Scham ist ein existenzielles Gefühl, das zum Menschen gehört und das wie kein anderes unser Leben beinflusst. Rund 150 Frauen und Männer, Betroffene, Angehörige und Fachpersonen interessierten sich für die öffentliche Tagung, die das Forum Gesundheit und Medizin, Meilen, am 20. Mai 2010 im Vortragssaal des Kunsthauses Zürich durchführte. Eingeladen hatten Matthias Mettner, Leiter des Forums, und Prof. Dr. med. Daniel Hell. Referenten aus den Fachrichtungen Psychiatrie, Theologie, Psychologie und Soziologie sprachen aus ihrer Sicht zum Thema.
Scham - ein unterschätztes Gefühl
Die Scham begleitet uns unser Leben lang. Sie gehört zur Entwicklung des Menschen. Sich schämen ist eine existentielle Grunderfahrung. In der Scham wird Ohnmacht und Verletzlichkeit erlebt. Der Mensch fühlt sich auf sich selbst zurückgeworfen. Menschen, die wiederholt von Schamfühlen gepeinigt werden, empfinden die Scham als Niederlage, als seelische Verwundung. Die Scham hat aber auch die Aufgabe, als Wächterin, Intimes, Verletzliches zu schützen. Sie schützt uns vor aufdringlicher Neugier und dem Blossgestelltsein.
Alice Holzhey-Kunz, Dr. phil., Psychotherapeutin
Unter dem Blick der Anderen
Ich schäme mich meiner, wie ich anderen erscheine. Die anderen wissen mehr über mich, als ich will. Es gibt Menschen, die das Gefühl unter den Blicken anderer zu stehen, nicht ertragen, obwohl sie selber andere auch anblicken. Wie können wir mit peinigenden Schamgefühlen umgehen. Die Psychiaterin Alice Holzhey-Kunz empfiehlt von der Scham zu reden, bewusst hinzusehen und lernen sie auszuhalten, dabei die eigenen Stärken zu sehen und so die Fesseln der Scham abzulegen.
Christina-Maria Bammel, Dr. theol. Pfarrerin
Biblisches Sprechen von der Scham
Im Alten Testament spielt Scham eine grosse Rolle in der Urgeschichte von der Übertretung des Gebotes durch Adam und Eva. Im Neuen Testament tritt die Scham in Form von Schuldgefühlen auf. Nach Christina-Maria Bammel führt der Glauben an die göttliche Vergebung und die Zusage Gottes zu neuem Lebensraum und Frieden mit sich selbst. Für sie ist Jesus der Schamüberwinder. Jesus, der sich mit der sichtbaren Schwäche anderer identifiziert und für sie einsteht. Durch die frohe Botschaft gewinnen Beschämte einen neuen Erfahrungshorizont und Vergebung.
Sighard Neckel, Prof. Dr. phil. , Soziologe
Scham als soziales Gefühl
Nach Sighard Neckel ist Scham normativ. Das eigene Selbstbild ist zu streng, so dass wir gegen unsere eigene Norm ankämpfen. Unsere subjektive Sicherheit geht damit verloren. Wenn die innere Selbstwahrnehmung verletzt ist, stellt sich die Scham ein, z.B. wir erröten. Die Grenzen des Selbst sind sehr fragil. Unser Ich-Ideal möchten wir bestätigt sehen. In der Scham fallen unsere Selbstbilder zusammen, die „Abgründe“ werden ersichtlich.
Die inneren Landkarten peinlicher Zonen sind verschieden je nach Geschlecht, Kultur und Zeitgeist. Die Schamgrenzen und Schamzwänge ändern sich im Laufe der Zeit . Heutige Anlässe sozialer Scham sind der Körper, der Status, Wissen/Bildung, Wohlstand und die persönliche Leistungsfähigkeit. Der Körper als Ausdruck der eigenen Marke ist heute besonders stark das Ziel von Scham, Lieblosigkeit, Abwertung und Diskriminierung. Beschämung (z.B. mobbing ) bedeutet Ausschluss, Achtungsverlust, fremd und ungewollt in der Welt zu sein. Armut oder mangelnde Bildung bedeuten heute soziale Abwertung. Der Lohn wird als persönliche Wertschätzung empfunden. Dies spüren Arbeitslose, Invalide, Pensionierte, sie verlieren die soziale Wertschätzung!
Die moderne Gesellschaft stipuliert die Freiheit des Individuums , die Selbstverwirklichung und die Selbstwirksamkeit. In der heutigen Kultur der Selbstdarstellung sind wir aufgerufen modisch, originell, jung, schön, gepflegt, beliebt, authentisch etc….zu sein. Das persönliche Versagen ist vorprogrammiert und wird zur persönlichen Beschämung.
Daniel Hell, Prof. Dr. med., Psychiater
Scham und Beschämung - eine Herausforderung für Kranke und ihre Begleiterinnen
Daniel Hell unterscheidet zwischen Scham auf der individuellen Ebene als Hinweis auf die Gefährdung des Selbst und Beschämung auf der kollektiven Ebene als Bedrohung des sozialen Status.
Anlässe zur Schamempfindung haben sich verändert, früher war es die körperliche Entblössung, heute ist es das Scheitern der eigenen Selbstverwirklichung. Viele haben heute ein gekränktes Selbstwertgefühl, da sie die eigenen Erwartungen nicht erfüllen. Daniel Hell erfährt von seinen Patienten, dass die Selbstverwirklichung zur Selbstausbeutung wird. Beim modernen Menschen besteht eine Spannung zwischen seiner Biografie und seinem Selbstbild. Diese Spannung kann dazu führen, dass das Selbsterleben zu wenig beachtet wird und das idealisierte Selbstbild den Menschen erdrückt und beschämt. Besondere Scham-Risiken von Selbstbildern sind: Tendenz zu Selbsterniedrigung, zu Perfektionismus, zu Narzissmus und zu Abhängigkeit.
Matthias Mettner, Theologe, Leiter Forum Gesundheit und Medizin
Vom Sinn der Scham und der Bedeutung der Achtsamkeit bei schwer kranken Menschen.
Nach Matthias Mettner ist der schwer kranke Mensch speziell gefordert in Situationen der Abhängigkeit, der Begrenzung und der Ohnmacht.
Nur 10 % der Menschen erleiden einen plötzlichen Tod, 50 % sterben nach einer über mehrere Jahre langsam zunehmenden Pflegebedürftigkeit, bedingt durch eine Kombination von verschiedenen Krankheiten. Diese Menschen und ihre Angehörigen haben einen langen schmerzvollen letzten Lebensabschnitt durchzustehen. Kranke schämen sich oft, für andere eine Last zu sein, nutzlos zu sein. In der Pflege empfinden alte Kranke oft Scham bei Nacktheit, gegengeschlechtlicher und junger Betreuung (Enkelin pflegt Grossvater). Sie leiden am Verlust ihrer Selbständigkeit, ihrer Autonomie und ihrer Privatsphäre. Schamgefühle können sich einstellen aufgrund körperlicher Entstellung, ekelerregender Gerüche, Kontrollverlusten von körperlichen Funktionen (Stuhl-Urininkontinenz) sowie durch starke Emotionen wie Wut, Trauer, Verzweiflung.
Die Eröffnung von Diagnosen wie HIV, Demenz, durch den Arzt können bei Patienten und Angehörigen Scham auslösen und zu Rückzug oder Zusammenbruch führen. Die Diagnose von Krebs bewirkt das Gefühl ausgeschlossen zu sein, einen Bruch mit dem eigenen Körper, sich nicht mehr zu mögen. Bei alten Menschen besteht oft ein Teufelskreis: Sie leugnen Schwierigkeiten aus Scham und verhindern somit Hilfe. Beschämung ist die Selbstachtung durch andere verfügbar zu machen, Wertungen Dritter über die eigene Logik zu setzen.
Umgang mit Scham bei Schwerkranken
Menschen, die sich aufgrund ihrer Krankheit wertlos empfinden, brauchen Zuwendung, Trost, Achtsamkeit, Berührungen durch Blicke, mit Worten, Stimme, Musik. Das Schamempfinden muss geachtet, persönliche Grenzen müssen respektiert werden. Mögliche Gründe von Scham bei pflegenden Angehörigen sind: Scham bei Bedürftigkeit und Schwäche, aufgrund von Schuldgefühlen oder des Verhaltens des Patienten (Jammern, Aggressionen), bei abbrechender Kompetenz des Patienten.
Grundwerte und Haltungen, wie Annahme, Achtsamkeit, Wärme, Wertschätzung im Tun und im Blick, in Sprache und Handlungen lindern und stärken.
Wie Hilde Domin so schön schreibt:
Dein Ort ist wo Augen dich ansehen, wo sich die Augen treffen, entstehst Du,
Es gibt dich, weil Augen die wollen, dich ansehen und sagen, dass es dich gibt.
www.gesundheitundmedizin.ch
Forum für Gesundheit und Medizin
Weiterbildung in Palliative Care und Organisationsethik.
Die Referenten:
Matthias Mettner, Gründer und Leiter des Forums Gesundheit und Medizin, Autor von verschiedenen Büchern zum Thema Autonomie, Abhängigkeit und Selbstverantwortung am Lebensende.
Alice Holzhey-Kunz, Dr. phil., Psychotherapeutin, Autorin
Daniel Hell, Prof. Dr. med., Leiter des Kompetenzzentrums für Depressions- und Angstbehandlung an der Privatklinik Hohenegg in Meilen ZH, Autor vieler Bücher zum Thema Depression.
Christina-Maria Bammel, Dr. theol., Pfarrerin und Autorin, Berlin
Sighard Neckel, Prof. Dr. phil. , Soziologe, Universität Wien, Autor verschiedener Publikationen wie „Status und Scham“ (1991
„Strukturierte Verantwortungslosigkeit. Berichte aus der Bankenwelt“ (2010)
(Bericht von Vreni Casagrande-Roth)
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