Bild oben: Dr. h.c. Iren Meier mit Prof. Dr. Helmut Bachmaier bei der Verleihung des Preises für Menschenwürde
Am 8. September 2010 wurde Dr. h.c. Iren Meier der Preis für Menschenwürde übergeben, den die TERTIANUM-Stiftung zusammen mit der Zürcher Kantonalbank und Witzig The Office Company zum fünften Mal verleiht – in diesem Jahr zum ersten Mal an eine Journalistin.
In ihrer Dankesrede beschreibt Iren Meier eindrücklich, was sie unter Menschenwürde versteht und wie Menschenwürde heute verletzt wird. Sie betont, dass Journalisten und Medien die Werte und den Umgang in der Gesellschaft beeinflussen. Wir veröffentlichen ihre Dankesrede in vollem Wortlaut:
"Es gibt sehr verschiedene Preise und Auszeichnungen in unserem Beruf. Es werden die besten Reportagen gekürt, das gelungenste Interview, der originellste Text. Sie verleihen mir den Preis für Menschenwürde. Das hat weniger mit Handwerk und mehr mit Haltung zu tun, eigentlich ist es etwas sehr persönliches. Darum berührt mich diese Auszeichnung sehr, darum ist sie kostbar. Ich nehme sie persönlich.
Und so kann ich nicht anders, als mich mit ein paar ganz persönlichen Erfahrungen bei Ihnen bedanken.
Es gibt Hunderte von Szenen und Momenten in einem langen Korrespondentenleben, in denen man erfährt, was das ist, die Würde des Menschen. In Konfliktgebieten oder im Krieg wird sie so offensichtlich, schamlos und brutal verletzt, dass es für eine Journalistin nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder sie sieht hin und benennt was geschieht, oder sie wendet sich resigniert und abgestumpft ab, in der Meinung, es hat sowieso keinen Sinn, es passiert zu oft, überall auf der Welt, wer mag es noch hören und lesen?
Ich kenne die Reaktion des Überdrusses auf der anderen Seite, der Hörer, Leserinnen, Zuschauer. Manchmal ist einem alles zu viel. Und ich kann es nachvollziehen.
Nur - ich glaube, es ist die falsche Perspektive. Die Zumutung liegt bei dem, dessen Würde verletzt wird und nicht bei dem, der davon erfährt.
Sie liegt bei jenem Mann, der im Krieg im ehemaligen Jugoslawien Gefangenschaft und Folter überlebte und uns Journalisten danach unbedingt schildern wollte, was er überlebt hat, obwohl er physisch dazu kaum imstande war. Eine ungeheure Anstrengung war es für ihn, körperlich geschunden und schwer verletzt wie er war. Aber er hatte die Kraft, vor Zeugen, die wir als Journalisten waren, zu zeigen, wie seine Würde mit Füssen und Stiefeln getreten wurde.
Diese Handlung hat ihm die Würde zurückgegeben - und mir gezeigt: dass der tiefste Kern in uns unverletzbar und unantastbar ist. Dieser Kern, der uns allen denselben Wert gibt. Der unabhängig ist von äusseren Umständen und Geschehnissen. Darum hab ich wohl diesen Moment und diesen Mann nie vergessen.
Auch nicht die Frau in Sarajewo, die mit ihren zwei halbwüchsigen Kindern die dreieinhalbjährige Belagerung der Stadt überlebte, deren Mann von einem Heckenschützen erschossen wurde - und von der ich in der ganzen Zeit bis heute nie ein Wort des Hasses gehört habe. Auch sie, zutiefst verletzt, hat ihre Würde behalten.
Das sind nur zwei von unzähligen Beispielen, wo die Würde der Betroffenen so offensichtlich, direkt vor unseren Augen verletzt wird. Es sind Beispiele, die eine Chance haben, den Weg in die Medien zu finden und damit ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit.
Aber es gibt auch die vielen anderen, die leisen Verletzungen, die meist unbeachtet bleiben, aber genau so tief sind. Und die oft die Schwächsten treffen, zum Beispiel die Kinder.
Kürzlich war ich in Jerusalem. Im arabischen Osten der Stadt haben viele palästinensische Familien die Nachricht bekommen, dass ihre Häuser nächstens abgerissen würden, weil sie - so der offizielle Grund - ohne Bewilligung gebaut worden seien. Nicht erwähnt wird, dass es praktisch unmöglich ist für einen Palästinenser, eine Baubewilligung in Jerusalem zu erhalten. In Wirklichkeit will die israelische Regierung dort die Palästinenser vertreiben.
Die Familien leben jetzt in der Angst, dass jeden Moment die Abrissbagger und Bulldozer auftauchen und ihr Haus zerstören, wie sie es schon in vielen anderen Fällen getan haben. Ohne weitere Ankündigung.
Auch die Kinder wissen und fürchten es. Unter ihnen ist ein kleiner Junge, der plötzlich in der Schule versagte, die Hausaufgaben nicht mehr machte und die Lehrerin vor ein Rätsel stellte. Sie fragte ihn, was los sei, bekam keine Antwort. Dann öffnete sie seine Schulmappe. Dort drin waren keine Bücher und Hefte, sondern - Spielsachen.
Spielsachen, die der Bub retten wollte, für den Fall, dass er eines Tages nach der Schule nachhause kommt und das Haus mit allem was drin war, in Schutt und Asche liegt.
Ein anderer, ein elfjähriger palästinensischer Junge in diesem Stadtteil legt sich jede Nacht vollständig angekleidet schlafen. Nicht nur aus Angst vor den Baggern, sondern, weil viele Jungen zwischen zehn und 15 Jahren in diesem Quartier häufig mitten in der Nacht von der israelischen Polizei abgeholt und zum Verhör auf den Posten gebracht werden. Unter dem Vorwurf, sie hätten Steine geworfen. Die Mutter des Elfjährigen sagte mir: „ Es ist doch besser, wenn er dann seine Jeans trägt und nicht den dünnen Schlafanzug. Der dickere Stoff mildert die Wucht der Schläge. Und den Schmerz."
Der Begriff der Menschenwürde kommt aus der abendländischen Ethik, aus der humanistischen Tradition des Abendlandes, Professor Bachmaier hat es ausgeführt. Im Morgenland, im Orient, im Osten, (im Nahen Osten) so kann man einwenden, ist es eben noch anders: autokratische Regime, fehlende Demokratie, Besatzung - dies alles lässt Menschenrechtsverletzungen und Missachtung der Menschenwürde fast zur Norm werden. Umso deutlicher muss man sie anklagen. Auch die Gleichgültigkeit, mit der oft darauf reagiert wird.
Doch Rassismus, Misshandlung von Kindern und Einschränkung der Meinungsfreiheit finden sich auch im aufgeklärten Abendland. Bei uns. Mitten unter uns. Eben diese leiseren, versteckten Verletzungen der Menschenwürde.
Der universellen Menschenwürde.
So verstehe ich die heutige Auszeichnung in diesem Sinn denn auch nicht nur als eine persönliche, sondern als Aufforderung und Ermutigung ganz generell - an Medienschaffende, wo immer sie auch arbeiten, berichten und worüber sie recherchieren.
Egal, ob über ein Kind im Südlibanon oder über einen Menschen in einem Schweizer Altersheim. Ob über einen Geschäftsmann oder über einen Flüchtling. Dieselbe Achtung, derselbe Respekt.
Im Wissen, dass beide genau gleich viel wert sind.
Im Wissen, dass all unsere Vorurteile uns den Blick verstellen, all die Etiketten, die wir Personen anheften, uns weg vom eigentlichen Menschen führen. Die Schubladen leeren statt füllen.
Es ist – wie wir gehört haben – das erste Mal, dass die Tertianum-Stiftung den Preis einer Journalistin verleiht. Er kommt zu einer Zeit, in der sich manche Medien in einen verhängnisvollen Beliebigkeitsstrudel hineinreissen lassen und auf seiner Oberfläche dahinreiten. Es ist Zeit, diesen Strudel, diesen Fluss zu stauen.
Und es ist Zeit, sich wieder bewusst zu werden, dass Journalisten und Medien die Gesellschaft ja nicht nur abbilden, sondern sie auch beeinflussen, ihre Werte und den Umgang in dieser Gesellschaft.
Zwar wird in jedem Journalisten-Handbuch die Achtung der Menschenwürde, der Respekt des Anderen als Selbstverständlichkeit für unsere Arbeit vorausgesetzt. Das allein aber genügt nicht immer.
Ich danke Ihnen sehr, dass Sie diese Botschaft heute Abend in einem so schönen Rahmen vermitteln. Und ich danke Ihnen ganz, ganz herzlich, für die Ehre, die Anerkennung und die Ermutigung.
Iren Meier"
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