Trotz kriselnden Zeiten haben wohletablierte Institutionen Oberwasser; die musikverarbeitende Industrie, die sich jedesmal bei der technischen Zersplitterung Gedanken machen muss, auf welchen „Kanälen“ sie den klingenden Warenstrom an die Käufer heranbringt, setzt organisatorisch auf Konzentration. Erfolgreich ist, wer Stars en masse auffahren lassen kann, wenn es gelingt, dank funktionierendem Networking und guten zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Organisationen, Agenturen, Stars alle Bedingungen für einen Massenspektakel zu optimieren. Dass man bei nüchterner Prüfung des musikalischen Angebots feststellen muss, dass trotzdem Ueberraschungen durchaus selten vorkommen, tut der Sache keinen Abbruch. Denn auch am Montreux Jazzfestival wird nicht nur Musikgeschichte geschrieben, sondern vorab verkauft.
Der Erfolg des Montreux Jazzfestivals ist wirklich ein Verdienst von Claude Nobs, Festivalgründer und CEO, plus Doktor Honoris Causa der EPFE, durch den MIDEM zum Mann des Jahres 2006 erkoren, Commandeur de l`Ordre des Arts et des Lettres seit 2006, Ehrenbürger der Städte Atlanta und New Orleans in demselben Jahr. Das sind nur einige der Titel, die ihm verliehen wurden. Des weitern wurde Claude Nobs 1973 zum Repräsentanten der WEA Europa und später Direktor von Warner Music Schweiz. Sogar der amerikanische Nachrichtensender CNN widmete ihm ein einstündiges Porträt. Vom Garten seines Chalets hoch über Montreux aus geniesst Nobs den atemberaubenden Blick über den Genfer See, dort oben, wo er während des Festivals seine Stars empfängt und bekocht, werden auch Journalisten aus aller Welt zur Pressekonferenz freundlich begrüsst; der ZDF Dokukanal mit der Dokumentation „Smoke on the water“ (2008 gedreht) liess vier Jahrzehnte des Montreux Jazz Festival letztes Jahr im Fernsehen aufleben. Also Claude Nobs und sein treues Team sorgen bestens für „ihr“ Jazz-Fest, für absolutes Timing, halten die Medien, die Musiker und das „Fussvolk“ bei guter Laune. Doch höher, schneller, weiter, teurer: Dieses Motto der vielzitierten Spassgesellschaft scheint auch auf das Jazzfestival Montreux zuzutreffen. Eigentlich sollte besser heissen: bunter, vielfältiger und anspruchsvoller. Denn was einst mit purer Begeisterung und wenigen Franken an finanziellen Mitteln begonnen hat, ist nun zu einem bombastischen Anlass geworden: Das Montreux Jazz Festival – es ist das Lebenswerk von Claude Nobs - ein mutiges und unermüdliches Engagement für die Musikwelt. 1967 vom gelernten Koch in seiner Heimatstadt Montreux am Genfer See ins Leben gerufen, zählt es heute zu den berühmtesten Musikfestivals der Welt. Zur Ursprungsquelle des Festivals, dem Jazz, kamen in kürzester Zeit andere Stilrichtungen hinzu, wie Rock, Pop, Reggae, Worldmusik und HipHop.
Kolossaler Superstar Miles Davis beispielsweise war 1989 mit 2`500 Vorbestellungen bereits ausverkauft, rund 45`000 Besucher wurden damals wie jedes Jahr zuvor erwartet. Von Ella Fitzgerald, Ray Charles, David Bowie, Queens über Deep Purple, B.B. King, George Benson, Eric Clapton und Herbert Grönemeyer bis hin zu Carlos Santana sowie 2009 Popstar Prince als Highlight im Exklusiv-Doppelkonzert – fast alle Grössen der internationalen Musikszene haben rückblickend Montreux in den vergangenen 43 Jahren die Ehre erwiesen, viele davon mehrmals, wie Keith Jarrett oder Quincy Jones. Claude Nobs besitzt eines der weltweit umfangreichsten Filmarchive mit tausenden Stunden Konzertmitschnitten der Künstler und ihrer Auftritte in Montreux. Neu existieren an den Flughäfen Genf und Sydney (Australien) bereits zwei seiner zukünftig geplanten Jazzcafes, wo Konzertaufnahmen aus Archiven zum Menüplan gezeigt werden.Nicht von ungefähr, dass hinter den Kulissen zeitweilig mit härtesten Bandagen „gekämpft“ wird. Es geht um Marktanteile, um Sende- und Weiterverwendungsrechte, um „Big Promotion“ und nicht zuletzt drängeln die Musiker um Startvorteile gegenüber ihrer Konkurrenz. Die kritischen Fragen nach der Problematik des „Musik-Mode-Supermarkts“ von Montreux kennt Festivaldirektor Nobs aus vielen Interviews, sie prallen bereits an seiner bestimmenden Geste ab: „Natürlich bin ich ein kommerzieller Veranstalter.“ In diesen Tagen mit gesamthaft 64 Konzerten in zwei Wochen…
So könnte es eigentlich auch mal vorkommen, dass ein musikalischer Höhepunkt des Abends reichlich nach Mitternacht oder vor halbleerem Saal auftreten müsste; Gründe, die Claude Nobs seit Jahren vermeidet, ebenso, dass ein in letzter Minute auf die Bühne herangeknatterter Lückenbüsser die Zuschauer notdürftig bei Laune hält. Bei den Bluessessions steigt er meist mit seiner Mundharmonika ein, die Konzertansagen reserviert er für sich. Überhaupt kann man sich fragen, was ist eigentlich einzuwenden gegen sechzehn Tage Musik, von Blues bis Soul, von Afrika bis Brasilien, von einst Miles Davis (1990) bis heute Elvis Costello und seine eigene (Piano-)Frau Diana Krall (13. Juli) zu stolzen 260 Franken pro Sitzplatz auftreten werden? Das Montreux Jazz Festival, das eine ambitiöse Programmwahl kultiviert, bietet nicht nur den Musikern, sondern auch den Besuchern allein schon mit 16 „Stravinsky“-Hauptkonzerten und jenen in der Miles Davis Hall ein kulturelles Spektakel in einem intimen Rahmen; wohl als facettenreichste Musikveranstaltung unserer Zeit. Aber Claude Nobs ist viel mehr als „nur“ ein Festivalleiter – versöhnlich ist er auch Förderer junger Talente, lässt diese um Auftrittsgunst bettelnden Newcomers an Nachmittagen und frühabends an Off-Festival-Konzerten und auf verschiedenen Plattformen rings im und um das Festivalgelände sowie ausserhalb an der Seepromenade, Clubs und im Park Vernex, an Workshops und für Musikwettbewerbe auf Goodwill-Basis spielen.
Jedes Jahr bevölkern etwa eine Viertelmillion Musikbegeisterte das sonst verschlafene Schweizer Städtchen. Wen stören die Eintrittspreise, die jetzt pro Abend im Auditorium Stravinsky zwischen 119.—(Stehplatz) und 240 Franken im „Center Parterre“ beispielsweise für die Jazz-Ikone Nora Jones (+ Willie Mason) liegen? Das Publikum offensichtlich nicht. Zum Warm up am 1. Juli (sein Europa-einziges Konzert am Abend vor dem offiziellem Festivalbeginn) mit dem am Genfersee lebenden Phil Collins „plays ’60s Motown and Soul“ mussten bis 380 Franken für einen 1. Kategorie-Sitzplatz hingeblättert werden. Sicherlich nichts für musikbegeisterte Lehrlinge oder gar Rentenbezüger. An diesen beiden bereits ausverkauften Abenden im mondänen Stravinsky-Saal – je nach Bestuhlung und Beanspruchung - mit Platz bis zu 3`500 Personen, erwartet man eben arrivierte Jazz- und Soulgrössen.
Für die Aufrechten und Unverdrossenen unter den Kennern und deren eifrigen Nachahmern – die Fans eben – ist ein solcher Anlass schon ein Ereignis, ein ganz besonderes zudem, mithin unabdingbares Muss - und zwar von vornherein und unbesehen (beziehungsweise ungehört). Vielleicht zuerst mit etwas Skepsis, doch danach in Erwartung eines Konzertmitschnitts auf Video, DVD oder CD allenfalls oder klar ausgedrückt: Jeder froh darüber und hauptsächlich, dass er selber hingegangen ist. Das gehört einerseits absolut zum guten Ton und andererseits macht das Festival weiterhin (wie lange noch?) mit seinen angefressenen Fans ein elitäres Megageschäft…
Dass Musik die aktuelle Variante des alten Prinzips „Brot und Spiele“ ist, eine Serviceleistung gleichsam zur psychosozialen Reparatur der geplagten Menschenseele, weiss man. Keinem anderen Schweizer Festival gelingt die frohgemute Universalierung des Aesthetischen, in der Konsum und Kunst, Werbung und Kultur elegant und nahtlos ineinander übergehen. Non-fanatics hingegen mögen sich da durchaus erst einige Reserven offen halten. Denn mit Live-Dokumenten der Populärmusik Amerikas & Co ist es ja, ganz allgemein so gesehen, eine Sache. Die Frage, ob die Werbung für die Musik da ist oder umgekehrt, ist hier blosse Rhetorik; ein Naivling, wer sie überhaupt noch stellt…
Alle Informationen zum Montreux Jazz Festivals gibt’s auf: www.montreuxjazz.com
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