Kultur

Gelesen: „Die Jesuitin von Lissabon“

Gelesen: „Die Jesuitin von Lissabon“

Ein Historischer Roman von Titus Müller

Lissabon Ende Oktober bis Anfang November 1755

Wenige gewahren spärliche Anzeichen, fast niemand weiss sie zu deuten. Dann verwüstet es innert kurzer Zeit am 1. November die Stadt, das berühmte Erbeben von Lissabon. Es erschreckt ganz Europa und die portugiesischen Kolonien in Südamerika. Der junge Goethe berichtet darüber in „Dichtung und Wahrheit“. Die Wissenschaft und auch die Kirche streiten sich über Anlass und Ursachen. Naturkatastrophe oder Gottesgericht?

Orthodoxie versus Aufklärung

Vor allem die Jesuiten setzen alles daran, der verängstigten Bevölkerung klar zu machen, dass Gott mit dem zerstörerischen Ereignis ihre Sünden straft wie weiland in Sodom und Gomorra. Nicht, dass sie das unbedingt selber glauben würden; doch es geht um ultimativen Machtkampf. Der gegenreformatorische Orden gerät anfangs 18. Jahrhundert mehr und mehr in Misskredit, nicht zuletzt seines politischen und inquisitorischen Wirkens wegen. Der Aufschwung der Naturwissenschaften, verbunden mit der rasch sich verbreitenden Ideologie der Aufklärung, gestützt durch zahlreiche jetzt neu humanistisch erzogene und gebildete Fürsten, stellt sich reaktionärem und doktrinärem Machtanspruch mehr und mehr entgegen. Die Auseinandersetzung in Portugal und Brasilien ist personifiziert durch den Jesuitenoberen Gabriel Malagrida (1689-1761) und seinen abtrünnigen früheren Gefährten Antero Moraira de Mendonça, der nicht nur weil er das jesuitische Gebot des absoluten Gehorsams ablehnt, und seiner wissenschaftlichen Interessen wegen, zum Gegenspieler geworden ist. Einen Hinweis darauf, dass er je gelebt hätte, habe ich nicht gefunden. Er ist, zusammen mit seinem persönlichen Umfeld, die Hauptfigur des Romans

Der Historische Roman und sein Autor Titus Müller

Diese Literaturkategorie ist thematisch sehr weit gefächert. „Der Glöckner von Notre Dame“ gehört nach Wikipedia ebenso dazu wie „Ein Kampf um Rom“ von Felix Dahn – zwei formal wie thematisch doch ein wenig auseinanderliegende Werke des Genres.

Mit „Ein Kampf um Rom“ habe ich in ganz jungen Jahren meine „Karriere“ als Liebhaber Historischer Romane begonnen. Der dicke Wälzer stammte aus der Bibliothek der Sekundarschule (ich glaube nicht, dass man in Sekundarschulbibliotheken heutzutage noch solches findet). Atemlos verschlang ich die Geschichte aller Fürsten, Frauen, Könige, Christen und Nichtchristen, Ost- und Westgoten. Immer hatten die handelnden Frauen und Männer Namen. Historische oder fiktive; beiderlei. Das war denn schon etwas anderes als die Geschichtsbücher mit ihren Königen, Kriegen und Jahreszahlen! Nicht ein grauverstaubtes Archiv, nein, eine lebendige Bühne des Lebens öffnete sich mir.

Titus Müller lebt in München, geboren am 15.10.1977 in Leipzig. Studierte Literatur, Mittelalterliche Geschichte, Publizistik- und Kommunikationswissenschaften in Berlin. Er schreibt seine Historischen Romane in dieser nicht nur von mir geschätzten Art: Geschichte als Leiden und Wirken von Menschen.

„Dichtung und Wahrheit“

Basis ist eine gründliche, vielseitige, umfassende und genaue Recherche der Fakten, aber auch der kulturellen Randbedingungen eines Ereignisses. Die Handlung wird, soweit immer möglich, von historischen Personen vorgetrieben, ergänzt durch für Kolorit oder Dramatik notwendige fiktive Figuren und allfällige Statisten. Bei Titus Müller sind das vor allem ein Schmuggler, Abenteurer und Wissenschaftler mit seinem achtjährigen Töchterchen, dann zwei Zwillingsschwestern, Töchter aus vornehmem, reichem Hause, und sogar ein Hund. Was verblüfft, ist die Rolle dieses Hundes. Er ist das erste Lebewesen im Roman, dessen feiner Geruchsinn aufnimmt, dass etwas unerhört Beängstigendes sich abzeichnet. Immer wieder spielt das Tier an entscheidenden Wendepunkten des Geschehens eine motivische Rolle.

Die klaren, nachprüfbaren Fakten sind parallel verwoben mit teils fiktiven Handlungssträngen und zu einem Ganzen verknüpft und vernetzt. Faktum sind vorab das Erdbeben vom 1. November 1750 und seine langfristigen Folgen selbst, dann – historisch – die Verschwörung und der Anschlag auf den portugiesischen König, und schliesslich der Kampf der Jesuiten vorab Portugals gegen ihre Verdrängung und Banalisierung. Dass dabei recht säkulare Intrigen und andere Machtmittel eingesetzt werden, versteht sich von selbst. Historische und fiktive Handlungsträger treiben nicht nur krumme Geschäfte und unerbittliche persönliche Machtkämpfe voran. Sie bringen auch immer wieder positive menschliche Motive zur Geltung. Wie der Roman Müllers dem allem Gesichter, Gefühle, Blut, Leiden, Liebe und Leben verleiht, das ist schon die Lektüre mehr als wert.

Man liest einen Roman und erlebt eine Momentaufnahme von Geschichte

Die Auseinandersetzung letztlich um Macht und Einfluss, ist personifiziert durch den Jesuitenoberen Gabriel Malagrida, 1689-1761, und seinen abtrünnigen früheren Gefährten Antero Moraira de Mendonça, der nicht nur wegen seiner Ablehnung des absoluten Gehorsams und seinen wissenschaftlichen Interessen wegen zum Gegenspieler der Jesuiten, und vornehmlich Malagridas, geworden ist. Einen Hinweis darauf, dass er je gelebt hätte, habe ich nicht gefunden. Er ist, zusammen mit seinem engeren Umfeld, die Hauptfigur des Romans.

Obwohl es nur von 1545-1546 auch einen Jesuitinnen-Orden gab, arbeiteten auch später Frauen eng mit den Jesuiten zusammen. Anteros Verhältnis zu einer – fiktiven – davon, die sich anfänglich aktiv im Knüpfen verschlagener Intrigen übt, später eine Katharsis durchlebt, ist ein weiterer Handlungsstrang.

Faszinierend sind die Vermutungen über natürliche Ursachen für das Entstehen von Erdbeben, die nicht nur naturwissenschaftlich, sondern auch philosophisch und theologisch erörtert werden. Der Autor setzt sich hier ausschliesslich mit zu jener Zeit bekannten Theorien und Hypothesen auseinander.

Intellektueller und motivischer Reichtum, fesselnd geschrieben

Sollten hier alle Vorzüge des Romans und seine reich ausgebreiteten Motive belegt werden, wäre es einfacher, die 411 Seiten nochmals zu schreiben! Da erlebt man die Schrecken der Zerstörungen in Lissabon am Allerheiligentag 1755 in farbigen Schilderungen von persönlichen Einzelschicksalen; da rauben Intrigen, Täuschungen, fiese Strategien beinahe den Atem… Und schon die ersten Seiten, die man liest, setzen Stil, Eloquenz und Niveau der Erzählung – die Schilderung des Sturms auf hoher See wirkt ungemein lebendig, farbig und beängstigend realistisch.

Alles in allem: Titus Müller schreibt historisch und faktisch versiert, mit grossem Sinn für atmosphärische Einzelheiten. Nie verliert er den grossen Atem des Gestaltens, die formalen Bögen des Werks erneuern sich immer wieder, steigern sich, ebben ab, gleichsam zum Atem holen.

Ein Geschichtsbuch ohne Moder und Staub einerseits, eine „ComédieHumaine“ mit emotional bewegenden Ausprägungen der geschilderten geschichtlichen Ereignisse!

   

 

 

Bild: Titus Müller,

© Björn Reißmann                                   

Buchcover. Mit 24 Seiten historischem Zusatzmaterial
insgesamt 453 Seiten                                                             

 

http://www.aufbauverlag.de 
ISBN 978-3-352-00782-8

http://www.titusmueller.de/

http://www.historische-romane.de/index.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Historischer_Roman