Leben

Barrierefreie Architektur

Barrierefreie Architektur

Älter geworden, kämpfen Manche mit Barrieren in ihren Wohnräumen.

Handbuch und Planungshilfe in einem, zeigen zahlreiche Autoren hier nicht nur den Architekten, wie Hindernisse das Leben erschweren und wie Fachleute sie vermeiden können. Vor allem ist dieses grossformatige Werk auch ein sehr schönes Buch.

Barrieren? – Ein grossformatiges Buch öffnet Laien und Fachleuten die Augen!

Wer im Vollbesitz seiner Sehfähigkeit ist, angemessen hören kann und im Gehen höchstens auf einen Stock angewiesen ist, kann kaum ermessen, wo bei geringfügigen oder schwerwiegenden Einschränkungen sich vor seinen Mitmenschen überall Barrieren senken: „Stopp!“ – „Kein Durchgang!“ „Zutritt unmöglich!“ Bevor ich dieses Buch in die Hände bekam, hätte ich nie auch nur einen Zehntel solcher Barrieren aufzählen können. Nie hätte ich spontan gedacht, dass so viele Bereiche des individuellen und gesellschaftlichen Lebens von schwerwiegenden Einschränkungen betroffen sind. „Behindertengerecht“ oder „Nicht behindertengerecht“ kennen wir als Begriffe, und – sind wir nicht selbst betroffen – wir ahnen nicht, dass damit nicht nur die Rollstuhlgängigkeit gemeint sein könnte. Doch barrierefreies Bauen, das führt das grossformatige Buch eindrücklich vor Augen, erschöpft sich nicht im landläufigen Verständnis von „behindertengerecht bauen“. „Barrierefreiheit ermöglicht eine selbstständige und selbstbestimmte Lebensführung“, schreibt der Verlag im Waschzettel, „fördert die Mobilität und Integration im Zusammenleben aller Alters- und Personengruppen.“

Von der Rampe zum Tourismus

Rollstuhlrampen lassen sich leicht vor allem dort anbringen, wo zum Beispiel der Zutritt zu öffentlichen Gebäuden sichergestellt werden soll. Wie aber findet der Blinde, der schwer Sehbehinderte sich zurecht? Die vorliegende Planungshilfe gibt an Hand vorhandener Projekten Auskunft, theoretisch gründlich reflektiert, fachlich mit Plänen und Berechnungen auf einfache Weise veranschaulicht und immer mit künstlerisch hochwertigen wie aussagekräftigen Farbbildern dokumentiert. Noch heute vorwiegend mit „Bauen für benachteiligte Randgruppen“ verbunden, meint barrierefreies Bauen ein neues gesellschaftsbewusstes Planen und Bauen, von dem die Gesamtzahl der Bevölkerung schliesslich profitiert. Wer das nicht glauben kann, stelle sich einmal vor, wie schwierig nur das Schleppen von unhandlichen, schweren Kisten zwei Treppen hoch ist, oder wie mühsam die kleine Enkelin zum ersten Mal ihre Füsschen über die unscheinbare Schwelle zum Balkon im Gleichgewicht zu halten und an der richtigen Stelle wieder aufzusetzen versucht. Wer auf den Rollstuhl angewiesen ist, wenn er touristische Attraktionen besuchen will, steht oft vor Barrieren. Auch hier dokumentiert dieses Handbuch lobenswerte Ausnahmen, die mit wenigen baulichen Ergänzungen für alle zugänglich werden. Und der Leser-Betrachter, die Betrachterin und Leserin stellen fest, was die neue Art des Planens, Bauens, Informierens und Orientierens ausmacht: Eine Integration des Gesellschaftsanteils mit Behinderungen in unsere gesamte Gesellschaft, eine Harmonisierung des Angebots an Erleichterungen für alle, sei man nun in der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit eingeschränkt oder nicht.

Verblüfft nehme ich als nicht geschulter, eher ästhetisch bestimmter Freund von Architektur aller Art zur Kenntnis, dass selbst der Einsatz der Braille-Schrift und von Piktogrammen vor allem im öffentlichen Raum viele lästige Barrieren wegschaffen kann und die Lebens- aber auch Erlebensfähigkeit zu steigern vermag.

Zwei Einschränkungen

Die erste ist eher banal: Die geschilderten, bebilderten und dokumentierten Beispiele stammen zum grössten Teil aus dem Raum Bayern. Die Bayerische Architektenkammer München zeichnet denn auch für das Copyright an den Planungsgrundlagen. Eine europa- oder gar weltweite Dokumentation würde jeglichen Rahmen sprengen, wäre unbezahlbar und deshalb einerseits zu theoretisch und andererseits zu exklusiv, was die Wirkung der angestrebten Botschaft einschränken würde.

Die zweite Einschränkung betrifft diese „Botschaft“ an sich. Vielmehr ihre Auswirkungen. Das eine und andere lässt sich ohne weiteres bei künftigen Projekten verwirklichen. Wird aber der Investor, der seine Immobilien rentabel bewirtschaften will, die nötigen Zusatzmittel aufbringen wollen oder können? Wird auch die öffentliche Hand tief genug in die Schatulle der Steuerzahler greifen wollen, um bei öffentlichen Bauten und bei Sanierungen von kulturell bedeutsamer Architektur die überzeugenden, dennoch idealistischen Vorstellungen zu verwirklichen?

Was jedoch nicht gegen das Buch spricht, das auch hohen bibliophilen Ansprüchen genügt.

Das Buch

files/Cover_Architektur.jpgJoachim Fischer und Philipp Meuser (Hrsg.)

Handbuch und Planungshilfe
Barrierefreie Architektur

Alten- und behindertengerechtes Bauen im 21. Jahrhundert

22,5x28 cm Hardcover mit Gummiband
303 Seiten, über 300 Abbildungen

DOM publishers Berlin 2009

Preis CHF 132.-

ISBN 978-3-938666-46-3

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