Prof. Hans-Werner Wahl in der Bibliothek von Pro Senectute Schweiz
Altern ist eine lebenslange Perspektive, ein spannender Prozess für Andreas Kruse und Hans-Werner Wahl, die gemeinsam das Buch „Zukunft Altern“ geschrieben haben. Altern sei etwas Tolles, aber auch das Verletzlichste im Leben eines Menschen, erklärt Wahl in der Bibliothek von Pro Senectute Schweiz in Zürich, wo er das Buch vorgestellt hat.
Das Buch schafft Lust, sich mit dem erfolgreichen Altern auseinander zu setzen und sich der Doppelbotschaft zu stellen: Es sind die Stärken und die Schwächen, die das Alter prägen. Wichtig für eine stark alternde Gesellschaft ist es, die Stärken zu erkennen und zu fördern und den Altersprozess zu akzeptieren.
Im Buch werden Botschaften der neuen Alternsforschung vermittelt und belegt. Zwischen den Fakten und Empfehlungen erzählen Kruse und Wahl mit dem „persönlichen Blick“ Beispiele aus ihrem eigenen Leben, beide als führende Altersforscher, im Alter von 55 Jahren aber als Senioren sozusagen noch „in den Kinderschuhen“.
Altern - eine Sisyphusarbeit?
Altern heisst, dass wir immer weniger über das verfügen, was wir immer mehr bräuchten. Je älter wir werden, desto fragiler wird unser Lebensabend. Wir stehen vor einer schwierigen Aufgabe und wir sollten uns dafür rüsten.
Der Prozess des Alterns vollzieht sich heute farben- und facettenreich, als höchst heterogenes Geschehen, dessen grösster Feind die Suche nach einer Einfachstruktur ist.
Sicher ist, dass die Lebenserwartung noch ansteigen wird. Ursache und Risiko von Erkrankungen im Alter werden immer besser erforscht und wirksamer bekämpft, Erkrankungen frühzeitig erkannt und behandelt.
Eingebunden in die Mitverantwortung
Das Buch appelliert an Eigenverantwortung. Die demographische Entwicklung wirft eine Reihe von Fragen auf: Wieviel kann der Mensch selbst tun, um Kompetenz, Selbständigkeit und Lebensqualität zu erhalten?
Die Alten werden eingebunden in die Mitverantwortung für Menschen, als aktive Mitgestalter, mit einem Recht auf den Zugang zum öffentlichen Raum, mitverantwortlich für die Schöpfung, für die nachfolgende Generation und für Gerechtigkeit. Dieses aktive Engagement für andere fördere die soziale Integration und schaffe für Senioren Zugehörigkeit, Sinnerleben und Lebensqualität, erklären Kruse und Wahl. Indem sich ältere Menschen engagieren, können sie selbst Veränderungen im Altersbild anstossen, sie werden zu Gebenden (nicht nur zu Nehmenden). Das Engagement der Älteren sei von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Generationensolidarität und für den gelingenden gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Veränderungen der Arbeitswelt
Tatsache ist, dass der demografische Wandel die Bevölkerung schrumpfen und altern lässt und die Arbeitnehmer dazu zwingen wird, Mssnahmen zu Personalentwicklung zu entwerfen, um sich auf die Länge ausreichend qualifiziertes, flexibles und produktives Personal zu sichern. Dazu erarbeiten die Unternehmen ein demografisches Fitness-Programm, das die älteren Mitarbeiter mit einbezieht. In einer „To do“-Liste finden sich Forderungen wie: sich auf Veränderungen in der Altersstruktur der Belegschaft einstellen, Flexibilität fördern, sich an Entwicklungsaufgaben in verschiedenen Lebensphasen orientieren, gesundheitsförderliche Organisationen schaffen und die kontinuierliche Weiterbildung aller Mitarbeiter sicherstellen. Finnland hat beispielhafte Vorarbeit geleistet und wurde dafür mit dem Carl-Bertelsmann-Preis ausgezeichnet.
Einerseits kann die Wirtschaft in Zukunft nicht mehr verzichten auf das Potenzial, das in älteren Mitarbeitern steckt. Andererseits ist es ungewiss, wie sich die finanzielle und wirtschaftliche Situation der älteren Menschen entwickeln wird.
Was kann die Altersforschung bieten?
Kruse und Wahl haben eine Landkarte mit Konstrukten geschaffen, die Veränderungen im biologischen, psychologischen und soziologischen Bereich und Altersinterventionen zeigen. Kurz gefasst: Die aktive Lebenserwartung nimmt weiterhin zu. Parallel dazu wird der alternde Organismus biologisch verletzlicher, und eine ganze Anzahl schwerwiegender Erkrankungen wird ansteigen.
Hingegen können alte Menschen „klotzen“ mit ihren geistigen Leistungen: Sie verfügen über Erfahrung, Weisheit, Weltwissen und über einen guten Umgang mit Emotionen. Die Qualität der Persönlichkeit entwickelt sich im Alter weiter. Man müsste für alte Menschen neue Rollen und Betätigungsfelder finden, um ihr Wissen für die Allgemeinheit besser zu nutzen und persönliches Wachstum im weitfortgeschrittenen Alter zu unterstützen
Ältere Menschen sind mitbeteiligt am sozialen Wandel, sie gestalten ihn mit und schaffen neue Altersstrukturen, die mit ihren Ressourcen und Ansprüchen besser übereinstimmen und die späteren Generationen zugute kommen. Ältere Menschen scheinen in westlich geprägten Gesellschaften nicht ausreichend gewürdigt und gegenüber jüngeren Menschen benachteiligt zu werden
Altersinterventionen
Damit sind die Bemühungen gemeint, bei psychischem und physischem Wohlbefinden ein hohes Lebensalter zu erreichen: das Trainieren der Denkleistungen, des Gedächtnisses und des Körpers, das Erwerben von Strategien im Umgang mit Belastungen des Altwerdens und die Bildung. Im hohen Alter kann neues Lernen eine wesentliche Voraussetzung für die Aufrechterhaltung von Selbständigkeit, Selbstbestimmung und sozialer Teilhabe sein, schreiben Kruse und Wahl.
Zehn Weichen, die heute zu stellen sind
Das Altern sei mit einer Reihe von Anforderungen verbunden, die nicht so einfach „aus dem Ärmel geschüttelt“ werden können, erklären Kruse und Wahl. Das Wissen über das Altern sei eine wichtige Bildungsaufgabe, deren Stellenwert heute noch viel zu wenig anerkannt werde. Sie stellen daher zehn Weichen vor für den Weg in eine gute Alternszukunft:
Neue Anforderungen
„Wie unsere Gesellschaft mit dem Alter umgeht, ob es ihr gelingt, auch das Alter zu einer sinnvollen Phase des menschlichen Lebens zu machen, das wird immer stärker zu einem Massstab für den Stand unserer Zivilisation.“ (Zitat Baltes & Mittelstrass, 1992)
Die Autoren stellen fest, dass wir vor der Herausforderung stehen, eine veränderte Sicht des Alters zu entwickeln, die auch auf die seelisch-geistigen Kräfte in dieser Lebensphase Bezug nimmt. Die potenziellen Kräfte des Alters gesellschaftlich nicht wirklich zu nutzen, das könne sich unsere alternde Gesellschaft nicht leisten.
Und solange die Gesellschaft den alten Menschen ein schlechtes Gewissen einrede, könne man nicht gut altern, meint Hans-Werner Wahl in der Diskussion.
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Eine Bibliotheksveranstaltung von Pro Senectute Schweiz
Das Buch:.
"Zukunft Altern"
Andreas Kruse / Hans-Werner Wahl
2010, XII, 568 S. 33 Abb. geb.
ISBN 978-3-8274-2058-9
Preis SFr. 43.50
www.spektrum-verlag.de
Die Autoren:
Andreas Kruse
Professor für Gerontologie und Direktor des Institutes für Gerontolgie der Universität Heidelberg. Seine Forschungsgebiete sind Verarbeitung von Grenzsituationen, Potenziale des Alterns und Lebensqualität bei Demenzerkankungen.
Hans-Werner Wahl
Professor für Psychologische Alternsforschung am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg. Seine Forschungsgebiete sind die Untersuchung der Rolle von Umweltbedingungen für gutes Altern und die psychosozialen Auswirkungen von Altern mit schwerwiegenden Einbussen.
Liebe Brigitte, lieber Albert
Sisyphos war von den Göttern dazu verurteilt worden, einen äusserst dicken, schweren Stein den Berg hinaufzurollen. Aus welchen Gründen kann ich Euch nicht sofort aus dem Ärmel schütteln. Dazu müsste ich nachschlagen.
Da der Stein so schwer und der Berg so steil war, gelang es Sisyphos nie, den Stein ganz auf den Berg zu rollen, er rollte immer wieder zurück.
Daher stammt die Bedeutung von Sisyphosarbeit: schwer, mühselig, kräfteverzehrend -aber sinnlos, denn das Ziel wird nicht erreicht.
Vor Jahrzehnten hatte ich ein kleines Taschenbuch von Eckart Peterich über die Sagen und Mythen der alten Griechen, dort habe ich solche Sachen gelesen.
Lieber Albert,
dein Kommentar hat mich neugierig gemacht auf diesen Sisyphus, den ich nicht gut kenne. Ich habe mich auf wikipedia informiert. Er war ein listiger Kerl, der mit Tricks versuchte, dem Totenreich zu entgehen. Nur hat das nichts mit seiner Arbeit zu tun. Ich nehme an, dass die heutige Deutung des Begriffs Sisyphusarbeit heisst, eine sehr schwierige, aber nicht unlösbare Arbeit zu bewältigen.
Ich orientierte mich nochmals an den Folien von Professor Wahl (sie sind unter dem Link der Pro Senectute abrufbar). Er schreibt auf Seiten 9/10:
"Langes Altern: zunehmend eine Sisyphosarbeit?
Altern als immer weniger von dem, was wir immer mehr brauchen.
Altern als immer länger, aber auch immer länger fragiler.
Paradoxie wird gerade in Zeiten fundamental neuer Evidenz der Alternsforschung und der Interventionsforschung immer deutlicher.
Wie gut sind ältere Menschen, wie gut ist unsere Gesellschaft gerüstet, mit dieser Sisyphusarbeit umzugehen?"
Selbstverständlich hat der Referent diese Aussagen umfassend erläutert.
Ob ich da nicht alles mitbekommen habe?
Vorsichtshalber habe ich dem Titel meines Artikels noch ein Fragezeichen beigefügt.
Brigitte ist hier in diesem Zusammenhange das Wort "Sisyphusarbeit" nicht vielleicht etwas irreführend, indem doch eine solche Art von Arbeit schlussendlich zu keinem Resultat führt? Aber vielleicht sehe ich das auch falsch – allerdings lasse ich mich auch gerne eines Besseren belehren. Albert Hahn
Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos
Sisyphos*) war in den Augen von Albert Camus der neue Mensch schlechthin. Immer wieder wird er durch die Gemeinheit und Rücksichtslosigkeit der Götter zurückgeworfen. Die Götter wollen Sisyphos zermürben. Er soll aufhören, sinnlose Taten zu begehen. Und zu Kreuze kriechen, sofern die Griechen schon das Kreuz kannten.
Camus gibt aber eine andere Antwort: Nie ist Sisyphos grösser und herrlicher (gemessen an den erbärmlichen Göttern) als im Augenblick, in dem der Stein seinen Händen entgleitet und wieder zu Tal stürzt.
Jetzt ist die Stunde des Sisyphos wieder gekommen: Er krempelt die Ärmel hoch, springt zu Tal und beginnt erneut, seine Sisyphosarbeit zu leisten: Den Stein in die Höhe wälzen. Noch ein Stückchen. Noch ein Stückchen.
Und die verehrten Götter sollen verzweifeln an der Unbeugsamkeit dieses Menschen, der nicht aufgeben kann und nicht aufgeben will.
Gruss Bern hard
(Taschenbuch "Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos")
Bernhard Schindler Redaktor Seniorweb alt. stv. Chefredaktor Zofinger Tagblatt