Gesellschaft

Jugendgewalt - warum sie auch uns angeht

Jugendgewalt - warum sie auch uns angeht

Weshalb statt unendlicher Geduld jetzt endlich Ungeduld gefragt ist

 

Kirstin Heisig war Jugendrichterin im Berliner Problembezirk Neukölln. Ende Juni dieses Jahres nahm sie sich das Leben. Hinterlassen hat sie ein aufrüttelndes und erschütterndes Buch über Jugendgewalt mit dem Titel „Das Ende der Geduld“. In dem Buch fordert sie mehr Konsequenz gegenüber jugendlichen Gewalttätern. 

Aus der Praxis

Die Autorin weiss genau, wovon sie spricht und was sie schreibt. Ihre jahrelange Berufserfahrung haben ihr Einblick in zahlreiche Fälle von Brutalität von und unter Jugendlichen, in völlig hoffnungslose und zerrüttete Familienverhältnisse, in unglaubliche Verrohungen der Sitten und Empfindungen von jugendlichen Gewalttätern verschafft. Die Autorin zeigt auch, wo die Institutionen versagt haben und immer noch versagen, weshalb Jugendliche so brutal werden und weshalb niemand ihnen wirksam Einhalt gebieten kann oder will. Heisig „wettert gegen alle, die nichts tun, weil sich bei ihnen ‚sozialromantische Verblendung’ mit blanker Angst vor den Tätern paart“ (Zitat Tagesanzeiger vom 26. Juni 2010).

 Gewalt ist bei Kids angekommen

Ich verzichte darauf, das Buch zusammenzufassen oder aus dem Buch zu zitieren. Ich kann nur empfehlen, es zu lesen, sich selber ein Bild darüber zu machen, wie die tagtäglich gelebte Jugendgewalt wirklich aussieht. Und man mache sich keine Illusionen: In  der Schweiz sieht es kaum viel besser sein als im Berliner Problembezirk Neukölln. Zwei Fragen möchte ich aber hier zur Diskussion stellen: 

Inwieweit hat unsere Generation (also die jetzigen Seniorinnen und Senioren) dafür den Boden vorbereitet, dass die seit immer und in jeder Gesellschaft latent vorhandene Gewalt und Gewaltbereitschaft im Kinderzimmer angekommen sind? 

Und: Was kann unsere Generation überhaupt gegen die heutige Jugendgewalt unternehmen? 

Wohlstandgesellschaft

Verantwortlich ist unsere Generation sicher bis zu einem gewissen Grad für den vorherrschenden Materialismus, dem alles untergeordnet wird. Wohlstand, Luxus und möglichst viele Güter besitzen ist in der Nachkriegszeit immer wichtiger geworden, und vor lauter Bemühen um immer mehr Wohlstand haben Eltern, die Kinder auf die Welt gesetzt haben, vergessen, dass ihre Kinder nicht in erster Linie materielle, sondern vor allem emotionale Bedürfnisse haben. Wohlstandsverwahrlosung ist dafü ein treffender Begriff.

Dass viele Eltern immer mehr Zeit aufwenden müssen, um überhaupt überleben zu können, und damit die Kinder praktisch ihrem Schicksal überlassen, darf natürlich auch nicht ausgeblendet werden. Aber zur Eigenverantwortung von Erwachsenen würde eigentlich auch gehören, Kinder nur auf die Welt zu stellen, wenn man die Gewissheit hat, für sie auch sorgen und aufkommen zu können. Aber das eng geflochtene Sozialnetz in unserem Staat (der Staat wirds schon richten) ist einer solchen Eigenverantwortung nicht gerade förderlich.

68-Bewegung

Und dazu kommt die 68er-Bewegung: Eine wichtige Bewegung, welche Autoritäten abgebaut, Denkmäler vom Sockel gerissen und den Bürgerinnen und Bürgern mehr Freiheiten gebracht hat. Aber die 68er-Bewegung hat nur den ersten Schritt getan, den zweiten praktisch völlig ausgeblendet. Wenn nicht mehr jemand anders für mich verantwortlich ist, wenn ich mich nicht mehr an Autoritäten (Staat, Religion) orientieren kann, dann muss ich zwangsläufig mehr Verantwortung für mein eigenes Leben übernehme. Die Kehrseite von "mehr Freiheit" heisst mehr eigene Verantwortung für mich, für meine Mitmenschen, für die Umwelt. Gefragt wären dann Werte wie Respekt, Rücksicht, Empathie. Werte, welche aber den nach 1968 geborenen Kindern und Kindeskindern nicht oder viel zu wenig vermittelt wurden.

Die Saat…

Damit wurde die Saat für die Jugendgewalt gelegt: Kinder und Jugendliche genossen und geniessen viel mehr Freiheiten als früher, haben aber nicht gelernt, verantwortungsbewusst mit diesen Freiheiten umzugehen. Grenzen werden ihnen keine gesetzt (wenn schon sind es die Kinder, die ihren Eltern Grenzen setzen). Ein Versäumnis von Eltern, Schulen, Lehrern, Jugenderziehern usw. Unseligerweise kommt noch die Migration hinzu: Menschen aus Kulturen, wo Konflikte vor allem mit Gewalt gelöst werden, kamen und kommen immer noch zu uns. Deshalb erstaunt es auch nicht, wenn Kirsten Heisig in ihrem Buch festhält, dass über 80% der Jugendgewalt auf das Konto von Tätern mit Migrationshintergrund gehen. Aber auch dafür sind wir verantwortlich, denn wir haben die Migrationsschleusen weit geöffnet. Aus verblendeter Sozialromantik (Multikulti ist wunderbar) oder aus Materialismus (billige Arbeitskräfte steigern unseren Wohlstand).

 …und dazu der gewaltverstärkende Cocktail

Unsere Generation hat nicht nur gesät, sondern auch kräftig gedüngt. „Wer stundenlang gewalttätige Rap-Videos sieht, sich Killerspielen aussetzt, um dann bekokst mit seiner Gruppe loszuziehen, wird schwerlich einen friedlichen Abend verbringen“, schreibt Kirsten Heisig sehr zutreffend. Zusammen mit dem Alkohol kumuliert sich all das zu einem enthemmenden Gewalt-Cocktail mit den allseits bekannten verheerenden Folgen. Die Herstellung dieser Gewalt-Cocktails und den fast ungehinderten Zugang zu diesem üblen Gemisch haben nicht die Kids zu verantworten, sondern unsere Generation, die damit noch kräftig Geld verdient. Nur um damit zu sagen, dass Sie und ich uns nicht aus der Verantwortung stehlen können.

Was können wir tun?

Die Autorin zeigt auch Wege auf, wie man wirksam und konsequent gegen Jugendgewalt vorgehen könnte, wenn man möchte. Meine Frage: Weshalb hat man das nicht schon lange getan und weshalb wird man es wahrscheinlich auch nicht heute und morgen tun?

Aus Feigheit? Aus Angst? Weshalb schaffen es die einen Länder, praktisch ohne Jugendgewalt dazustehen, während andere Länder fast in der Jugendgewalt versinken?

Und was können wir als Seniorinnen und Senioren tun? Gerade die letzte Frage hinterlässt Ratlosigkeit.

Obwohl Kirsten Heisig in ihrem Buch ihren grossen Frust loszuwerden und mit konkreten Vorschlägen aufzuzeigen versucht, wie man der Jugendgewalt wirksam begegnen könnte, wurde ihre Ratlosigkeit wohl zu gross. Ende Juni, rund einen Monat bevor ihr Buch erschien, nahm sie sich das Leben. 

 

Bild: aboutpixel.de /POW! Philippe Fiedler


files/Jugendgewalt_Cover_0002386374_0001_170.jpgKirsten Heisig

Das Ende der Geduld

Herder-Verlag 2010

ISBN 978-3-451-30204-6  (Euro 14.95, Fr. 23.90) 

 

 

 

 

 

Kommentare

Bild des Benutzers Eurydike

Jugendgewalt

Ich schliesse mich Erizo und Agathe an.

Auch ich war machtlos gegen den Massendruck. Kinder wollen ja nicht anders sein als die Kollegen und wenn bekokste Musik in ist, finden sie die auch schön . Die Texte darin und die Gewalt strahlt dann unbewusst aus. Verbote hätten nichts bewirkt, nur zu Heimlichkeiten geführt. Oder wenn recycling out ist, sind die Eltern halt verkalkt. Wir Senioren können wohl auch jetzt nichts mehr ändern, höchstens die Medien, die Regierung, die Schulbehörden wachrütteln. Leider führt oft nur ein äusserster Tiefstand in der Situation zu einer Aenderung. Das Entsetzen könnte der Anfang einer Wende sein. Oder degeneriert der Mensch jetzt einfach?

Bild des Benutzers erizo

Danke

Danke Brigitte Poltera du hast mir aus dem Herzen gesprochen fast alles kann ich 1:1 nachfühlen,das Buch werde ich lesen,aber deine Worte haben die Wirklichkeit,selbst erlebt,übertroffen.

Bild des Benutzers Brigitte Poltera

angemessene Reaktionen lernen

Jeder, der Kinder erzieht, muss sich hin und wieder mit Gewalt auseinandersetzen. Mein Sohn hat meinen 22 Monate alten Enkel gerügt, er dürfe andere Kinder nicht schlagen, wenn sie ihm seine Spielsachen wegnehmen. Der Kleine hat inzwischen gelernt, sich verbal mit wütenden Tönen zu wehren. Ich habe unsere Söhne seinerzeit im Primarschulalter ins Judo geschickt, damit sie selbstbewusster werden und sich notfalls verteidigen können. Sie mussten nie Gewalt anwenden. Ihr Ruf als Judoka verschaffte ihnen genügend Respekt.

Gewiss, die Gewaltbereitschaft hat heute sehr zugenommen. Das Buch habe ich nicht gelesen. Meiner Meinung wehren sichaber eben doch vor allem Menschen durch Gewalt, die nie gelent haben, andere Mittel einzusetzen. Dabei spielt heute sicher auch eine gewisse Perspektive- und Hoffnungslosigkeit mit.

Schuldig für diese Gewalt fühle ich mich nicht, auch nicht für die Wohlstandsverwahrlosung. Wir haben unsere vier Kinder notgedrungen bescheiden erzogen. Es ist auch einfacher, einem Kind zu sagen, ich habe kein Auto und ich kann dir nicht mehr Geld geben, als ich will dich nicht fahren und will dir nicht mehr Geld geben, wenn eben beides zur Verfügung stünde. Unsere Kinder sehen das heute vielleicht nicht mehr ganz so wie ich und richten sich ihr Leben anders ein. Erziehung hat nur einen beschränkten Radius.

In den 60er Jahren teilte ich ein Büro mit einer älteren Israelitin, die für die El-Al arbeitete. Junge Europäer strömtem damals in Scharen nach Israel, um den Pionieren begeistert bei der Aufbauarbeit zu helfen. "Verfalle nicht dem Irrtum, zu glauben, dass die im Kibbuz aufgewachsenen Kinder, also die nächste Generation, sich sozialpolitisch selbstlos verhalten - das sind reine Egoisten," erklärte mir die alte Frau schon damals.

Ähnliches habe ich in der GrossmütterRevolution gehört. Die Babyboomer-Frauen interessieren sich nicht besonders weder für mehr Engagement für ihre Enkel noch für eine notleidende ältere Generation - sie suchen vor allem nach mehr Rechten für sich selbst. Wohlstand verhilft nicht automatisch zu mehr Empathie (muss aber auch nicht unbedingt zu Gewalt führen).

Bild des Benutzers agathepetignat

Gewalt und Resignation

Über dieses Thema habe ich viel nachgedacht. Es hat mich über die Jahre sehr beschäftigt, als unsere Kinder in die Schule gingen. Es dauerte lange, bis ich begriff, dass diese Umstände mit einer grossen Ohnmacht, mit einer grossen Perspektivelosigkeit zusammen hängen. Nicht alle Jungen schaffen es auf Anhieb, der Welt, wie sie sich heute darstellt, etwas Positives abzugewinnen.Die alten Wertvorstellungen, nach denen wir unser Leben noch ausgerichtet haben, macht für viele Jugendlichen keinen Sinn. Doch das Neue, das es zu finden gälte, ist noch nicht da, ist einfach noch nicht griffbereit.

Diese Erkenntnis machte mich damals sehr traurig und hilflos. Ich konnte meinen Kindern keine Hilfe anbieten. Das war für mich die schwierigste Zeit meines Lebens.

Ich weiss nicht, ob Jugendgewalt mit Gewalt zu bekämpfen ist. Eine wirkliche Perspektive den Jugendlichen anzubieten, ich denke, das wäre die Lösung. Nur - haben wir sie? Wir sind genau so hilflos. Wir müssen, glaube ich,  vor allem Geduld mit uns selber haben.

Die Welt ist zerbrechlich geworden. In allen Bereichen. Es besteht die Gefahr, dass sie einbricht wie ein Kartenhaus.