Gesundheit

Bewegung als Lebenselixier

Bewegung als Lebenselixier

Bewegung in allen ihren Formen hilft und erfreut Menschen mit Demenz!
Autor: 
Ralf Baumann

files/Logo_Tertianum_Zfp.jpgDie vom TERTIANUM Bildungsinstitut ZfP am 10. Juni 2010 veranstaltete Fachtagung „Bewegung als Lebenselixier für Menschen (mit Demenz)“ stellte ein Thema in den Mittelpunkt, das im Hinblick auf Alter und Demenz immer mehr an Bedeutung gewinnt: Bewegung in der Prävention und Therapie. „Die Tagung spannt einen Bogen von der neuesten Grundlagenforschung hin zur  Praxis“, sagte Tagungsleiter Carsten Niebergall zur Begrüssung der 200 Tagungsteilnehmer im Lakeside in Zürich.

«Wundermittel» Bewegung

files/Spielbar_Hasler.jpg"Bewegung ist die beste Medizin“ oder „Wer rastet, der rostet“: Diese Volksweisheiten seien inzwischen weitgehend wissenschaftlich untermauert, sagte Dr. Gabriele Kreutzner vom Demenz-Support-Stuttgart zu Beginn der Tagung.
Dass Bewegung vor Herz- und Gefässerkrankungen wie Herzinfarkt, Bluthochdruck, Diabetes, erhöhtem Cholesterinspiegel, Übergewicht und entzündlichen Prozessen schützen kann, ist nicht neu. Dass die genannten Erkrankungen als Risikofaktoren für kognitiven Abbau oder die Ausbildung demenzieller Syndrome im höheren Lebensalter gelten können, hingegen schon. „Neue Erkenntnisse der Wissenschaft belegen die Wechselwirkung zwischen Motorik und Kognition“, betonte Dr. Kreutzner. Es häufen sich die positiven Belege, dass körperliche Betätigung das Gehirn vor altersbedingtem Abbau schützt und das Risiko einer Demenz verringern kann. Bei Personen, bei denen die Krankheit bereits vorhanden ist, verlangsamt sie wahrscheinlich den Grad des Abbaus und verringert krankheitsbedingte Verhaltensprobleme.
Für die Praxis bedeutet dies: Bewegung ist wahrscheinlich die einfachste und kostengünstigste Art der Gesundheitsförderung im Alter. In Altersheimen sollten entsprechende Übungsprogramme am besten täglich praktiziert und mindestens fünf Mal die Woche angeboten werden, forderte Dr.Kreutzner.

Was wissen wir bis heute?

In ihrem Vortrag „Kognition, Bewegung und Demenz. Was wissen wir heute?“ fasste Prof. Dr. Brigitte Stemmer von der Universität Montreal den Stand der Forschung zusammen. Untersuchungen haben ergeben, dass Bewegung bei gesunden Menschen eine zeitliche Verzögerung des Alterungsprozesses bewirkt. Aber gilt das auch bei Alzheimer Demenz? Fünf grossangelegte Studien befassen sich derzeit mit dieser Frage. Dr. Stemmer hat zwei Metaanalysen untersucht - mit der Einschränkung, dass diese wegen unterschiedlicher Kriterien schlecht verallgemeinert werden können. So kommen die Studien von Heyn und Forbes in Bezug auf den Effekt von sportlicher Aktivität auf kognitive Störungen und Demenz zu gegensätzlichen Ergebnissen. Trotzdem: Es gebe viele Hinweise, dass Bewegung vor allem in Frühstadien der Alzheimer-Krankheit positive Kognitive Effekte hat, betonte Dr. Stemmer. Eine auf 12 Jahre angelegte Studie von Scarmeas kommt zu dem Ergebnis, dass regelmässige sportliche Bewegung (3x pro Woche)  und eine mediterrane Ernährung das Risiko an Alzheimer zu erkranken vermindern kann. Je früher man seine Lebensweise entsprechend umstellt, desto höher scheint der Grad der Prävention.  Und in späteren Stadien der Alzheimer-Krankheit hat Bewegung möglicherweise positive Auswirkungen auf die Lebensqualität. „Dabei ist eine gewisse Intensität und Häufigkeit wichtig, damit ein Trainingseffekt eintritt“, betonte Prof. Stemmer.

Leuchtturmprojekt MAKS

files/Speilbar_Hasler_II_0.jpgDie Abkürzung „MAKS aktiv“ steht für motorisches, alltagspraktisches, kognitives und spirituelles Aktivierungstraining für Demenzkranke im Pflegeheim und ist ein Projekt der Psychiatrischen Universitätsklinik Erlangen. Dipl.-Psych. Ger. Birgit Eichenseer stellte erste Ergebnisse der klinischen  Pilotstudie vor. Das Therapieprogramm wurde in fünf Pflegeheimen eingesetzt, pro Patient 2 Stunden am Tag an 6 Tagen in der Woche über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten. Das neu entwickelte Therapiemanual wurde von einem Therapeutenteam, bestehend aus 3 Therapeuten für 10 MAKS-Teilnehmer pro Heim, umgesetzt. Das Training besteht aus einer spirituellen Einstimmung (10 Min), motorischem bzw. psychomotorischem Training (z.B. Hanteltraining oder Zielwerfen), kognitivem Training (Power-Point -Übungen) und einem alltagspraktischen Training wie z.B. einen Obstsalat zubereiten. Anfängliche Skepsis seitens von Betreuern, die das MAKS-Training für zu anspruchsvoll hielten, seien von diesen später revidiert worden, berichtete Eichenseer.

Die Auswertung der 1-Jahres-Daten habe die Arbeitshypothese bestätigt, sagte Eichensee:  Die kognitiven und alltagspraktischen Leistungen in der Interventionsgruppe seien konstant geblieben, während sie in der Kontrollgruppe weiter abnehme. Ihr Fazit: Eine Verzögerung des kognitiven Abbaus durch nicht medikamentöse Therapie ist möglich. Ob die Studie auch auf den Pflegealltag übertragbar sei, wurde aus dem Publikum gefragt. Es sei in Deutschland geplant, das von der Bundesregierung geförderte Projekt weiterzuführen, sagte  Eichenseer. Derzeit arbeitet die Gerontologin an einem MAKS-Therapie-Handbuch für die Praxis, das demnächst erscheinen soll (www.maks-aktiv.de).

Umsetzung in  der Praxis

files/Traudel_Theune.jpgIm praktischen Teil der Tagung stellte die Diplompädagogin Traudel Theune das Konzept der Motogeragogik vor, einer an die Lebensphase „Alter“ angepasste Psychomotorik. „Das Konzept bietet eine breite Basis für Bewegungsangebote, die für Menschen mit Demenz ein wahres Lebenselixier sein können“, sagte Theune. „Wer Demenzkranken Sport und Bewegung vorenthält, macht sich strafbar.“ Ordnung und Kreativität in Rhythmik und Musik sind wichtige Inhalte der Motogeragogik. Die Bewegungsangebote sollten 30 bis 45 Minuten umfassen und mehrfach pro Woche angeboten werden, in kleinen Gruppen und mit genügend Begleitpersonen. Die Übungen müssen von den Betreuenden jedoch individuell den Teilnehmenden angepasst werden. Dazu braucht es keine teuren Instrumente, Hände und Füsse reichen schon aus, betonte Theune, und demonstrierte dies gemeinsam mit den Tagungsteilnehmern anhand von Carl Orffs Konzept der Körperinstrumente (klatschen – patschen – stampfen – schnipsen). Und nach der Mittagspause präsentierte Traudel Theune den Tagungsteilnehmern „Bewegungs-Versucherli“ für die praktische Arbeit.

Zur Untätigkeit verdammt

Wie kommt es, dass jeder zweite Bewohner eines Altenheimes binnen eines Jahres im Rollstuhl sitzt oder bettlägerig ist? Diese Frage untersuchte  Dr. Angelika Zegelin vom Institut für Pflegewissenschaft der Universität Witten-Herdecke in ihrer bahnbrechenden Studie  „Festgenagelt sein. Der Prozess des Bettlägerigwerdens durch allmähliche Ortsfixierung. Umsetzung von Bewegungsförderung im Pflegealltag“ aus dem Jahr 2004, deren Ergebnisse in neuen und noch laufenden Projekten bestätigt und erweitert werden. Die ursprüngliche Studie kam zu dem Schluss, dass über 20 Faktoren zur allmählichen Ortsfixierung von älteren Menschen in Heimen oder in der häuslichen Pflege führen, Krankheitsumstände spielen dabei kaum eine Rolle. Oft wollen die Patienten niemanden zur Last fallen, sie akzeptieren deshalb Hilfsmittel und Rollstühle und ziehen sich allmählich ins Bett zurück. In dem noch laufenden Praxisprojekt  in 5 Altenheimen wird diese „schleichende Immobilisierung“ untersucht. 

files/Speilabr_Hasler_III.jpgFür die Praxis ergeben sich folgende Befunde: Es gibt in der Pflege kein Konzept für die Erhebung des Mobilitätstatus, Pflegende fühlen sich für die Mobilitätsförderung nicht zuständig und die Zusammenarbeit mit der Physiotherapie ist mangelhaft. Die Untersuchung zeigt, dass festgefahrene Abläufe durch den Wechsel der Wohnbereichsleitung durchbrochen werden können. Als Beispiele für die Praxis empfahl Dr. Zegelin ein 3-Schritte-Programm (der Rollstuhl wird drei Schritte vor der Toilette gestoppt) oder Trimm-Dich-Ecken. Als Erfolg habe sich in einigen deutschen Kliniken das  Konzept des Klinikspaziergangs gezeigt, berichtete die für ihre Forschung mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Wissenschaftlerin. Patienten und Besucher unternehmen einen Rundgang für 45 bis 60 Minuten mit rund 15 Haltepunkten mit Informationen, Gedichten und Wandbildern. (www.angelika-zegelin.de)

Spielend bewegen

files/Spielbar_Hasler_IV.jpgWas hat Spielen mit Bewegung zu tun? Sehr viel, wie die Spielpädagogin Gabriele Hasler in ihrem Beitrag „Spielend bewegen“ zeigte. Der Mensch wird mit dem Können zum Spielen geboren, ein Grossteil der der kognitiven Entwicklung und der Entwicklung von motorischen Fähigkeiten findet durch Spielen statt. Spielen bereitet Freude und weckt Erinnerungen, was sowohl unserer Gesundheit als auch unsere Kräfte stärkt. „Entsprechende Vorgänge im Gehirn wurden wissenschaftlich untersucht und nachgewiesen“, berichtete Hasler. Das Spiel leistet einen wichtigen Beitrag für die psychosoziale Begleitung von hochbetagten Menschen, es aktiviert den ganzen Menschen. „Das Spiel schenkt uns das Leben in der Gegenwart.“ (www.spielbar.ch)

Fotos:  Jürgen Georg
Nachbemerkung:
Auf der Boje (Titelbild) lesen wir: "Wenn ich ein Schiff wäre, wäre es zu spät. Also schau voraus."

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