohnte Hausarbeit war zwar hart, doch habe ich viel gelernt über die Organisation eines Haushaltes und über Land und Leute, und ich zähle den Au-Pair-Aufenthalt zu den wichtigsten Erfahrungen in meinem Leben.

Darum bin ich enttäuscht, dass der Bundesrat heute die Anzahl Aufenhaltsbewilligungen für Au-Pairs begrenzen will. Wie sonst soll man denn noch ein fremdes Land und die Menschen auf einfache, selbstverständliche Art kennen lernen können?

(In Kilchberg ZH hat eine Mutter von drei Kindern eine junge Mongolin als au-pair angestellt, zur grossen Zufriedenheit beider Partnerinnen - weitere darf sie nicht mehr engagieren, da sie für diese Mädchen, die ausserhalb der EU leben, keine Arbeitsbewilligung mehr bekommt - warum eigentlich nicht?)