Bildung

Bildung & Lernen in der 2. Lebenshälfte

Bildung & Lernen in der 2. Lebenshälfte

Einige Facetten von der Tagung der TERTIANUM-Stiftung

Die Tagungen der TERTIANUM-Stiftung sind bekannt, dass sie sich durch aktuelle, anspruchsvolle Themen, ein sehr hohes Niveau der Referierenden und einen stets angenehmen Rahmen auszeichnen. Davon war auch die Tagung am 29. Mai 2010 im Lake Side, Kasino Zürichhorn am schönen Zürichsee geprägt.

files/logo_Tert_Stift_kurz.jpgProf. Dr. Helmut Bachmaier, Präsident des TERTIANUM-Stiftungsrates, führte als Gastgeber durch den Tag. Folgenden Gedanken aus seiner Einleitung möchte ich weitergeben: "Der Mensch hat die moralische Pflicht, alles, was in ihm steckt, zur Entfaltung zu bringen". – Seine persönliche Verknüpfung der Essenz der Humanitätsidee mit einem Appell der Moralphilosophie gibt mir Nachdenkfutter für die nächsten Monate. Leichter verdaubar scheinen diese Zahlen: Ein Drittel der Menschen gehört laut Forschern zu den natürlichen Lernern. Ein weiteres Drittel macht mit, wenn man es fördert, und ein letztes Drittel will offenbar bleiben, wie es ist. Vielleicht haben die Menschen in dieser statistischen Kategorie Mark Twain noch nie richtig gehört. Laut Ueli Schwarzmann weiss der gescheite Twain nämlich, dass Bildung das ist, was bleibt, wenn der letzte Dollar weg ist – oder hatten sie keine Dollars, um sich Bildung anzueignen?

files/U_Kalbermatten_bearbeitet.JPGUngeachtet der Dollars oder Schweizerfranken bleibt Bildung laut Prof. Dr. Urs Kalbermatten, Professor an der Berner Fachhochschule und Gerontologe mit verschiedenen Funktionen, "etwas, das auf ein Ziel ausgerichtet ist und auf das ich mich aktiv einlasse". Der Mensch tut etwas, wenn er sich bildet, nicht alle das gleiche und nicht alle in gleicher Weise, aber jeder Mensch, der sich bildet, entwickelt sich auch. Sprach-bildlich ein sehr plastisches Wort: wickeln – ein-wickeln – ent-wickeln. Eindrücklich auch Kalbermattens Votum: "Für mich gibt es nicht Gebildete und Ungebildete – ich halte es mit Sokrates, dass alles aus einem Menschen herausgeholt werden kann – Stichwort Hebammenkunst oder Maieutik." Erdgebundener blieb er mit seiner Feststellung, dass das Neue so oder so eintreffe, warum nicht darauf zugehen, statt sich davon überholen lassen? Helfen können dabei seine Fragen: Was will ich werden in meinem Alter? Was mache ich aus meinem Alter? Übrigens macht Kalbermatten vor, was er verkündet – er hat bereits organisiert, dass er im Alter Botaniker werden kann. "Der Mensch ist immer ein Werdender". Verschiedene Völker haben das allerdings in unterschiedlichem Grad in ihrer Kultur verankert – Begriffe wie Englisch "retirement", Französisch "retraite" und vor allem Deutsch "Ruhe-Stand" (Kalbermatten demonstrierte dieses Wort mit Salutieren), scheinen ihn nicht nur humoristisch zu beschäftigen.

Eindrucksvoll zeigte Prof. Dr. Mike Martin, Direktor des  Zentrums für Gerontologie der Universität Zürich, an Studienergebnissen auf, dass wir Menschen, ob jung oder alt, meistens der versteckten Annahme unterliegen, Lebensqualität hänge vom LernERFOLG ab. Dabei wird die Ausgangslage falsch eingeschätzt oder nur teilweise beachtet: Wir lernen nämlich nicht für einen Test im Leben, sondern für ein Ziel. Erreichen wir dieses Ziel, erreichen wir mehr Lebensqualität. Und diese wiederum muss nicht zwingend verbessert, sondern "nur" stabilisiert werden, ganz im Sinne jener Studie, die unterdessen unter dem Slogan "use it or loose it" gehandelt wird (Victoria Longitudinal Study).

Bewegung fördert die Denkfähigkeit

files/Prof._Dr._Brigitte_Stemmer.jpgBeweisen kann sie es (noch) nicht, empirisch aber ist sich Professorin Brigitte Stemmer, im Bereich Neurowissenschaften und Neuropragmatik an der Universität de Montréal, Canada tätig, mit ihren Forscherkollegen sicher: Wer sich bewegt, lernt besser. In Bildaufnahmen des Gehirns sind jene Regionen erkennbar, wo das Lernen sozusagen sitzt: logisches Denken, Planen, Handeln, Regulieren, bildliches Wahrnehmen und die Geschwindigkeit der Informationsübermittlung – alles Komponenten, die fürs Lernen wichtig sind. Körperliche und geistige Bewegung erhöhen die Aktivität der Hirnnervenzellen, was (zufällig?) genau die Gegenbewegung ist zum Abbau, der im Verlauf des Alterns im Hirn geschieht.

Bewegung ist also gut, aber nicht nur: Brigitte Stemmer macht zum Schluss ihrer Ausführungen darauf aufmerksam, dass wir gewisse Dinge ausschliesslich im Schlaf lernen. Und noch etwas: Es sind die freien Radikale, welche die Hirnmasse zerstören. Die Lösung zu diesem Problem heisst nicht Bewegung, sondern Vitamine, sprich Obst und Gemüse, vor allem Karotten.

Im Verlauf des Tages werden Bildung und Lernen im Alter zusätzlich von Prof. Brigitte Boothe aus psychoanalytischer Perspektive beleuchtet, in marktwirtschaftlicher Hinsicht von Prof. Heinz Knecht unter die Lupe genommen, von Gertrud Knöpfli als Lernender beschrieben, für Wissbegierige an den Beispielen von Seniorweb durch seinen Content Manager Alfons Bühlmann vorgestellt,  E-Learning durch Oliver Bendel brilliant diskutiert, schliesslich von Dr. phil. Harald Kraemer, Profesor an der Zürcher Hochshule der Künste, kunstgerecht  und multimedial präsentiert und vom Direktor Altersheime der Stadt Zürich Ueli Schwarzmann emotional ergänzt.

Ueli Schwarzmann spricht von seinen eigenen emotionalen Erlebnissen: Wie es ihn berührte, als er von einer hochbetagten Dame erfuhr, dass sie via Notebook an Jassrunden teilnehme. Warum sie denn virtuell jasse, warum sie sich nicht mit den anderen Spielern zusammensetze, wollte er wissen und bekam zur Antwort, was er hätte ahnen können, nämlich, dass der Kopf und der Spieltrieb der Dame noch voll funktionstüchtig sind, die Beine aber nicht mehr so wollen  . . .

files/U_Schwarzmann_klein.JPGIn einem anderen Pflegeheim finden Bildung und Lernen auch in der Demenzabteilung, besser gesagt, im dazugehörigen Garten statt. Die Aktivierungstherapeutin nutzt die ganze Gartenanlage und die einzelnen Pflanzen auf die vielfältigste Art: Sie bewegt sich mit den ihnen anvertrauten Menschen darin, die Pflanzen schenken Farben und Düfte, sie ermöglichen Berührungen: von haarigen Stengeln über glatte Blätter bis zu krausen Beeren, die auch gekostet werden können. Für wache Momente sind Informationen über Heilvermögen der Blüten und Früchte, Blätter und Wurzeln vorbereitet, und die Veränderungen durch die Jahreszeiten liefern die Symbolik und den Diskussionsstoff über den eigenen Lebenszyklus. Last but not least regt die Linde zum Singen an und auch die Buche – erinnern Sie sich? Ja, aber doch, bestimmt: "Am Brunnen vor dem Tore . . ." und "Hagebuechig Strümpf . . ."

Im Anhang finden Sie Kurzfassungen der Vorträge von

Prof. Dr. Urs Kalbermatten, Bildung im Alter – eine projektive Kraft zur Lebensgestaltung

Prof. Dr. Mike Martin, Lernmotivation und Lernkompetenz im Alter

Prof. Dr. Brigitte Stemmer, Besser lernen mit Bewegung

Dr. phil. Alfons Bühlmann, Lernen im sozialen Netzwerk

Prof. Dr. Oliver Bendel, E-Learning wirkt sofort

Dr. phil. Dipl. Kurator Harald Kraemer, Was versprechen die "neuen" Medien und was bringen sie wirklich?
und eine Literaturliste.

Die während der Tagung gezeigten Power-Point-Präsentationen können Sie sich auf der Webseite des TERTIANUM-Bildungsinstitutes ZfP anschauen und herunterladen.

Fotos: Marcel Studer