Leben

Warum lacht Zeus?

Warum lacht Zeus?

Komik in der antiken Welt der Griechen und im Christentum
Autor: 
Helmut Bachmaier

Im 21. Gesang der Ilias des Homer gibt es das rätselhafte Auflachen des Zeus, in das er ausbricht, als er aus olympischer Höhe den Zank und Kampf der anderen Götter betrachtet: „Doch die anderen Götter durchwütete Zank schwerlastend, / Ungestüm; denn getrennt tobt‘ allen das Herz in den Busen. / Laut nun erscholl der Begegnenden Sturm; weit krachte der Erdkreis, / Und hochrollende Donner dröhneten. Ferne vernahm es / Zeus auf Olympos‘ Höhn, wo er saß; und es lachte das Herz ihm, / Wonnevoll, da er schaute die Götter zum Kampf sich begegnen“ (v. 385 –390).

Der Kampf der Götter erinnert an den einstmaligen Titanenkampf, der durch das Lachen eine neue Bedeutung gewinnt: Als göttliche Komödie verliert der Kampf jeden titanischen Charakter. In der homerischen Götterszene lacht ein Gott über seinesgleichen, auch über sich selbst und seine Herkunft, die dadurch abgeschüttelt wird: Lachen tilgt seine titanische Abkunft.

Zeus lacht in dieser Szene über sich selbst, wenn er über die Götter lacht; es ist ein selbstbe­zügliches Lachen, ein absolutes Lachen, weil er in gleicher Weise Subjekt wie Objekt dieses Vorganges ist. Die antike Göttervorstellung schrieb dem Gott sowohl Unsterblichkeit, Unend­lichkeit, aber auch menschliche Züge und Eigenschaften zu. Zudem war es eine Welt, in der viele Götter ihren Platz hatten (Götterversammlung auf dem Olymp). Dieser Polytheismus führt jedoch auf folgendes Paradoxon: Der Gott ist unendlich, unbeschränkt und zugleich doch durch die anderen Götter eingeschränkt und begrenzt.

Dieses Paradoxon – und das Paradoxon ist die Grundform aller Komik – muss aufgelöst werden – durch Lachen. Im Lachen wird Zeus deshalb erst eigentlich Gott, weil er dadurch die Begrenztheit an sich auflöst, sich im Lachen transzendiert. Der Akt des Lachens ist in der humoristischen Theologie der Antike also der Vorgang, bei dem sich Divinität herausbildet, ein Prozess der Entgrenzung, der Transgression.

Das Gegenstück dazu finden wir ebenfalls in der homerischen Götterwelt, und es betrifft die Gestalt des Hephaistos, den hässlichen, schmutzigen, unterirdischen Schmiedegott und Gatten der Aphrodite. Hephaistos versucht, ein anderer oder anders sein zu wollen, möglichst Ganymed, also von schöner Gestalt. Indem er es unternimmt, seine Gestalt zu verändern, um ein anderer zu werden, trifft ihn das Gelächter der Umstehenden. Durch deren Lachen wird er – als Objekt – geradezu innerhalb seiner Grenzen, in seinem Wesen und in seiner Gestalt fixiert. Er wird – auch hier haben wir es mit einem Paradoxon zu tun – in seinen Grenzen festgehalten und zugleich durch das Verlachen ausgegrenzt.

Foto: Prof. Dr. Helmut Bachmaier

files/Bachmaier_Bildungskongress_2010_0.jpg

Komik als Grenzerfahrung

Zwei elementare Formen des Komischen (neben Kontrast und Inkongruenz) sind damit sichtbar geworden: das (absolute) Lachen als Grenzüberschreitung (Transgression) und das Aus- oder Verlachen als Grenzfixierung (Limi­tation): vis comica hat es offensichtlich stets mit der Erfahrung von Grenzen zu tun.

Der christliche Gott im Monotheismus bedarf dagegen keiner Erweiterung und Entgrenzung durch das Lachen: Er ist die Einzigkeit und Totalität schlechthin, damit schon Unendlichkeit und ohne Grenzen. Vielmehr muss er sich in das andere Extrem entfalten, aus der Absolutheit in die Endlichkeit. Und dies ist das Geschehen des Herabsteigens und der Menschwerdung, die Fleischwerdung des Geistes und das Kreuzgeschehen. Der christliche Gott verendlicht sich in seinem Menschen-Sohne, und dieser Prozess ist zuletzt der eines Leidensweges. Deshalb steht der antiken humoristischen Theologie des Lachens die christliche Theologie des Leidens gegenüber.

In der christlichen Tradition wurde sogar das Lachverbot propagiert und oft durchgesetzt (vgl. Umberto Ecos Roman Der Name der Rose), wobei Lachen und Freude zu unterscheiden sind. Mit Nietzsche könnten für eine neue, zukünftige Kultur zwei neue Heroen ausgemacht werden: ein musiktreibender oder tanzender Sokrates und ein lachender Christus. „Vor dem Stifter des Christentums hat Sokrates die fröhliche Art des Ernstes und jene Weisheit voller Schelmenstreiche voraus, welche den besten Seelenzustand des Menschen ausmacht“ (Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, II, 86, Schlechta-Ausgabe Bd. 1, S. 915)

Im Alten Testament wird Lachen bzw. Lächeln mit Isaak und seinem Namen direkt in Verbindung gesetzt. Es gilt als eine Antwort auf die tragische Wirklichkeit menschlicher Existenz. Für das Lachen verwendet das Hebräische zwei verschiedene Begriffe. „Das eine Wort, sahak, meint das fröhliche, schallende Lachen, während das andere, la’ag, ein spöttisches, den Adressaten herabsetzendes Lachen beschreibt. [...] Der erste Begriff, sahak, lieh seine Wortbedeutung Isaak – einer der wichtigsten Personen des Alten Testaments –, denn Isaak heißt «das Lachen«. In der jüdischen Vorstellungswelt, im Talmud und in den Kommentaren der Rabbiner beschäftigt sich ein eigener literarischer Zweig mit dem Namen Isaak. Man braucht nur im 1. Buch Mose (Genesis) nachzulesen, das die Geburt Isaaks ankündigt – ein kleines Schmuckstück an Komik.“ (Jacques Le Goff, Das Lachen im Mittelalter, Stuttgart 2004, S. 31.f.)

Zusammenfassung des gleichnamigen Vortrages vom 19.9. am Humorkongress in Zurzach von Prof. Dr. Helmut Bachmaier, Prof. für Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz .
Er ist Präsident des Stiftungsrates der Tertianum-Stiftung/CH und Herausgeber der Gesamtausgabe der Werke Karl Valentins (Piper Verlag, München).
Email: helmut.bachmaier@uni-konstanz.de

Literatur von Helmut Bachmaier zum Thema:
- Texte zur Theorie der Komik, Stuttgart 2005 (Reclam 17656)
- Humorstrategien. Lachen macht stark, Göttingen 2007 (Wallstein Verlag).
  Das Buch kann bei der TERTIANUM-Stiftung bestellt werden.
- Warum lachen die Menschen?
  Über Komik und Humor, uni-auditorium, Komplett-Media (CD, Vorlesung).

 

Kommentare

Bild des Benutzers Bernhard Schindler

Homerisches Gelächter und Gottfried Keller

Sehr geehrter Herr Professor Bachmaier

Mit Interesse habe ich Ihre Deutung des Gelächters von Zeus gelesen, das uns Homer übermittelt hat. Sie sagen, es sei das Lachen eines Gottes gewesen, der seine Endlichkeit eingesehen habe, also das Lachen über die kämpfenden Nebengötter als Selbsterkenntnis des obersten griechischen Gottes von seiner wahren Bedeutung.

Ist das aber nicht eine typische Deutung aus unserem Jahrhundert, in der wir alle lernen müssen, über uns selber zu lachen?

Wenn aber das Homerische Gelächter nichts anderes gewesen wäre als das, was Gottfried Keller in seinem "Heisst ein Haus zum Schweizerdegen" beschreibt:

 

 

2. Ist kein Volk fast allerwegen,
Was da nicht schon eingekehrt,
Und der Wirt zum Schweizerdegen
Hat den Eingang nie verwehrt,
|: Hat dann die blutige Zeche gemacht,
   Daß die Frau Wirtin vor Freude gelacht. :| 3. Zweiundzwanzig Schilde blitzen
Von dem Giebel weit zu Tal;
Zeug- und Bannerherren sitzen
Harrend in dem hohen Saal,
|: Lauschend, bis jauchzend die Mutter sie ruft,
   Und von den Schilden erklinget die Luft. :|

4. Und auf allen Weg' und Stegen
Steht es auf zu Berg und Tal;
Hört, es klingt der Schweizerdegen,
Hört, es singt der alte Stahl!
|: Tut ihm genug und erprobt ihn vereint!
   Besser, das Mütterchen lacht, als es weint! :|

 

 

Das hört sich allerdings etwas anders an. Das ist ein Lachen, das einem im Munde gefriert. Eine Art Galgenhumor. Und als solchen verstehe ich eigentlich Homers Schilderung.

Nichts desto trotz. Lachen ist gesund. Lachen entspannt den Körper, die Seele und auch den Streit. Ich hoffe, dass wir noch viel zu lachen haben werden.

 

Freuindliche Grüsse  Bernhard Schindler