Gesundheit

Die Alten am Steuer ausstoppen?

Die Alten am Steuer ausstoppen?

Befristete Führerausweise ab 70: Undifferenziert und diskriminierend.

Unlängst vermeldete die Sonntagspresse, dass Seniorinnen und Senioren  ab 70 nur noch auf zwei Jahre befristete Führerausweise erhalten sollen. Wir haben das Thema im Forum (Arena) zur Diskussion gestellt – sehr zum Missfallen von Panchito, der sich so äusserte: „Wenn es hier so weiter geht mit diesen immer wiederkehrenden  Gerüchten und Nachrichten um den Führerschein der reifen Leute, werde ich das Seniorweb ein für allemal verlassen.“

 

Altersgrenze: Undifferenziert und diskriminierend

Seniorweb wird dennoch am Thema bleiben. Denn wenn Führerausweise grundsätzlich unbefristet ausgestellt werden, aber ab Alter 70 alle zwei Jahre erneuert werden müssen, ist das diskriminierend. Dagegen sollte sich Seniorweb, auch im Interesse von Panchito, tatkräftig wehren.

 

Autofahren: Kein Menschenrecht

Schauen wir uns die Sache mit dem Führerschein etwas grundsätzlicher an. Autofahren ist kein Menschenrecht. Wer nicht Auto fahren kann, ist kein Mensch zweiter Klasse. Und die öffentlichen Transportsysteme sind in der Schweiz - selbst in Randgebieten - derart gut ausgebaut, dass die eigene Mobilität ohne Auto auch im Alter durchaus intakt bleibt. Zwischendurch kann man sich auch ein Taxi leisten, wenn man kein Auto mehr besitzt.

 

Fahreignung

Ausserdem: Der Mensch ist nicht unbedingt konstruiert für das Autofahren. Gehen, laufen, reiten – das sind einfache Tätigkeiten, für die der Mensch geschaffen ist. Das Lenken eines Motorfahrzeuges hingegen ist, vor allem im heutigen komplexen und komplizierten Strassenverkehr, sehr anspruchsvoll und bedarf charakterlicher Eigenschaften, die in der modernen Gesellschaft zunehmend verloren gegangen sind. Nämlich Rücksichtnahme und sich in andere Menschen hineinversetzen können (Empathie). Im Flugverkehr werden zu recht strenge Eignungstests durchgeführt, nur ein Bruchteil der AnwärterInnen schafft es, den Pilotenschein zu erwerben. Im Strassenverkehr hat der Gesetzgeber die Hürden für die Fahreignung sehr tief angesetzt, so dass heutzutage sozusagen Kreti und Pleti ans Steuer sitzen darf.

 

Fahrkompetenz: Aneignug …

Wenn  man, wozu es wie gesagt sehr wenig braucht, vom Gesetzgeber als zum Autofahren geeignet beurteilt wird, darf und muss man sich die Fahrkompetenz aneignen (Fahrunterricht, Prüfung). Diese Fahrkompetenz kann aber im Laufe der Zeit, zum Beispiel aus medizinischen Gründen, wegen Suchtproblemen, wegen fortschreitendem Alter oder auch mangels Fahrpraxis, abnehmen oder ganz verloren gehen.

 

…und regelmässige Überprüfung

Von daher ist es einleuchtend und sinnvoll,  dass die Fahrkompetenz nicht nur bei einem Unfall oder bei grober Verletzung von Verkehrsregeln, sondern regelmässig überprüft wird. Und zwar völlig unabhängig vom Alter, also ohne jede Diskriminierung. Aber ganz klar im Interesse der Verkehrssicherheit (via sicura!).

 

Wer überprüft?

Lenkerinnen und Lenker von Motorfahrzeugen alle zwei Jahre durch eine Prüfung zu schleusen, ist wenig sinnvoll und vor allem sehr aufwendig. Den Hausarzt allein (nach medizinischen Kriterien) über die Fahrtauglichkeit befinden zu lassen, ist zu wenig aufschlussreich. Die Lösung heisst Fahrberatung. Es gibt ausgebildete Fahrberaterinnen und Fahrberater, welche mit dem Probanden eine einstündige Probefahrt absolvieren, die möglichst alle Verkehrssituationen (innerorts, ausserorts, Autobahnen) umfasst und dann einen detaillierten Fragebogen ausfüllen, der die Schwachstellen des Fahrers oder der Fahrerin aufzeigt. Bei guten oder sehr guten Ergebnissen ist alles okay, bei grösseren  Mängeln kann sich die Beurteilung durch den Hausarzt oder auch durch einen Verkehrspsychologen aufdrängen. Immer unabhängig vom Alter. Vom Fahrberater aufgezeigte Mängel können durch gezieltes Training, also durch Fahrstunden, beseitigt werden, die Fahrkompetenz bleibt gewährleistet oder wird, sofern sie verloren gegangen ist, wieder hergestellt.

 

Was bringt der Fahrsimulator?

Was für Piloten selbstverständlich ist, könnte auch für Autolenkerinnen und Lenker sinnvoll sein: Das Üben am Simulator. Was das bringen könnte, erforscht dass Psychologische Institut der Universität Zürich in einer breit angelegten Studie an ca. 90 älterenProbandinnen und Probanden. Die Studie beginnt in diesen Tagen und umfasst eine Probefahrt, einige verkehrspsychologische Tests und anschliessend, über einen längeren Zeitraum verteilt, zehn Trainingseinheiten am Simulator. Den Abschluss bildet eine zweite Probefahrt mit dem gleichen Fahrzyklus. Die Forscher der Universität Zürich erhoffen sich Aufschlüsse darüber, inwieweit das Training die Fahrkompetenz älterer Lenkerinnen und Lenker verbessern kann, und ob diese Trainingseffekte auf das reale Autofahren übertragbar sind.

 

Versuchskaninchen

Der Schreibende hat sich zunächst einer Testfahrt bei einer Fahrberaterin unterzogen, mit einem insgesamt recht guten Ergebnis, allerdings auch mit Schwachstellen: Eher zu schnelles Fahren innerorts und zu nahes Auffahren auf der Autobahn. Und vor allem die Angewohnheit, bei Spurwechsel und Abbiegen zuerst den Blinker zu stellen und erst dann in den Rück- und Seitenspiegel zu schauen (statt umgekehrt). Bei der Probefahrt erfasste eine Blickbewegungskamera das Blickverhalten während der Fahrt. Diese für Studienzwecke  zusätzlich erhobenen Daten zeigten, dass der Schreibende die Seiten- und Rückspiegel eher wenig nutzte, dafür vermehrt Seitenblicke und Kontrollblicke tätigte. Solche „Sünden“ können sich im Verkehrsalltag durchaus fatal auswirken, lassen sich aber ohne weiteres auch wieder abgewöhnen.

 

Fahrsimulator: Ernüchternde Erfahrung

Die erste kurze „Session“ am Simulator fiel allerdings ernüchternd aus: Zwei grobe Fehler und vier kleinere Fehler innert wenigen Minuten. Das heisst: Das Üben am Simulator ist sehr gewöhnungsbedürftig, und erschwerend kommt hinzu, dass mit einer ungewohnten Automarke gefahren wird. Das Abstottern des Motors passiert dem Schreibenden nie im Alltagsverkehr, wohl aber am Simulator.

 

Kluges Fahren im Alter

Wie schon am Anfang des Artikels gesagt: Ein nur noch auf zwei Jahre befristeter Führerausweis ab 70 ist wirklich nicht der Weisheit letzter Schluss. Denn im Alter kann ein kluges Fahren die Risiken vermindern und damit schwindende körperliche und geistige Kräfte  bis zu einem gewissen Grad kompensieren. Dazu gehört schon einmal das passende Fahrzeug (z.B. mit automatischen Getriebe), und dazu gehört auch eine kluge Fahr-Strategie: Man fährt nicht bei Nacht oder schlechten Sicht- oder Strassenverhältnissen, man meidet die Autobahnen, wenn das Einfädeln in die Autobahn Probleme bereitet, man meidet Stosszeiten und die Innenstädte und legt bei längeren Fahrten häufigere Pausen ein. Ältere Fahrzeuglenkerinnen und Lenker, welche so fahren, stellen ein ungleich geringeres Risiko auf der Strasse dar als jugendliche Raser. Das müssten sich auch Versicherungen, welche mit höheren Prämien für Seniorinnen und Senioren liebäugeln, hinter die Ohren schreiben.

 

Fahrberatung in jeder Region

Und zum klugen Fahren im Alter könnte auch gehören, sich regelmässig und freiwillig einer Probefahrt bei einer Fahrberaterin oder einem Fahrberater zu unterziehen. Das sind Fahrlehrerinnen oder -lehrer, die eine besondere Zusatzausbildung absolviert haben. Zu finden sind sie in jeder Region. Für Seniorinnen und Senioren werden spezielle Fahrberatungen angeboten.

 

Links:

 

http://www.autofahrschule-huber.ch/images/fahrberatung.PDF

 

 

Diskussion in der Arena:

 

http://www.seniorweb.ch/type/forum-topic/2010-06-15-befristeter-fuehrerausweis-ab-70-jahren

 

Bild: Daniela Klaghofer – pixelio.de

 

Mitarbeit:

Rita Amalin Surber

Gianclaudio Casutt, Assistent Psychologisches Institut Universität Zürich

Margret Trafelet, Fahrberaterin

Kommentare

Bild des Benutzers rita amalin surber

senioren am steuer

zwischen dem erscheinen dieses artikels und heute, 3.7., wurde als erster satz in einer sendung des schweizer fernsehens zum thema autorfahren gesagt: senioren seien die grösste gruppe von unfallverursachern!!!! mich wunderte, dass kein aufschrei auf seniorweb oder sonstwie erfolgte. denn diese aussage ist, wie wir schon lange wissen, vollkommen falsch.

so meldet heute samstag, die beratungsstelle für unfallverhütung folgendes: pro jahr sterben fast doppelt so viele menschen an unfällen, bei denen unter 24-jährige am steuer sassen, als wenn es über 70-jährige waren. es wirkt wie eine richtigstellung.

dem tagi sei dank, dass er diese meldung publiziert hat.

Bild des Benutzers Bärewärter

Die Alten am Steuer ausstoppen?

Leider kann ich mich nicht grundsätzlich gegen die obige Frage stellen!

Die "Alten" überschätzen sich meist (wie übrigens auch die "Jungen")!

Wobei das Problem eigentlich auch bei den ärztlichen Untersuchungen anfängt - der "Hausarzt" will sich doch mit seinem Kunden (Patienten) nicht verderben! Als ich s.Z. meinen Augenarzt informierte, den Fahrausweis abzugeben, antwortete er mir: "Es fahren aber noch Viele, welche schlechter sehen als du!!!"

Ich habe den "Bäre-Höck" am 12.09.2005 gegründet, so heisse ich auch "Bärewärter", weil ich mich um das allgemeine Wohl und Interesse seiner Mitglieder kümmere (meist gelingt mir dies auch)!

W

Bild des Benutzers erizo

für Alle

Ich habe heute das Aufgebot zur Verkehrsmedizinischen Kontrolluntersuchung erhalten.Der Begleitbrief war in einem sehr freundlichen und sehr informativen Stil gehalten.Die für den Arzt nötigen Unterlagen waren beigelegt.Ebenfalls wurde auf die wichtigen Punkte für den Führesausweisinhaber hingewiesen,damit sind beim heutigen –IST- Zustand das verbreiten von wiederkehrenden Gerüchten nicht angebracht.Ich sehe diese notwendige Untersuchung als einen Teil vom ganzen.Fehlende Empathie,und Charaktereigenschaften können bei einer Untersuchung nicht festgestellt werden. Fehler im Fahrverhalten werden nicht erst ab 70 Jahren gemacht.Bei allen Ratschlägen zu diesem Problem finde ich die *Aussage zur regelmäßigen Überprüfung gut: Und zwar völlig unabhängig vom Alter, also ohne jede Diskriminierung. Aber ganz klar im Interesse der Verkehrssicherheit. 

 

 

 

*vom Autor