Bild oben: Ausschnitt aus einem Bericht der Mittellandzeitung
Er kam 1949 aus dem Nichts. Ein Mathematiker, der sich bald als Unternehmensberater in der Schweiz einen Namen machte. Wie der Götterbote Hermes oder Merkur brachte er der soliden, nüchternen Schweizer Wirtschaft eine Botschaft aus dem Olymp: „Ein gutes Produkt herzustellen reicht nicht. Man muss es auch verkaufen können! Dabei sind unkonventionelle Massnahmen erwünscht!“
Gesprächspartner für alle
Nicolas Hayek hatte noch andere Botschaften. Bis zu seinem plötzlichen Lebensende beriet er Politiker, Meinungsmacher, Wirtschaftsführer, Militärs. Er war den Gewerkschaften ein fairer Partner, seinen Mitarbeitern ein patronaler, aber gerechter Chef. Vor einem Jahr, als die Finanzkrise auch die Uhrenindustrie in Unruhe versetzte, bestand Hayek auf der Weiterbeschäftigung aller seiner Mitarbeiter und überbrückte Flauten im Eingang von Aufträgen mit Kurzarbeit statt mit Entlassungen. An grossen Treffen von Wirtschaftsführern suchte man seinen Namen vergebens. Er war sich zu schade, aus dem Fenster zu reden. Und seine Zeit war zu kostbar, als dass er sie in Davos an Management Symposien verplempern wollte.
Er war nicht immer „pflegeleicht“, die Banken bekamen oft seinen Unmut zu spüren. Er hielt sich wenig an politische Konventionen. Wenn er sich mit Politikern an einen Tisch setzte, dann wählte er Gesprächspartner aus verschiedenen Parteien. So als er sich zusammen mit dem damaligen Nationalrat Adolf Ogi und SP-Chef Helmut Hubacher für eine Beschaffung des Schützenpanzers Leopard aus Deutschland statt eines Eigenbaus einsetzte. Mit vereinten Kräften brachten damals SP und SVP das Geschäft durch das zerstrittene Parlament.
Hayek verfasste für den Bundesrat eine Machbarkeitsstudie über die EXPO, die drei Jahre vor ihrem Stattfinden beinahe zum Scherbenhaufen wurde. Er befürwortete die Durchführung und band neben Wirtschaftsführern auch die Behörden der Austragungsorte mit ein. Trotz massiver Kritik wurde die EXPO ein grosser Erfolg. Und vor noch nicht zu langer Zeit setzte sich Nicolas Hayek mit Christoph Blocher und Christian Levrat zusammen, um den Banken einen Spiegel vorzuhalten.
Der Vater der Swatch
Die grössten Verdienste erwarb sich Nicolas Hayek in der Uhrenindustrie. Er hatte Visionen, er hatte Mut, auch eigenes Geld zu investieren. Statt auf Uhren mit typisch schweizerischer Qualität und Betriebsdauer setzte er auf Wegwerfprodukte, die er zu Modeartikeln stilisierte. Er hatte Ziele vor Augen, denen er unbeirrt nachging. Dort, wo seine Kräfte nicht ausreichten wie beim Kleinwagen Smart, scheute er sich nicht, die Ausführung seiner Visionen anderen zu übertragen. Mercedes übernahm schliesslich die Produktion, leider fehlte es den Machern aber an der Marketing-Fantasie, welche dem Produkt zum durchschlagenden Erfolg verholfen hätte.
1965, ich arbeitete damals in der Marketingabteilung der Frankfurter Braun AG, hatten wir Besuch einer japanischen Delegation, die sich für Braunprodukte wie Rasierer, Filmapparate, Küchengeräte und Radios interessierte. Als Gastgeschenk brachten sie eine kleine Standuhr (ca. 4 cm hoch, 2,5 breit), die von einer Quarzbatterie betrieben wurde. Nach Aussage der Japaner sollte sie nach einer einjährigen Laufdauer eine Zeitabweichung von höchstens einer halben Sekunde haben. Als Schweizer interessierte ich mich für die japanische Uhr und erfuhr von unseren Gästen, dass sie in der Schweiz ihre Uhr präsentiert hätten, aber ausgelacht worden seien.
Fünf oder sechs Jahre später, ich arbeitete damals in Grenchen, lag die Schweizer Uhrenindustrie auf dem Boden. Japanische Billiguhren mit Quarz-Batterie eroberten den Markt und bestachen hauptsächlich mit dem billigen Kaufpreis. In jener Zeit kaufte Nicolas Hayek zwei alte Uhrenfabriken in Grenchen und Biel. Für die erste Swatch streiten heute noch mehrere Zeitgenossen Hayeks über die Urheberschaft. Hayek wurde der Vater dieses neuen Produktes, indem er die Swatch als Modeaccessoire verkaufte, als Wegwerfuhr, wenn die Batterie aufgebraucht war. Er sicherte sich neue Vertriebswege, beispielsweise die Swissair, die limitierte Auflagen bestimmter Swatch-Uhren exklusiv verkauften. Die Sammelleidenschaft wurde geweckt. Bald sammelten viele Schweizer Swatch-Uhren wie andere Kaffeedeckeli oder Briefmarken.
Swatch-Geschäfte entstanden in der ganzen Welt. Selbst Spezial-Uhrengeschäfte im Hochpreissegment konnten es sich bald nicht mehr leisten, keine Swatch-Uhren auf Lager zu haben.
Das Billigprodukt brachte die Umsätze, die notwendig waren, die angestammten Nobel-Marken zu erhalten. Hayeks Unternehmung umfasste bald die wichtigsten Marken der Schweiz. Die Uhrenindustrie, die in früheren Jahrzehnten Hoch und Tiefs erlebt hatte, die krisenanfällig war wie kaum ein anderer Industriebereich, erhielt durch die Swatch eine Basis, die auch in weniger rosigen Zeiten Wohlstand generiert.
Nicolas Hayek hat die Leitung seiner Unternehmen rechtzeitig in jüngere Hände übergeben. Als Verwaltungsratspräsident aber hinterlässt er eine Lücke. Nicht nur in der Uhrenindustrie, nicht nur in der Westschweiz, sondern in der gesamten Volkswirtschaft unseres Landes.
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