Als wir vor vierzig, fünfzig Jahren ins Kino gingen und gute Filme liebten, befanden sich darunter sicherlich auch Werke von François Truffaut (rechts) und Jean-Luc Godard. Wir waren damals zwanzig, vielleicht auch etwas älter und liessen uns gemeinsam in die Traumwelt des Kinos entführen, tauchten ein in den Esprit und den Charme des Cinéma Français, genossen die überraschende und herausfordernde Welt der Nouvelle Vague. Lang ist’s her. Eine Auffrischung könnte gut tun. Das Kino Xenix in Zürich gibt Gelegenheit, diese Zeit und diese Welt nochmals im Geiste auferstehen zu lassen.
Zu seinem 30-Jahr-Jubiläum zeigt das Kino eine Retrospektive der frühen Filme von Godard und aller Filme von Truffaut - eine Gelegenheit, diese wunderbaren und gescheiten Filme noch einmal oder, wer es damals verpasst hat, erstmals zu sehen. Besonders reizvoll dürfte es sein, nach einem halben Jahrhundert diese grosse Epoche der Filmgeschichte kennen zu lernen oder die Eindrücke von damals zu vertiefen oder zu korrigieren. Zu sehen und zu hören auch, wie man damals gesprochen, gedacht, gehandelt hat.
François Truffaut: Der ewige Junge und die Frauen

«Les quatre cents coups», 1959
Mit «Les quatre cents coups», einem autobiografischen Werk, wechselte Truffaut (1932 – 1984) vom Filmkritiker zum Filmemacher und schuf gleich eine der ehrlichsten und gleichwohl nobelsten Filme des sozialkritischen Genres. Nach dem Krimi «Tirez sur le pianiste», in welchen er sein stupendes Filmwissen eingebracht hatte, folgte «Jules et Jim», die wunderbare Dreiecksgeschichte mit der unvergesslichen Jeanne Moreau zwischen zwei Verehrern respektive Liebhabern.
«Traurig ohne Ende sind Filme ohne Frauen», meinte Truffaut einmal. Und «Die Beine der Frauen sind wie Kompasse, die den Erdball nach allen Richtungen hin ausmessen und ihm sein Gleichgewicht und seine Harmonie verleihen», heisst es in einem seiner Filme. Wer einmal das Glück hatte, mit dem charmanten und weltgewandten Regisseur sprechen zu dürfen, vergisst diesen liebenswürdigen, menschenfreundlichen und bescheidenen Menschen mit seinen bis ins Alter immer jugendlichen Augen nicht mehr. Die Haltung, die seine Augen verraten, kommt auch in all seinen Filmen zum Tragen. Weshalb allein es sich schon lohnt, jeden der Filme zu sehen.
In Erinnerung rufen möchte ich auch die weiteren Titel der Retrospektive, die wohl bei der einen oder beim andern persönliche Erinnerungen oder gar nostalgische Gefühle wecken: «Les deux Anglaises et le continent», «La mariée était en noir», «Fahrenheit 451», «La nuit américaine», «La sirène de Mississippi», «Baisers volés», «Domicile conjugal» und «L’amour en fuite».

Jules et Jim», 1962
Jean-Luc Godard: Provokationen und Experimente
«Egal, was ich mache, es braucht niemandem zu gefallen.» Dieser Satz des schweizerisch-französischen Doppelbürgers Godard (*1930)charakterisiert das intellektuelle Enfant terrible des neuen französischen Films. Nie wiederholt er sich in seinen über fünfzig Werken. Alle waren Experimente, Versuche, Essays: über das Kino, die Kunst, die Politik oder das Leben. Begonnen hat er mit einem wunderbar verrückten Husarenstreich: «A bout de souffle» mit Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg, der so ziemlich alle Regeln des Cinéma de papa über Bord wirft. Gefolgt von «Vivre sa vie», einem frühen, radikalen Frauenfilm eines Mannes: über die Sprache, das Leben, die Liebe, die Frau.

«A bout de souffle», 1960
Typisch für den Provokateur die folgenden Sätze: «Photographie, das ist die Wahrheit. Und der Film ist die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde.» Und: «Um einen Film zu machen, genügen eine Waffe und ein Mädchen.»Erwähnt sein sollen die weiteren Filme, die programmiert sind: «Band à part», «Pierrot le fou», «Le mépris» mit Brigitte Bardot, «Masculin féminin», «La chinoise», «Week End». – Am nächsten Filmfestival von Cannes zeigt Godard übrigens seinen neuesten Film «Socialisme».

«Band à part», 1964
Ein Sonderangebot für die Mitglieder des Seniorweb
Das Kino Xenix bietet den Premiummitgliedern von Seniorweb ein 2:1-Angebot. Mit der Premiumkarte bezahlen die Mitglieder eine Karte (inkl. AHV-Rabatt), die zweite Karte ist gratis.
Das detaillierte Programm der beiden Retrospektiven findet sich auf www.xenix.ch. Achtung, es eilt: Die ersten Filme laufen bereits ab 29. April. Die ganze Schau dauert bis 23. Mai 2010.