Kultur

Tonspuren

Tonspuren

Das Schweizer Fernsehen spürt mit einer neuen 3Sat-Sendereihe dem „Soundtrack (m)eines Lebens“ nach.

 

Wüssten Sie, welche acht Musikstücke für Sie, für Ihre eigene Persönlichkeit so typisch wären, dass andere Sie anhand dieser Liste eventuell erkennen könnten? Ein anregendes Ratespiel wäre es auf jeden Fall. Und genau dieses Ratespiel hat sich das Schweizer Fernsehen zu unser aller Vergnügen (oder vielleicht manchmal auch Ärger, wer weiss?) ausgedacht.

Eine Expertenrunde

Das Grundprinzip ist ganz einfach: Eine bekannte Persönlichkeit erstellt eine Liste mit Musiktiteln, die deren Leben begleitet oder sogar geprägt haben. Die Titel werden, durch einschlägiges Filmmaterial angereichert, vorgestellt. Aber das allein wäre ja eine Replik der DRS2-Sendereihe „Musik für einen Gast“ und somit keine weitere Erörterung wert. Was an „Tonspur – Der Soundtrack meines Lebens“ anders ist, besteht aus einer Art Jury-Runde, im neudeutschen SRG-Ton „Profiler-Team“ genannt. Sie besteht – jedenfalls bei der ersten Ausstrahlung – aus drei Musikfachleuten: Dem Schweizer Musikverleger und derzeitigem Programmleiter des Zürcher Kaufleuten, Reto Bühler; der in Los Angeles lebenden heutigen Unternehmerin Tamara Conniff und dem Deutschen Tim Renner, heute Professor an der Pop-Akademie Baden-Württemberg (ja, sowas gibt’s wirklich!).

Der erste Gast: Boris Blank

Die Zusammenstellung dieser Expertenrunde lässt vermuten, dass der Schwerpunkt der Sendungen Musikrichtungen des 20. Jahrhunderts vorbehalten sein wird, und darunter wohl hauptsächlich Jazz, Pop, Rock, Chanson etc. in deren ganzer Bandbreite. Die erste Sendung, auf die ich Sie heute aufmerksam machen will, ist jedenfalls diesem Genre zuzuordnen und stellt einen Schweizer Musikmacher in den Vordergrund, der als Einzelner namentlich nur Freaks und Spezialisten ein Begriff sein dürfte. Es handelt sich um den Musiker und Soundspezialisten Boris Blank. Dieser ist aber, seit er mit dem Sänger und Aktionisten Dieter Meier zusammenarbeitet, sicher vielen von Ihnen ein Begriff unter dem Label „Yello“, der wohl erfolgreichsten aller Schweizer Musikgruppen, die weltweit als Erfinder von „Techno“ gilt.

Boris Blank hat für die Startsendung eine derart bunte Mischung von Musiktiteln ausgewählt, dass kaum eine übergeordnete Linie erkennbar ist ausser jener, dass hier ein Mensch ganz stark von der Musikszene der sechziger und siebziger Jahre geprägt worden ist. Die Expertenrunde läuft darum auch entsprechend auf, wird immer wieder auf neue Geleise gelockt, ist sich aber einig, dass es sich um einen Mann handeln muss. Man versteigt sich zwischenzeitlich sogar zur vage geäusserten Vermutung, dass der Gesuchte Thomas Gottschalk sein könnte. Wie das Ratespiel schlussendlich ausgeht, sei hier nicht verraten. Leider spielt Tamara Conniff in dieser Runde allzu unbedarft die Alibi-Frau und trägt überhaupt nichts Nennenswertes zur Antwortfindung bei. War denn da niemand anders aufzutreiben? Die Wege der Programmdirektion sind oft unergründlich.

Verraten seien aber schon mal einige der bekanntesten Titel, die Boris Blank nennt: Banana Boat-Song mit Harry Belafonte, Fever mit Elvis Presley, Goldeneye (Titelsong des gleichnamigen James Bond-Films) mit Tina Turner, aber auch Born to be wild von Steppenwolf, mit seinem grossen Easy Rider-Freiheits- und Ausbruchsgefühl.

Nostalgie der 70er Jahre

Der ganze rund einstündige Beitrag unter der Regie von Laurin Merz (Produktion PiXius Film im Auftrag von 3Sat Schweiz) ist im heute bereits  nostalgischen Stil der Kunstszene der Siebzigerjahre aufgemacht, improvisiert wirkend, aber stilmässig genauestens kalkuliert, mit Schreibmaschinenschrift, alten Grammophonen und einer Farbbearbeitung, die an das leicht Verblichene von frühen Schallplatten-Covern oder Archiven erinnert. Sehr angenehm ist die Raum und die Ruhe, welche die Interviewerin Nina Brunner dem Gast lässt – kaum Hektik oder modisches Hickhack von rasenden Schnitten. Die dazwischen eingeblendeten Ausschnitte von Musikvideos erinnern an eine Heimkino-Vorführung. Eine andere Art von Pantoffelkino also. Und die Begegnung mit viel Musik von anno dazumal, als das Leben noch aufregender war und lebhafter an uns vorbei- oder durchschoss. Auf die Fortsetzungen darf man gespannt sein.

"Tonspur - Der Soundtrack meines Lebens" Erstsendung am Sonntag, 18. Juli 2010, 22.50 Uhr, 3Sat. 7teilige Folge, jeweils Sonntag, 22.50 Uhr

 

Bilder unten:

Moderatorin Nina Brunner, zVg. © Schweizer Fernsehen

Boris Blank, zVg © Schweizer Fernsehen