Die 20er Jahre sind bekannt als Blütezeit der Kultur in Berlin. Jedoch kämpfte sich Deutschland in diesen Jahren durch eine Krise nach der andern, die verheerenden politischen und materiellen Konsequenzen des 1. Weltkriegs erschwerten vieles. 1929 erschütterte der Schwarze Freitag die Weltwirtschaft; 1933 schliesslich kam Hitler in Deutschland an die Macht. – Wie erlebte ein Kind, 1924 in Berlin geboren, die «Golden Twenties» und die folgenden Jahrzehnte?
Johannes Reffert hat uns davon erzählt.
Kinder bekommen vom politischen und gesellschaftlichen Alltag im allgemeinen nicht viel mit. An welche persönlichen Ereignisse Deiner Kindheit erinnerst Du Dich noch am deutlichsten?
Ich durfte als Junge einmal die Ferien in Mecklenburg verbringen. Die unbeschwerten Wochen an einem idyllischen See sind mir immer noch in schöner Erinnerung – vor allem, weil ich mich dort über beide Ohren in ein Mädchen mit blonden Zöpfen verliebte.
Von der instabilen politischen Lage im Deutschland der 30er Jahre habe ich natürlich nicht viel mitbekommen, aber ich erinnere mich an die politischen Diskussionen der Erwachsenen, die ich als kleiner Junge noch kaum verstand. Als Teenager, wie wir heute sagen, bekam ich allerdings schon einiges mit.

Was änderte sich für Euch mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten? War Deine Kindheit in diesen Jahren von den politischen Ereignissen geprägt?
Ja, davon waren die Jahre ab 1932/33 stark geprägt: Ich erinnere mich an die Marschkolonnen der SA in Berlin, an die Juden, die den gelben Stern tragen mussten, an den Morgen nach der «Kristallnacht», an ein Verhör bei der Gestapo wegen meiner Mutter, die im kommunistischen Widerstand arbeitete, an die Bombennächte im Luftschutzkeller.
Danach war ich kein Kind mehr.
Im Krieg wurden ja viele deutsche Städte zerbombt. Wie hast Du diese Bombennächte in Berlin erlebt?
Wie erwähnt, im Luftschutzkeller oder als Brandwache. Als Jugendlicher musste man ja Mitglied in der «Hitlerjugend» sein. In diesem Rahmen mussten wir – in schwarzbrauner Uniform – bei den Bombenangriffen "Brandwache" halten. Für uns Jugendliche, halbe Kinder, die wir waren, eine höllische Aufgabe: Wir mussten während mancher Bombennächte allein auf den leeren Dachböden von öffentlichen Gebäuden ausharren und, wenn eine Brandbombe fiel, diese mit Sand und Schaufel löschen, damit sich der Brand nicht ausbreitete. Jeder kann sich vorstellen, wie schrecklich das für uns war!
Berlin wurde entsetzlich bombardiert, die Alliierten hofften, damit die Bevölkerung mürbe zu machen, ihren Widerstand gegen Hitler zu schüren, vergeblich, aus dem Leid der Menschen erwuchs Solidarität untereinander.
Was bewegte Dich, als Du in die Wehrmacht eintreten musstest?
Nichts als enorme Angst!!! Ich hatte ja während des Krieges zweimal versucht, dem Soldatenschicksal zu entgehen und in die Schweiz zu gelangen. Das erste Mal glückte es, doch ich wurde über die Grenze zurückgeschickt. Das zweite Mal, ein Jahr später zusammen mit einem Freund, misslang bereits vor der Grenze und brachte uns vor Gericht.
Wie hast Du das Kriegsende erlebt?
Als Soldat in der Slowakei, dort geriet ich in russische Gefangenschaft und kam dann in ein Gefangenenlager in der Sowjetunion. Zum Zeitpunkt des ersten Krankentransportes von Gefangenen befand ich mich gerade mit einer Bronchitis in der Krankenstation, dem verdanke ich es wohl, dass ich nach relativ kurzer Zeit aus der Gefangenschaft zurückkam.
Wie fühltest Du Dich damals? Ausgelaugt, erschöpft? Voller Tatendrang?
Erschöpft, aber auch ungeheuer erleichtert, ich hatte ja überlebt, nun konnte das Leben beginnen.
Welche Perspektiven hattest Du nach 1945? Du hattest ja noch keine abgeschlossene Ausbildung. Und wovon konntest Du leben?
Alles war offen. Ich hatte meine Schreinerlehre noch im Krieg knapp beendet, so konnte ich nach der Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft das Studium Innenarchitektur beginnen, meine Mutter hatte dafür alle Wege bereitet.
Wie war das Leben in den 50er Jahren?
Sehr mager, viele Städte waren mehr oder weniger zerstört. Lebensmittel und Kleidung waren rationiert, man musste sehen, wie man daneben zusätzliche Nahrungsmittel «organisieren» konnte, wie man damals sagte. Man tauschte, was man noch hatte und entbehren konnte, gegen die Dinge, die einem fehlten oder auch Rauchermarken aus der Lebensmittelzuteilung gegen Zucker etc.
Mit der Währungsreform und der neuen «Deutschen Mark» begannen die Hoffnungen der Menschen zu erwachen. Plötzlich gab es wieder alles, - fast alles; man musste nur arbeiten, um zu Geld zu kommen, der Motor des «Wirtschaftswunders» war angeworfen worden.
Später bist Du in die Schweiz gekommen. Was hat Dich dazu bewogen? Kanntest Du die Schweiz schon?
Ja, irgendwie hat mich die Schweiz seit meiner Jugend angezogen. Ich habe ja schon erzählt, dass ich schon während des Krieges in die Schweiz flüchten wollte. Nun war es eine Frau, die mich dahin zog: Sie fand 1972 ihre erste Stelle in Zürich, und ich hatte mich in Deutschland in sie verliebt. Ich konnte nicht von ihr lassen, und so bemühte ich mich auch um eine Anstellung in der Schweiz. Die dann folgende Zeit in Zürich war wohl die längste glückliche Phase meines Lebens.
Was ist Dir heute am wichtigsten? Welche Ziele hast Du, welche Wünsche möchtest Du gern noch verwirklichen?
Mit Gleichmut und philosophischer Gelassenheit das Leben zu meistern und geistige Vollkommenheit zu erstreben, ohne darüber die eigene Unzulänglichkeit zu übersehen. - Und Reisen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet.
Johannes Reffert hat seine Erinnerungen in einem Buch voller Episoden aus seinem Leben niedergelegt:
«Im Strome des Lebens. Erzählungen aus einem deutschen Leben.»
Ausserdem hat er seine Gedanken und seine Lebensphilosophie in dem Buch «Pfade zum besseren Leben» zusammengefasst.
Beide Bücher sind mit Zeichnungen und Aquarellen von ihm selbst illustriert.
Sie können beide Bücher bestellen:
Direkt bei Johannes Reffert oder im Buchhandel oder bei Amazon.
Alle Aquarelle: Johannes Reffert
Ich bin 1941 im damaligen "Sudetenland" in der Nähe der polnischen Grenze geboren. Die ersten Jahre meiner Kindheit sind relativ unbeschwert verlaufen. Krieg war uns Kindern kein Begriff. Nach Kriegsende - ich war fünf Jahre alt - mussten wir unsere Heimat mit dreissig Kilo Gepäck pro Person verlassen, ohne Ausweise und ohne Geld, und wurden in Viehwaggons in ein für uns unbekanntes Land "Deutschland" befördert. Wir waren heimatlose, staatenlose und unerwünschte "Schmarotzer". Sieben Jahre mussten wir - eine fünfköpfige Familie - im Wohnzimmer einer Bauernfamilie ein karges Leben fristen. Was wir als Kinder am schlimmsten empfanden, war der grosse Hass der "einheimischen Bevölkerung". Wie gross dieser Fremdenhass war und heute noch gepflegt wird, habe ich bei einem Klassentreffen im vergangen Jahr erlebt. Als ich einer ehemaligen "einheimischen" Klassenkameradin erzählte, dass ich nach meiner Mittleren Reife und einer Verwaltungslehre eine Stelle als Direktionssekretärin in Zürich gefunden habe, erklärte sie spontan: "Ja Du, Du warst ja ein Flüchtling, denen hat man ja alles von hinten und von vorne hineingesteckt. Ich hätte auch gerne studiert, aber ich musste nach der Volksschule als Küchenhilfe arbeiten, um das Geld zu verdienen, das solche Leute wie Du verbrauchten". Ich habe das Schmipfwort "Flüchtling" immer gehasst. Wir waren "Heimatvertriebene" und hatten uns unsere neue Heimat "Deutschland" nicht ausgesucht. An meinem 21. Geburtstag hat mir "der Himmel", das schönste Geschenk meines Lebens, einen Arbeitsvertrag als Direktionssekretärin in Zürich, beschert. Als mich eine alte Dame in Zürich "einen Sauschwab" nannte, habe ich mich gefreut, endlich eine Staatszugehörigkeit zu haben.
Jetzt lebe ich seit 48 Jahren in der französischen Schweiz, meine Heimat, die ich mir selbst ausgesucht habe. Ich kein Flüchtling und kein Sauschwab mehr, ich bin Scheizerin.
Tama
Aquarelle
hallo, lieber johannes. was für eine überraschung, dich nach so langer zeit wieder einmal bei seniorweb anzutreffen. deine aquarelle machen lust, mehr davon zu sehen. hast du vielleicht eine eigene website, wo deine arbeiten ausgestellt sind?