Uns zog’s in den Süden. Und wir fanden über ein Inserat in der Touring Zeitung und einen Eintrag im Internet genau das Richtige für zwei Senioren in der Vorsaison.
Abendstimmung in Brenzone mit Jungschwänen
Tiefblau ist der Lago di Benaco, oder wie er heute heisst, der Gardasee. Einige Segelschiffe kreuzen gegen den Wind. Wenn ein Kursschiff vorbei fährt, lecken leichte Wogen ans Ufer und ein Entenpärchen reitet auf den Wellen. Der Schwan, der vor dem Schiff das Weite gesucht hat, landet mit lautem Platsch-platsch-platsch wieder im Wasser. Stolz schwellt er sein weisses Gefieder.
Einige Touristen betrachten die Speisekarte vom Hotel Brenzone und wollen schon weiter gehen. Doch da erscheint Pietro, der Wirt, begrüsst die Gäste überschwänglich und fragt nach ihren Wünschen. So vielem Charme ist kaum einer gewachsen. Die Touristen lachen und setzen sich an ein Tischchen nah beim Ufer, von der Sonne geschützt durch einen gewaltigen Sonnenschirm. Und schon hat Pietro drei „Spritz Verona“ verkauft – ein köstlich erfrischendes Sommergetränk aus Apérol, Prosecco, Mineralwasser, Eis und einer Orangenscheibe.
Hotelgäste haben die Liegestühle vor dem Hotel besetzt, einige Beherzte steigen über die Ufertreppe ins noch kalte Wasser.
Wir sind vor rund einer Stunde in Brenzone angekommen und konnten uns das Zimmer noch aussuchen, mitte Juni hat die Saison am Gardasee gerade erst begonnen. Das Zimmer ist zweckmässig, „modern“, ein wenig klein, doch der Balkon direkt auf den See hinaus lässt die wenigen Quadratmeter samt Doppelbett und Riesenschrank vergessen.
Wir haben uns mit einem Glas weissem Bardolino von der Fahrt erholt und spazieren durch den Dorfteil Magugnano, der sich zwischen Hauptstrasse und Meer erstreckt. Vis-à-vis vom Hotel ein Geschäft, das auch deutsche Zeitungen und sogar die heutige NZZ anpreist. Ich kaufe einen ADAC-Gardasee-Führer. Wie ich schon wieder fast beim Hotel zurück bin, ruft mir die Verkäuferin nach: „Wollen Sie Papiersack für Libro?“ – Ich verneine. Gleich daneben ein Getränkegeschäft, der Besitzer hütet seine Bardolino-Weine und seine Köstlichkeiten aus Verona, den Valpolicella Superiore und den Amarone.
Dann folgen Privathäuser. Einige vermieten Zimmer, in einem grösseren Gebäude sind Ferienwohnungen zu verkaufen. Auf dem Balkon eines hohen roten Hauses schimpft ein magerer Greis: „Berlusconi …!“ ist zu hören, der Rest der Tirade wird in einem Dialekt geschrien, den wir nicht verstehen.
Das Nachtessen im Hotel bei Juniorchef Pietro ist hervorragend. Wir studieren die Fischkarte, die Felchen und Forellen aus dem See aufzählt, geniessen schliesslich Seebarschfilets, dazu einen kräftigen Weisswein aus der Gegend von der Soave. Während es Abend wird, belebt sich der „Corso“ vor dem Hotel. Am Schiffslandesteg trifft sich die Jugend. Während wir unseren Fisch geniessen, kommt mit grossem Lärm ein Gummiboot mit Heckmotor heran geschossen und dreht vor dem Hotel eine Ehrenrunde. Darauf markieren drei braun gebrannte Machos Präsenz und Potenz.
Der Himmel bedeckt sich, hinter dem jenseitigen Ufer mit den wie zufällig in die Berglandschaft verstreuten Dörfern braut sich ein Gewitter zusammen. Über dem Berg das erste Wetterleuchten. Das Kloster oben auf dem Grat versteckt sich in den Wolken. Die Lichter der Uferstrasse werden schwach. Am Landesteg beginnt eine hohe Laterne im Takt Sturmwarnung zu geben.
Noch immer ist es heiss, zu schwül, um schlafen zu gehen. Wir lesen auf der Zimmerterrasse und warten auf das Gewitter. Schon hört man entferntes Donnern. Der See ist pechschwarz geworden, im verdämmernden Abendlicht sieht man Gischtkronen auf den Wellen. Der See murmelt, grollt ein wenig, dann beruhigt er sich. Die Oleanderblüten, vom Wind eben noch geschüttelt, bewegen sich kaum noch. Das Gewitter verzieht sich nach Norden. Um Mitternacht versuchen wir zu schlafen. Es geht nur ohne Decke und halb nackt. Am Morgen ist es angenehm kühl im Zimmer.
Wohl kaum ein Land hat im Lauf der letzten 4000 Jahre so viele Kriege und mörderische Auseinandersetzungen erlebt wie Oberitalien. Wie heute die Völkerwanderungs-Kohorten der Töff-Fahrer, überschwemmten in der Endzeit des Römischen Reiches die Ritter und Landsknechte unzähliger Völker das Gardaseegebiet. Papst Leo I. traf sich im 5. Jahrhundert mit dem Hunnenkönig Attila in Peschiera und konnte die asiatischen Reiterkrieger von weiteren Eroberungszügen abbringen. Theoderich / Dietrich von „Bern“ (= Verona) vertrieb den letzten römischen Kaiser Odoaker. Durch den Zerfall des römischen Reiches erlangten die Städte Trient, Venedig, Ravenna, Verona immer mehr Macht und kämpften um wirtschaftliche und militärische Vorherrschaft gegen die Fürsten. Patrizier bekämpften Patrizier, kaiserliche Truppen die Garden der Päpste. Kaum ein Ort in ganz Oberitalien, der sich im Mittelalter und der Renaissance an längeren friedlichen Perioden erfreuen durfte. Napoleon I. ordnete die italienischen Provinzen neu. Ein Teil des Gardasees blieb bis zum Ende des Ersten Weltkrieges Teil der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Das Italien des Risorgimento führte um 1847 zum Königreich Italien, das zuletzt von Napoleon III. 1857 bei Solferino südlich des Gardasees bekämpft wurde. Ein Schweizer Handelsmann, der mit dem französischen Kaiser ins Geschäft kommen wollte, wurde zufällig Zeuge der Schlacht, nach der Tausende verletzter und toter Soldaten auf dem Schlachtfeld zurückblieben. Er, Henri Dunant, organisierte unter der Zivilbevölkerung Hilfstruppen, die den Verwundeten beistanden. Der Gedanke des Roten Kreuzes wurde geboren.
1918 tobten erbitterte Kämpfe zwischen den Österreichern und Italienern bei Rovereto und weiter östlich im Friaul. Bei den Friedensverhandlungen wurde der österreichische Teil Trentino und Veneto italienisch. Der Faschismus erlebte gegen Ende des Zweiten Weltkriegs im kleinen Ort Salo westlich des Gardasees nach dem Sturz Mussolinis und seiner Befreiung durch deutsche SS als „Sozialrepublik Italiens“ eine kurzlebige Auferstehung. Die Republik von Salo wurde aber nach wenigen Monaten nach Mailand verlegt, von wo aus Benito Mussolini 1945 über die Schweiz nach Deutschland flüchten wollte. Bei Como nahmen ihn Partisanen gefangen und erschossen den Duce mitsamt seiner mit geflohenen Geliebten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Italien als Republik neu organisiert. Insbesondere im ans Trentino grenzenden Südtirol gab es Aufstände und Attentate der deutschsprachigen Bevölkerung. Heute verfügen die italienischen Provinzen mit italienischer, deutscher und rätoromanischen Bevölkerung über weitgehende Autonomie und dürfen ihre angestammten Sprachen wieder pflegen.
Der Gardasee als das „Bel Paese“ mit seinen vielen Spezialitäten und der malerischen „Italianita“ ist seit 1960 touristisch erschlossen. Seit damals haben sich die Touristenzahlen entlang dem Gardasee pro Jahr von 2,2 auf 5 Millionen erhöht. Nach einigen Krisen setzten die Italiener mehr auf Qualität als auf Quantität, was neue Touristenströme anlockte. Insbesondere deutsche Wassersurfer und Segler bevorzugen den Gardasee mit seinen unterschiedlichen Winden.
In einer Zeitspanne von nur gerade vier bis fünf Tagen meidet man tunlichst die Städte Venedig, Verona oder Trient. Wir besuchten die Dörfer Peschiera, Garda, Bardolino und Malcesine im Veneto, Torbole und Riva di Garda im Trentino. Die Lombardei auf der westlichen Seite des Gardasees hat bestimmt interessante Dörfer und Kirchen hauptsächlich am Berg zu bieten, aber wir scheuten die langen Anfahrten. (Allerdings fahren zwei Autofähren von Torri di Benaco nach Gardona Rivera und von Malcesine nach Limone über den See. Vielleicht eine Ausweichmöglichkeit während der bevorstehenden Staus auf der östlichen Uferstrasse).
In Peschiera gerieten wir gleich am Anfahrtstag ins Staunen. In einem Restaurant zwischen Parkplatz und See genossen wir einen köstlichen Salat mit Meeresfrüchten zu durchaus humanem Preis. Freundliche Bedienung, zwei Päckchen Grissini und italienische Brötchen plus Stoffserviette gehören zum „Coperto“.
Garda mit der trutzigen Burg Rocca, Bardolino mit einem Campanile in romanischem Stil, sind typische italienische Kleinstädte mit einem ausserordentlich grossen Angebot für Einheimische und Fremde. Schuh- und Ledergeschäfte, Weinhandlungen, Früchte- und Gemüsegeschäfte, Boutiquen Schmuckgeschäfte und viele gemütliche Trattorias mit Sitzplätzen auf der Terrasse oder im romantischen Hinterhof, wo natürlich noch immer gepafft werden darf, prägen die Ortschaften. Linienschiffe mit komplizierten Seekreuzungen verbinden die Orte. Schneller geht’s mit dem Bus, für den man die Billets in speziell gekennzeichneten Tabak- und Zeitungsgeschäften erwirbt.
Malcesine am oberen Teil des Gardasees hat eine markante Burg, die schon Goethe zum Verhängnis wurde. Als er sie vom Schiff aus skizzierte, wurde er von den österreichischen Gendarmen als „Spion“ unter Hausarrest gesetzt. Eine moderne Seilbahn verbindet den Hafenort auf rund 65 Metern über Meer mit dem Monte Baldo auf 2200 Metern. Man kann den Berg aber auch mit dem Auto über waghalsige Bergstrassen erklimmen. Wir sind nur auf den Monte Belpo geklettert, von wo eine Strasse mit 10 Prozent Neigung in rund einer halben Stunde von 950 auf 65 Meter (30 Meter Höhendistanz pro Minute) hinunter führt.
So gerüstet kehrten wir am letzten Ferientag über den Lago d‘ Iseo (wo mittags die Parkplätze alle besetzt oder die Restaurants geschlossen waren) und den Veltliner Passo d‘Aprica (1170 m) nach Tirano (436 m), dann über den Berninapass (2326 m) nach Samedan, La Punt (1687 m) über den Albula (2312 m) nach Tiefencastel, Thusis, Chur zurück - verköstigt mit einem Salamitoast und immerhin akzeptablem Expresso und sonst gar nichts.
Wir erlabten uns schliesslich gegen acht Uhr abends in einem Restaurant am Walensee an einem topaktuellen Gericht aus der „Weltmeisterschafts-Karte“. Wir wählten Italien: Saltimbocca alla Romana. Dazu ein Valpolicelle Superiore. Wehmütig dachten wir an den Gardasee zurück.
Die Hinfahrt an den Gardasee hat über Lugano-Chiasso, Autobahn Richtung Milano, dann Richtung Verona bis Breschia (540 km) etwas mehr als fünf Stunden gedauert. Die Rückfahrt über die Pässe war nur 50 Kilometer länger, dauerte aber knapp 12 Stunden. Trotzdem: Die Fahrt an Voralpenseen vorbei und hinauf zu den wilden Bergpässen, sozusagen ein mediterralpines Abenteuer, war ein ganz besonderes Erlebnis.
Viva Italia, viva il Lago di Garda. Grazie a Lei. Wir kommen wieder.
Schöner Bericht
Die interessanten und amüsanten Ausführungen und die wunderschönen Bilder machen richtig gluschtig auf den Gardasee, der schon seit jeher eine klassische Seniorendestination war. Ich bin auf der Zugsfahrt nach Vicenza in meiner Jugend x-mal am Gardasee vorbeigefahren, schaffte es aber erst einmal, dort auch mal zu "landen" (auf der Nordseite des Sees). Aber diesen Spätsommer (September) fahre ich hin (und nicht vorbei) - garantiert.