Kultur

Gelesen: "Rückblick auf mein Leben"

Gelesen: "Rückblick auf mein Leben"

Was bei August Forel mit Ameisen zählen so alles anfängt…
Autor: 
Cubzuordnung?

Hochbegabter, ängstlich behüteter Knabe

Ein ängstlich behütetes Kleinkind, das so neugierig ist, dass es seine Augen schon früh vor allem auf das Kleinste richtet, vornehmlich am Boden, an Stängeln, Blättern und Blüten von Pflanzen: August Forel, geboren 1848 in Morges, wo er Kindheit und Jugend verbringt. „Immer wieder tröstete ich mich bei den Ameisen“, schreibt er in seiner Autobiografie. „Nichts ist mir zu klein, und ich lieb es trotzdem“, fällt mir hier ein. Konnte ich selbst als Kind nur rote von schwarzen und von langen Waldameisen unterscheiden, verfügt der kleine August schon im als Siebenjähriger über breite Kenntnisse auf diesem Gebiet. Vielleicht erfährt man ja eine ganz andere Welt, wenn man sich den kleinen Lebewesen zuwendet und die Erklärung des Gigantischen anderen überlässt?

Selbstbewusster Autobiograf

August Forel jedenfalls will da sicher gehen: „Ich habe mir so viele Freunde und Gegner geschaffen, dass ich fürchte, mein Nekrolog wird zugunsten irgendeiner tendenziösen Richtung benutzt werden. Deshalb zog ich es vor, meine Memoiren selbst zu schreiben, zumalen ich mir einbilde, dass ich mich weder unter- noch überschätze“, schreibt er in der Einleitung.

Es ist verdienstvoll, dass der Römerhof Verlag den rund 370 Druckseiten langen „Rückblick auf mein Leben“ wieder unter die Lesenden bringt. Es ist ein köstliches, unterhaltsames, intellektuelles Vergnügen, den Werdegang vom Knaben zum vielseitigen Gelehrten zu verfolgen. Reich an Einzelheiten, die den heute Unbeteiligten nicht immer alle als gleich wesentlich erscheinen mögen, ist Forels Leben, ist sein Rückblick darauf.

Dass sein Bild früher unsere Tausendernote zierte, ist für den engagierten Kämpfer gegen die Armut und für Sozialreformen nicht selbstverständlich.

Vielseitiger Gelehrter

Richard Müller, ehemaliger Direktor der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme, kommentiert Forels Seiten und fasst zusammen, welch vielseitiger Wissenschaftler der ursprüngliche Ameisenforscher geworden ist. Durch immerwährende Neugier, verbunden mit dem Sinn für hervorragende wissenschaftliche Werke und für ebenso hervorragende Personen aus dem Kreis von Wissenschaftlern und Politikern, wird er Neurologe, Anstaltsdirektor im Zürcher Burghölzli, Pionier in der Behandlung von Alkoholismus und Mitbegründer der Abstinenten-Bewegung. Er war als erster Schweizer Sexualforscher ein Vorkämpfer für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Sowohl das Projekt der Einheitssprache Esperanto als die globale Friedensbewegung fanden sein Interesse und seine Förderung.

Zeitgeschichte, Wissenschaftsgeschichte, Familiengeschichte

Forels „Lebensrückblick“ ist das alles in einem. Er liest sich leicht, weil er flüssig und straff geschrieben ist. Bekannte und unbekannte Namen, die im Text vorkommen, wecken Neugier und Spannung. Das Familienumfeld wird ebenso der Forderung nach absoluter Wahrheit unterstellt wie Forels Unfähigkeit, an Gott zu glauben und sich als Sechzehnjähriger protestantisch konfirmieren zu lassen.

Berichte über wissenschaftliche und andere Begegnungen und Auseinandersetzungen waren wohl für ihn und zu seiner Zeit von mehr Zündstoff durchsetzt, als das heute noch der Fall sein mag. Und gewissen tabuisierten Ansichten des Menschen August Forel begegnet man allerdings nur aus zeitgeschichtlicher Perspektive mit Verständnis. Vor allem angesichts der Tatsache, dass der grosse Forscher und Arzt seinerseits mit unseligen Tabus aufgeräumt oder dazu mindestens den wissenschaftlichen Anstoss gegeben hat.

Vor allem ist Forels Lebensbericht ein fesselndes Zeugnis vom Einsatz für weltumspannenden Frieden, soziale Gerechtigkeit und allgemeiner Besserstellung der Benachteiligten. Dass seine Einstellung gegenüber den psychisch Benachteiligten zwar wissenschaftlich korrekt, jedoch aus meiner eigenen laienhaften Sicht nicht unbedingt mehr ganz zeitgemäss sein dürfte, ist keine das Interesse und die Neugier von Lesenden ernsthaft trübende Erscheinung. Vielmehr erhöht sie den zeitgeschichtlichen Wert von Forels Autobiografie. August Forel starb im Juli 1931.

Das Buch

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August Forel:
Rückblick auf mein Leben

© Originalausgabe: 1935 Europa Verlag Zürich,
leicht überarbeitet und sprachlich modernisiert
© 2010 Römerhof Verlag, Zürich
ISBN 978-3-905894-05-9

www.roemerhof-verlag.ch

 

Zum Schluss: Die Sommeraktion des Römerhof-Verlags

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Lucrezia Borgia und ihr Schatten

 

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