Kultur

„Satchmo“ Louis Armstrongs 110. Geburtstag

„Satchmo“ Louis Armstrongs 110. Geburtstag

Am heutigen US-Nationalday gedenken Jazzfreunde der Legende

Wer kennt ihn nicht, den grossartigen Vertreter des New Orleans Jazz? Louis Armstrong überstand mühelos den grössten Einschnitt der Jazzgeschichte: Obwohl 1945 die Jazzwelt vom Bebop bestimmt wurde, blieb er weiterhin als König des Swing populär. Seine All Stars füllten noch 1947 die Clubs und gelangten 1949 mit „Blueberry Hill“ sogar in die amerikanischen  Hitparaden. Im selben Jahre widmete ihm das „Time Magazine“ eine Titelgeschichte und 1952 wurde er von den Lesern des einflussreichen Szenemagazins „Down Beat“ zur „bedeutendsten musikalischen Persönlichkeit aller Zeiten“ gewählt. Armstrong avancierte zum inoffiziellen Kulturbotschafter Amerikas, und es gelang ihm, mit Alben wie „Ella & Louis“ (1956 mit Sängerin Ella Fitzgerald) oder „Meets Oscar Petersen“ (1957, mit Pianist Oscar Petersen) sowohl die Erwartungen des grossen Publikums als auch der Jazzkenner zu erfüllen. 1957 und 1958 trat er beim Festival in Newport auf, Anziehungspunkt   für Musiker des progressiven Jazz. Gestorben ist Louis Armstrong am 6. Juli 1971 in New York. Das ist ungefähr das, was die meisten Jazzliebhaber überhaupt von und über  Louis Armstrong wissen und das auf wikipedia nachzulesen ist.

Lil Hardin Armstrong: „Femme inspiratrice“

Louis Armstrong Park, New Orleans

Louis Armstrong Park, New Orleans

Den ersten Kontakt zu Louis Armstrong, zu diesem am 4. Juli 1900 – das Datum ist bis heute umstritten – in New Orleans geborenen „Botschafter des Jazz“, brachte mir 1954 als Teenager der unvergessliche Spätnachmittagsauftritt der farbigen, am 3. Februar 1898 in Memphis, Tennessee geborenen Jazzpianistin Lil Hardin, im nahen Bieler Hotel Elite. Die Geschichte um die unglücklich verlaufene Liebe zwischen den beiden weckte mein Interesse dermassen, dass ich mich mit Lil Hardins und Louis Armstrongs Leben und Musik zu beschäftigen begann. Sie, seine „femme inspiratrice“, war es, die in ihm das Genie entdeckte, förderte und ihn – als zweite Frau von „Satchmo“ -  1924 heiratete und bis 1931 mit ihm zusammen blieb. Kennengelernt hatte Lil Hardin ihren Mann in der Band von Joe „King“ Oliver. Lil Hardin schrieb Songs für dessen „Hot-Five“-Ensemble und spielte 1925 bis 1927 Klavier bei dieser berühmten Studio-Band, die auch unter dem Namen Lili`s Hot Shots Aufnahmen machte. Einer von Hardins bekannteren Titeln ist „Struttin`With Some Barbecue“. Armstrong machte damit auf sich aufmerksam, sie jedoch wurde kaum wahrgenommen. Er spielte mit ihr bei den „Dreamland Syncopators“ und gründete schliesslich seine bekannteste Band, die „Hot Five“. „Ich stand am Fuss der Leiter, hielt sie fest und sah ihn nach oben klettern“, resumierte sie später ihre eigene Rolle. In Biel erzählte die kleingewachsene, eher scheu wirkende Pianistin,  Sängerin, Arrangeurin, Bandleaderin (mit Taktstock!) und Komponistin und seit 1938 von „Satchmo“ Geschiedene zwischen Blues, Jazz und Gospel berührende Episoden aus ihrem Leben mit dem einfachen, zum Ruhm aufgestiegenen künstlerischen Naturtalent, dessen Leibspeise „Red Beans and Rice“ nach der Art von „Mama`s Home Cookin`“ blieb. Ihre Lebenserinnerungen nahm sie auf Platte unter dem Titel „Satchmo and me“ auf. Obwohl von ihm - auf seinen Wunsch getrennt - verehrte Lil ihren „Pop`s“ zeitlebens. Lil Hardin Armstrong brach in Chicago während eines Gedächtniskonzertes für Louis am Klavier zusammen. Der Tod erreichte sie am 27. August 1971, nur sechs Wochen später folgte sie ihm nach.

Der Name Louis Armstrong weckt auch persönliche Erinnerungen. Erinnerungen an einen genialen Trompeter und Showman, dessen steile Karriere verblüffte. 1959 erst hatte ich endlich Gelegenheit „Mister Jazz“ und seinen „All Stars“ in einem Pariser Jazzclub zu begegnen. Louis Armstrong, mit hinreissend komischer Mimik und rollenden Augen, in der Hand seine Trompete, in der andern ein blütenweisses Taschentuch – sein Markenzeichen, stand dort auf der Bühne und offerierte eines seiner Konzerte erster Güte, das unvergessen für alle, die ihn je live erleben durften, in Erinnerung bleiben wird, nein, muss. Sein unnachahmliches „C`est si bon`“ unterstrich auch in Paris Armstrongs Popularität als Showman. Die Begeisterung schlug Wellen. Jede der anwesenden Damen erhielt zudem eine Rose und die jungen Zuschauerinnen liess er nach vorne kommen, forderte diese zum Mitsingen auf und küsste jede einzeln charmant auf die Wange. Damit hatte er sein Publikum komplett im Sack. Das Resultat war brodelnde Stimmung und es folgten unter stürmischen Applaus natürlich einige „Encores“, darunter auch sein berühmter „Saint Louis Blues“ und „Mack The Knife“ („Mackie Messer“) aus Bertold Brechts Dreigroschenoper… Von seiner früheren Europatournee – er gastierte 1955 auch im Berner Casino – wird seinen Fans bestimmt die heiser-kehlige Rauhbeinstimme, sein heller, klarer und hochkarätiger Trompetensound unvergessen bleiben. Unter den zahlreichen Spitznamen, die er erhielt, befand sich auch „Satchelmouth (wörtlich „Taschenmund“), eine Anspielung auf Armstrongs gezeichnete Lippenform. „Satchmo“ nannten ihn seine Anhänger; die Musiker zärtlich „Pop`s“.

Aufstieg und Erfolg: beides blieb Louis Armstrong treu

Louis Armstrong spielte oft in der Preservation Hall seiner Heimatstadt New Orleans. Bild: Jacqueline Trachsel

Louis Daniel Armstrong selbst gab stets den  4. Juli, den Unabhängigkeitstag der USA, des Jahres 1900 als ein Geburtsdatum an. Dies war insbesondere unter der schwarzen Bevölkerung der USA oftmals üblich, wenn das eigene Geburtsdatum und die Geburtsumstände nicht bekannt waren oder nicht den gesellschaftlichen Vorstellungen entsprachen. Dazu passt ebenfalls, dass er sich ein Jahr älter machte und seine Geburt in das Jahr der Jahrhundertwende vorverlegte, was ihm als Jugendlichen den Zutritt zu den Etablissements von Storyville, dem Vergnügungsviertel von New Orleans, erleichterte. Erst aus seinem 1983 entdeckten Taufschein geht das wirkliche Geburtsdatum, der 4. Juli1901, hervor, andere behaupten trotzdem, es wäre der 4. August gewesen.

Auch weiss man, dass er in ärmlichsten Verhältnissen geboren und nur zeitweise bei seiner Mutter aufgewachsen ist. Anfangs 1913 wurde er wegen Unruhestiftung in das „Colored Waif`s Home for Boys“ gesteckt, eine Anstalt für obdachlose schwarze Jugendliche, weil er in der Silvesternacht mit dem Revolver seines Onkels herumgeballert hatte. Nach seiner Entlassung und bereits zuvor, arbeitete Louis Armstrong wieder als Zeitungsjunge, Tellerwäscher, verkaufte von Haus zu Haus Kohle und spielte  von 1918 bis 1921 regelmässig in der Showband von Fate Marable auf einem Mississippi-Dampfer für Passagiere. Nachts blies er in Kneipen in sein im „Waif`s Home“ erlerntes Musikinstrument, das Kornett. Erst 1924, zusammen mit Kid Ory, Sidney Bechet und King Oliver steuerte er – nicht zuletzt dank Lil Hardin und der „Creole“-Jazzband (frühe Aufnahmen wie „Chimes Blues“ von 1923) – endlich auf Erfolgskurs. Auftritte im Lincol Gardens und ein Engagement von Fletcher Henderson brachten ihn nach New York. Er traf später auf Stars wie die Bluessängerin Bessie Smith, Musiker der Grösse eines Earl Hines, Lionel Hampton, Big-Band-Leader Jimmy Dorsey und Benny Goodman, den Schlagzeuger Zutty Singleton und überflügelte mit Beginn seiner Filmkarriere showmässig Bing Crosby („Pennies for Heaven“). Zwölf weitere Filme folgten, dazwischen auch der Auftritt in der berühmten „Carnegie Hall“. Hunderte von Tourneen absolvierte er mit Bravour. Louis Armstrong war ein unermüdlicher Weltreisender geworden, ein Publikumsmagnat. Zudem wurde er ein Vorzeige-Amerikaner; von sehr arm zu sehr reich. Jeweils am 4. Juli findet in New York, in Louis Armstrong House Museum, 34-56 107th Street, Corona NY 11368 – nebst täglichen Führungen während des Jahres - die traditionelle Gedenkfeier im japanischen Garten des Wohnhauses statt, in welchem Louis Armstrong mit seiner Frau Lucille ab 1943 lebte. Der Louis Armstrong Park ist der Stadtpark von New Orleans - er weist die Bronzestatue der Jazz-Ikone auf - und hat eine Gesamtfläche von 130`000 Quadratmeter. Er wurde zu Ehren von New Orleans bekanntesten Sohns, Louis Armstrong, erbaut und befindet sich  - nur getrennt durch die Rampart Street – unmittelbar am Rand des French Quarters im Stadtviertel Treme. 1970 und 1971 war der Park erster Veranstaltungsort des New Orleans Jazz & Heritage Festivals. „Satchmos“ Stern ziert Hollywoods „Walk Of Fame“ und der zweitgrösste Tenniscourt in Flushing Meadows (US Open) trägt ebenfalls seinen Namen.

Höhepunkte seiner Popularität

Natürlich hat Louis Armstrong es auch im Cartoonsegment zu Ehren  gebracht. Bries, ein Verlag in Antwerpen, brachte 2001 einen Roman im Comicformat heraus; der Titel „Louis Armstrong“. Mit einer gehörigen Portion an Fantasie erdacht und produziert von Philip Paquet, führt der Comic durch Satchmos frühe Tage in New Orleans. Paquets Zeichnungen dürften gleichermassen ein ideales Geschenk für comicbegeisterte Jazzfans sein, als auch den letzten Muffel davon überzeugen, dass Jazz das Nonplusultra an Musik ist.

Schallplattenverträge für Decca und andere in Zusammenarbeit mit Stars wie Ella Fitzgerald, Dave Brubeck, den Dukes of Dixieland. Der 1956 gedrehte Film „High Society“ mit Grace Kelly, „Hello Dolly“ (1963) und „What A Wonderful World“ (1968) brachten ihm Weltruhm.Trotz seines schweren Zusammenbruchs nach akutem Herzversagen 1959 arbeitete er weiter und kam im Herbst 1968 erneut wegen einer Herzschwäche ins Krankenhaus, erholte sich aber und blieb bis Ende 1970 auf der Bühne aktiv. Noch im Februar 1971 trat er gemeinsam mit Bing Crosby in einer Fernsehshow auf. Zuviel für seine angegriffene Gesundheit. Am 6. Juli 1991 erklang auf allen Radiostationen sein berühmtes „New Orleans Function“ (Negerbegräbnis), symbolisch und doch speziell für sein eigenes „funeral for a fine gentleman“…

Video: Louis Armstrong zelebriert den Hit "Hallo Dolly"

Literatur: Louis Armstrong: „Mein Leben in New Orleans“. Diogenes-Verlag Zürich 1985, ISBN 3-257-20359-4

Für Sammler und Liebhaber: James Lincoln Colliers „Louis Armstrong: Von New Orleans bis zur Carnegie Hall“. Econ, München 2000. ISBN 3-612-26716-7.

Diskographie: “The Complete Hot Five & Hot Seven Recordings” (Columbia/Legancy: 1925 bis 1929. 4 CD-Set.

“Ella and Louis” (Verve, 1956)

“What A Wondeful World” (Bluebird: 1970)

“Satchmo live in Berlin Friedrichstadtpalast” (Louis Armstrong and his All Stars: Konzert vom 22. März 1965; Jazzpoint Records 2000 (2 CDs).

 Fotos:  wikipedia, Jacqueline Trachsel

 

Kommentare

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Danke für die schöne Rückerinnerung

Dieser Bericht hat mich träumen lassen, es war im Jahre 1963 in Sydney, auch ich hatte mir mit Freunden eine Eintrittskarte geleistet, eine "gute", damit wir Louis Armstrong sehen und hören konnten. Das war ein Erlebnis der unvergesslichen Art. Zuvor spielten andere Musiker und dann kam "er". Es wurde so still im Saal, ein grosser Saal, man hätte ein Stecknadel fallen hören können. es war wundervoll. Satchmo spielte, sang und bewegte sich zu seiner Musik. Staying ovation ohne Ende war der Lohn für ihn und bei uns die Benommenheit, die Freude und jetzt die Erinnerung.

Viele Grüsse an Jaqueline Trachsel,

Gisa Gasser