Bild oben: Verleihung des Vontobel-Preises für Altersforschung durch Regula Brunner-Vontobel an Stephan Veen, links im Bild Prof. Andreas Maercker.
Was haben Tod, Geld, Scham, Sex und Demenz gemeinsam? Das sind Themen, über die man im Alter nicht spricht. Probleme verschweigen, verursacht Missverständnisse. Der 11. Zürcher Gerontologietag will mithelfen, einige Tabus aufzuheben.
Wie der Umgang mit dem Sterben und dem Tod. Zwar wird der Tod als Realität am Fernseher täglich wahrgenommen, über den Tod im eigenen Nahbereich aber wollen alte Menschen nicht sprechen. Das hat Dr. Brigitte Tag erfahren, die sich mit Tabus am toten Körper befasst. Tod wird heute nicht mehr als normaler Bestandteil des Lebens erlebt. Doch zählt die Schweiz einen hohen Anteil an Freitoden. Diskussionen über Sterbehilfe sind aktuell, Exit und Dignitas haben einen grossen Zulauf.
Bild: Aufmerksamer Betrachter am Gerontologietag - Dr. Hans Vontobel, Gründer der Vontobel-Stiftung und der Stiftung Kreatives Alter.
Tatsache ist, dass die Schweiz heute einen liberalen Umgang mit Sterbehilfe pflegt und verschiedene Formen straffrei zulässt. Die schweizerische Haltung prägt europaweit die Diskussionen und führt zu einer langsamen Öffnung innerhalb der EU.
Noch nicht geregelt ist die organisierte Sterbehilfe. Fachleute wollen nun über das Bundesamt für Justiz einen eidgenössisch verbindlichen rechtlichen Rahmen schaffen. Dabei werden Nachbarländer angehalten, sich ihre eigene Politik zu überlegen: Sterbetourismus soll kein Schweizer Exportschlager mehr sei. Es gebe viele mögliche Lösungen, sagt Brigitte Tag, wichtig sei, die Menschen in ihrer Not nicht allein zu lassen.
Mit Beispielen über Diskussionen zur Sterbehilfe von Craig Ewert, John Elliotts und Eluana Englaro veranschaulicht Prof. Tag, wie wichtig sinnvolles Handeln ist und dass alle, auch junge Menschen, eine Patientenverfügung schreiben sollten.
Über Geld spricht man nicht, man hat es
Prof. Dr. Ueli Mäder bestätigt, dass in der Schweiz jährlich 40‘000 Millionen Franken vererbt werden, die Hälfte davon an alte Millionäre.
Über Geld zu schweigen, lernte man von seinen Vorfahren, - zu schweigen sowohl über den Reichtum als auch über die Armut im Alter. Hier hat sich in den letzten Jahren einiges verändert. Die Mittelschicht, zu welcher 90 % der Schweizer gehören, musste einen finanziellen Abstieg verkraften, trotzdem viele Menschen der Forderung nachlebten: „Kämpfe und bleib flexibel.“ Statt wie früher in eine depressive Verstimmung zu verfallen, empören sich heute immer mehr einfache Leute über die ungerechte Verteilung des Wohlstandes. Andererseits wächst unter den Reichen eine neue Offenheit. Einzelne protzen gar mit ihren Spenden, geniessen es, öffentlich genannt zu werden. Andere sind sich ihrer Endlichkeit bewusst und wollen zu Lebzeiten mit ihrem Vermögen etwas Sinnvolles schaffen.
Ueli Mäder hat Interviews geführt mit vierzig reichen Menschen und eine Studie geschrieben, die im Oktober mit dem Titel „Wie Reiche denken und lenken“ im Rotpunkt-Verlag erscheinen wird. Auf die Frage, wann ein Mensch reich sei, nennt Mäder ein Vermögen von mindestens fünf Millionen Franken. Für seine Interviewpartner sind Vermögen von 30 Millionen Franken die untere Grenze.
Scham und Schweigen führen so sozialem Ausschluss
Für Prof. Dr. Dr. Andreas Maercker sind Scham und das Schweigen darüber Barrieren, die zu Angstzuständen und zu sozialem Ausschluss von älteren Menschen führen können, eigentlich unnötigerweise, denn mit psychischer Hilfe könnte man das Leben der Betroffenen aufwerten und der Scham Würde und Stolz entgegensetzen.
Vielfältig sind die Gründe, die zu Gefühlen der Scham führen, wie Kultur, Biografie, Status, Armut, Sexualität, altersbedingte Veränderungen, Inkontinenz.
Es gilt, sowohl die älteren Menschen als auch die Mediziner, die Krankenkassen und die Therapeuten vom Wert der Psychotherapie zu überzeugen.
Über sexuelle Bedürfnisse sprechen
Dr. med. Thomas Münzer beruft sich auf Toulouse-Lautrec, der, obschon verkrüppelt, ein intensives Sexualleben führte. Münzer hat Menschen zu ihrer Sexualität befragt: Männer und Frauen über 69, Prostituierte und Homosexuelle. Auch ältere Menschen pflegen homo- und heterosexuelle Partnerschaften, besuchen Prostituierte oder haben andere sexuelle Bedürfnisse. Ändert die Wohnform, so kann das zu Problemen führen. Über 80 % der älteren Menschen wünschen sich mehr Zärtlichkeit, Romantik und Sexualität, Männer wie Frauen. Die sexuelle Zufriedenheit ist seit 2004 gesunken: Barrieren bilden der Mangel an Privatsphäre, fehlende Partner und die Einstellung der Pflegenden.
Ältere Männer blühen auf mit jüngeren Partnerinnen. Über die Beziehung von älteren Frauen mit jüngeren Männern fehlen Forschungsresultate. Prostituierte haben keine Probleme mit älteren Männern. Da sei ein höherer Bedarf an Zärtlichkeit, alles gehe langsamer, doch verhalten sich ältere Männer äusserst korrekt. Warum sich seiner Bedürfnisse schämen? Thomas Münzer meint, eine Sexarbeiterin könne für ältere Menschen wertvollere Dienste leisten als ein sogenanntes „Anti-Bock“-Medikament (Hormoninterventionen gegen sexuell auffälliges Verhalten). In Skandinavien wurden in einem Heim versuchsweise Pornofilme gezeigt anstatt Schlafmittel abzugegeben – mit Erfolg.
Massenhysterie Demenz
Bild: PD Dr. med. Albert Wettstein
Die Angst vor der Abhängigkeit führe zur Tabuisierung von Demenz, erklärt Stadtarzt Dr. Albert Wettstein. Demente Patienten sind tatsächlich eine unglaubliche grosse Belastung für die Angehörigen. Die Kranken selbst leiden weniger, sie bleiben interessante Menschen und freuen sich am Leben. Auf Hilfe angewiesen sein, sei nicht ungewöhnlich: Mensch sein, heisse abhängig sein von anderen Menschen, auch in der heutigen modernen Zeit. Im hohen Alter brauchen alle Menschen Hilfe.
Alzheimer-Medikamente sind wenig wirksam, verzögern den Krankheitsverlauf höchstens um einige Monate. Als wirksamste Vorbeugung nennt Wettstein einen gesunden Lebensstil, gesundes Essen und Trinken und regelmässige körperliche, geistige und soziale Aktivität. Dadurch werden die Gehirnplastizität gefordert und neue Nervenverbindungen geschaffen.
Was tun bei einer Erkrankung? Albert Wettstein empfiehlt eine frühzeitige Abklärung in einer Memory-Klinik, das Stärken vorhandener Ressourcen, sinnvolle Kompensationsstrategien, Unterstützung für die Betreuer und den Abschluss einer Patientenverfügung. Demenzkranke sollten wenn möglich zu Hause bleiben können.
Altersperspektiven aus dem Altertum: Selbstverständliches und Tabus
Das anspruchsvolle Referat von Prof. Dr. Dr. h.c. Walter Burkert ist hier in der Originalfassung zu lesen.
Verleihung des Vontobel-Preises für Altersforschung der Universität Zürich
Aus 21 eingereichten Arbeiten, die qualitativ sehr eng beieinander liegen, wurden mit einem Preis ausgezeichnet:
1. Preis von 20'000 Franken an
Stephan Veen für „Einfluss altersgemischter Arbeitsteams in der betrieblichen Produktion“
oder im Originaltext: The effect of age-heterogeneity on company productivity: Results from a large employer-employee data set.
2. Preis von 10'000 Franken
an Carla Micaela Santos Brosch für
Vascular lesions and depression in old age: A neuropathologic investigation of possible etiopathogenetic links
Mehr über die Preisverleihung
Weitere Informationen zu Themen und Referenten
Nächste Veranstaltungen des Zentrums für Gerontologie:
ZfG-Vorlesungsreihe im Herbst 2010
"Alter in Bewegung"
Beginn 22. September 2010 14-täglich am Mittwoch, 18.15.19.45 Uhr
Programm