Gesellschaft

Das Alter neu erfinden ?

Das Alter neu erfinden ?

Was heisst heute alt sein? Was hat sich geändert? Was für die Kirche?

 

Bild oben: playback-Theater Zürich

Die Aargauische Reformierte Landeskirche lud am 4./5. November zu einem Kongress nach Aarau ein, der den Wandel der dritten Lebensphase auf vielfältige Weise beleuchtete. Fachleute aus verschiedenen Bereichen diskutierten das neue Alter und die Auswirkungen auf Gesellschaft, Wirtschaft und Individuum. Gut 350 Interessierte, darunter viele diakonische MitarbeiterInnen und PfarrerInnen holten sich Anregungen für ihre Altersarbeit und schätzten den Erfahrungsaustausch. 

 

Wann ist man heute alt? Ist das Alter die späte Freiheit? Was bedeutet erfolgreiches Altern?

Eine wunderbare Einstimmung ins Thema Alter waren die szenischen Improvisationen mit dem Playback Theater Zürich. Schauspieler stellten auf humorvolle und tiefgründige Weise Fragen zum Alter aus dem Publikum dar wie: Wenn ich alt bin, wer hat mich noch gern? Wer streichelt mich noch? Werde ich überhaupt noch gebraucht? Was soll ich machen, ich bin so vergesslich!

 

Glücksfall Alter

Für Peter Gross braucht es eine neue Lesart, eine neue Deutung für das Alter. In den Medien, im Fernsehen höre oder sehe er oft abschätzige Bemerkungen zum Alter wie Rentnerflut, Überalterung (wie Ueberdüngung). Dabei gebe es Grund zu feiern: Noch nie konnten so viele Menschen so gut altern. In einem Jahrhundert ist die Lebenserwartung um 30 Jahre gestiegen! Heute haben wir Familienverbände mit 3-4 Generationen, diese sind  ein robustes Rückgrat der Gesellschaft, freut sich Peter Gross. Die Kinder werden heute geschätzt, sie sind Wunschkinder. Untersuchungen zeigen, dass  51% der Menschen im AHV Alter gerne noch berufstätig wären .Peter Gross plädiert für das Öffnen der Erwerbswirtschaft für Menschen ab 50-80 Jahren.

Ist Vergessen grundsätzlich schlecht? fragt P. Gross. Alzheimer sei langsames Sterben. Der Tod ist heute eine Strafe. Die Menschen wollen heute lang leben und schnell sterben. Es gebe bei uns keine Zeit zum Sterben. Keine Kunst des Sterbens.

 

Das Alter gibt es nicht – Alter sind viele

Das Leben ist vielfältig auch im Alter. In der Schweiz gibt es über 1 Mio. alte Individualisten. Je älter der Mensch werde, je mehr werde er sich selbst, sagt Martin Mezger. Begriffe wie 3. und 4. Lebensalter seien Hilfskonstruktionen, das Alter sei eine Landschaft vom Berg aus gesehen mit Schluchten und Tälern. Im jungen Alter herrsche der Pathos der Selbständigkeit, doch mit der Zeit verliere er seinen Glanz zugunsten Sicherheit und Verlässlichkeit. Lasst die Alten in Ruhe! Kein Zwang zu erfolgreichem Altern. Den Menschen zutrauen ohne schlechtes Gewissen alt zu werden. Die meisten bewältigen die letzten Lebensabschnitte gut und verdienen Respekt und Anerkennung. Die Jungen müssen das erst noch schaffen!

 

Sei gut zu Dir selbst

Elisabeth Moltmann-Wendel mag nicht „Du musst,  du solltest", so genannte gute Ratschläge hören. Im Alter gelte es die eigene Gestaltungsfähigkeit zu entdecken. Es liege an uns aufzugeben, was uns nicht mehr passt. Gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf (Titel ihres Buches, 2009). Wir müssen nicht „for ever young“ sein. Die Grenzen des Körpers sind zu akzeptieren. Für die Veränderungen des Lebens fehlen uns die Begriffe. Sie rät gegen Klischees vom Alter anzukämpfen. Viele Fähigkeiten schlummern in uns. Entdecken wir unsere Eigenheit und unseren eigenen Rhythmus im Alter. Im Alter Neues entdecken. Sich vornehmen: Was werde ich heute wahrnehmen, was ich bis jetzt nicht sah.

 

Der Horizont ist weiter als du denkst – von der Kunst des Älterwerdens

Auch Julia Onken plädiert über die eigenen Grenzen hinweg zu schauen und für sich neue Räume zu schaffen. Wichtig sei die Hinwendung zu uns selber, Frieden mit sich selbst zu  schliessen und mit der persönlichen Mängelliste aufzuhören. Das Leben ist ein Geschenk!

 

Kirche und das neue Alter

Die Kirche ist für ein Altern in Freiheit und Würde, betont Claudia Bandixen, Kirchenratspräsidentin. Sie findet die Aufteilung in ein 3. und 4. Lebensalter wenig hilfreich. Die dritte Lebensphase werde idealisiert oder mit vielen Erwartungen überfrachtet, das vierte Lebensalter werde verdrängt und komprimiere die “negativen“ Seiten des Alters, wie Demenz, Leiden, Hilflosigkeit. Die Ambivalenz des Alterns soll nicht geleugnet werden. Die Kirchen müssten etwas bieten wie NGOs: Schulung, Begleitung und Anerkennung. Die Alten sind keine homogene Gruppe. Die einen möchten betreut und unterstützt werden, die andern wünschen sich eine Zusammenarbeit mit der Kirche auf Augenhöhe, Möglichkeiten für selbsttätiges Engagement. Nicht das Alter sei der gemeinsame Nenner, sondern das gemeinsame Interesse!

Die Synode vom 19.1.2011 wird die am Kongress aufkommenden Fragen und Impulse aufnehmen und auf die Umsetzbarkeit prüfen. Die Gesprächssynode ist öffentlich.

Bilder in der Galerie (von links)
Claudia Bandixen, Präsidentin des Kirchenrates der Reformierten Landeskirche Aargau
Prof. Dr. rer. pol. Peter Gross, Soziologe
Martin Mezger, ref. Theologe, ehem. Direktor Pro Senectute Schweiz
Dr. theol. Elisabeth Moltmann-Wendel
Julia Onken, dipl. Psychologin und Autorin