Anny K. ist in Deutschland aufgewachsen und lebt seit 1958 in der Schweiz. Von den Frauen an ihrem Wohnort wurde sie gebeten, über ihre Kindheitserfahrungen im und nach dem zweiten Weltkrieg zu erzählen. Über ihre ersten Jahre in der Schweiz haben wir 2007 unter „Nicht besserwisserisch sein“ berichtet (BP).
Ich bin im August 1938 in Hervest-Dorsten geboren (in Deutschland, am Rande des Ruhrgebietes). Ich hatte drei ältere Brüder und zwei jüngere Schwestern. Meine Eltern sind in Essen und Altenessen geboren. Beide sind – unabhängig voneinander – nach Holland ausgewandert.
Meine Mutter war Gesellschaftsdame in einer sehr vornehmen holländischen Familie. Dort hat sie angefangen zu rauchen.
Mein Vater ist als Bergmann in einer holländischen Zeche im Untertagebau eingefahren.
Meine Eltern heirateten in Holland, und meine zwei Brüder sind in Holland geboren.
Kriegsausbruch
Als der Krieg ausbrach, mussten die Deutschen Holland verlassen. Meine Eltern kehrten nach Deutschland zurück. Mein Vater war Hitler-Anhänger und Mitglied der K.D.F. – d.h. Kraft durch Freude.
Er war auch Operetten-Freund. Damals liefen viele Operetten und Theaterstücke über die Bühne, welche den Soldaten Mut zum Kämpfen machen sollten. Ich durfte mit meiner kleinen Schwester auf dem Schoss meiner Mutter dabei sein!
Mein ältester Bruder ist mit ca. 8 Jahren an Diphterie gestorben. Meine zwei anderen Brüder wurden für etwa fünf Wochen zur Kinder-Verschickung nach Bayern zur Erholung geschickt. Sie blieben dort bis zum Kriegsende. Auch ich war eine Zeit lang in Bayern (wurde vermutlich auch dort eingeschult).
Dreimal getauft
Mein Vater war reformiert, meine Mutter katholisch. Wir drei Mädchen wurden unter der Hitlerfahne getauft.
Nach dem Krieg wurden wir drei Mädchen katholisch getauft. Nach meiner Heirat 1960 im Hirzel habe ich 8 mal 2 Stunden Religionsunterricht bei Pfarrer Meili genommen und wurde dann in die reformierte Kirche aufgenommen. Da mein Mann reformiert war, wollte ich es auch sein und klare Verhältnisse schaffen. Somit wurde ich dreimal getauft!
1944 kam ich in die Augustaschule (meine Mutter sandte mich mit meiner Freundin aus der Nachbarschaft). Ich sass in der ersten Reihe. Nach drei bis vier Wochen fragte mich mein Lehrer: „Wer bist du eigentlich?“. Ich nannte meinen Namen und die Adresse, da sagte der Lehrer: „Du gehörst gar nicht in die (reformierte) Augustaschule, sondern in die katholische Marienschule.
So ging ich einige Zeit in die Marienschule, habe aber fast keine Erinnerung daran. Die Fliegerangriffe wurden stärker und die Schule geschlossen.
Der Krieg kommt immer näher
Mein Vater wurde auch in den Militärdienst eingezogen. Er war ca. 80 km von zu Hause entfernt in einer Kaserne stationiert. Meine Mutter und ich besuchten ihn dort einmal. Als wir um 22 Uhr mit dem Zug wieder nach Hause fuhren, wurde dieser von Tieffliegern beschossen und die Lokomotive getroffen, so dass wir nicht weiterfahren konnten. Alle Passagiere mussten aussteigen und in einen nahen Bunker flüchten. Aber darin stank es sehr stark nach Petroleum, so liefen alle wieder nach draussen und legten sich flach auf den Boden oder unter Bäume, damit uns die Flieger nicht sahen. Um etwa 24 Uhr war der Fliegerangriff vorbei, und der Zug konnte reduziert mit uns weiterfahren.
Wir wohnten am Stadtrand von Hervest Dorsten auf dem Lande. Immer wenn es Fliegeralarm gab, mussten wir etwa 1 km bis zum Bunker rennen. Oftmals reichte es nicht und wir warfen uns zu Boden, um nicht gesehen zu werden. Einmal ist ganz in unserer Nähe eine Granate explodiert, wir hatten Glück und kamen heil davon.
Der Krieg kam immer näher, und wir mussten für immer im Bunker bleiben. Dort sah es aus wie in einem Autobahntunnel. Auf jeder Seite standen Bänke zum Sitzen, geschlafen wurde am Boden in mitgebrachten Wolldecken. Wir wohnten dort bis zum Kriegsende.
Kriegsende und amerikanische Besetzung
Auf einmal hiess es: „Die Amerikaner kommen!“ Ich hatte Angst und wusste nicht, was Amerikaner sind. Sie kamen in Reih und Glied auf den Bahnschneisen daher marschiert und riefen: „Der Krieg ist aus und vorbei!“ Sie verteilten Schokolade, Kaffeebohnen und Zigaretten.
Wir kehrten zurück in unsere kleine Wohnung, welche vom Krieg verschont geblieben war. Wir hatten nur drei Zimmer: eine Wohnküche, zwei Schlafzimmer, ein Plumpsklosett ohne Wasser. Wasser holten wir draussen an der Pumpe. Es gab weder heisses Wasser noch Heizung noch ein Badezimmer.
Jetzt kamen die Zwangseinquartierungen. Wir mussten unsere Wohnküche an zwei Ostpreussen-Flüchtlinge abgeben (Mutter und Sohn). In der Küche stand ein Kohlekochherd, den wir abwechselnd benutzen konnten. Wenn wir aufs Klo wollten, mussten wir immer durch die Küche gehen.
Gefangenentransporte
Wir wohnten zwischen zwei Bahngeleisen, wo die Züge in den nahen Bahnhof einfuhren. Oft waren es offene Viehwagen, vollgestopft mit Gefangenensoldaten. Wenn der Zug anhielt, schrien sie nach Wasser. Mit der Zeit wussten das unsere Mütter und standen mit Wasserkübeln bereit, wenn wieder ein Zug kam. Doch bei der nahen Wasserpumpe wohnte eine Russin, die uns verbot, weiterhin Wasser zu holen. So halfen wir Kinder, das Wasser von weiter weg zu holen.
Einmal ist ein Gefangener aus dem schwer bewachten Zug in den nahen Wald geflohen. Die Bewacher haben in den Wald geschossen, ihn aber nicht mehr erwischt, so ist der Zug ohne ihn weitergefahren. Meine Mutter hat Kleider und Schuhe aufs Fahrrad gepackt und den Mann im Wald gesucht und gefunden. Er hat die Kleider meines Vaters angezogen und ist verschwunden.
Ein andermal ist in unserer Nähe eine Knäckebrotfabrik abgebrannt, dort konnte man sich die unversehrten Knäckebrotpäckchen mit Leiterwagen abholen. Wir verteilten sie an die Gefangenen im Zug.
Nachkriegszeit
Die Personenzüge fuhren jetzt auch wieder reduziert. Die Männer setzten sich auf das Dach oder standen auf dem Trittbrett. Sie hielten sich an den Fenstern fest und wollten unbedingt mitfahren. Wie viele dabei verunglückt sind, weiss ich nicht.
Meine Mutter war eine starke Raucherin, wir hatten aber kein Geld für Zigaretten. Wir Kinder liefen dem Strassenrand entlang und suchten nach Kippen, welche die Amerikaner und Engländer weggeworfen hatten, und brachten sie unserer Mutter. Sie löste die Kippen auf und machte sich eine neue Zigarette daraus.
Notdürftiger Schulunterricht
1948 wurde ich in die 3. Klasse neu eingeschult, ohne dass ich vorher die erste und zweite Klasse richtig absolviert hatte. Ich hatte keinen Thek, keine Tafel und keinen Griffel mehr. Alles wurde geplündert und gestohlen. So bin ich mit einer Schiefertafel vom Kirchendach (welche im Krieg zerstört wurde) und einem dicken Nagel zum Schreiben in die Schule gegangen.
Nach der 6. Klasse mussten wir die Schule wechseln, dort kam ich in die 8. Klasse. Nicht, weil ich besonders schlau war, sondern weil ich das Alter hatte und das Schulsystem neu geordnet werden musste. Meine Noten waren immer befriedigend, wobei 1 sehr gut, 2 gut und 3 befriedigend war.
Wir hatten nur Rechnen, Lesen, Schreiben und Erdkunde. An Geschichte kann ich mich nicht erinnern. Ach ja, Religion war noch sehr wichtig. Einmal waren wir mit Kindern in die reformierte Sonntagsschule gegangen. Die Lehrerin kam dahinter, der Pastor wurde gerufen und es gab ein Spektakel, Strafaufgaben. Und beichten sollten wir, denn was wir gemacht hatten, war eine „Todsünde“!
Wie wir Kinder Geld verdienten
Wir wohnten in einem kleinen Vorort von Dorsten und Hervest Dorsten. Dazwischen flossen zwei Flüsse, die Lippe und der Kanal. Die Bahnbrücken waren im Krieg zerstört worden, und somit mussten die Bahnfahrer etwa 3 km zu Fuss zum nächsten Bahnhof gehen. Wir Kinder liefen mit einem Leiterwagen zum einen Bahnhof, um den Leuten die schweren Koffer zum nächsten Bahnhof zu bringen. Wir standen bereit, wenn die Leute kamen, und schrien laut: „Gepäck nach Dorsten! Gepäck nach Dorsten!“ in der Hoffnung, etwas dabei zu verdienen. Manchmal gab es einen kleinen Batzen, manchmal ein Butterbrot, welches die Damen für sich als Reiseproviant mitgenommen hatten, und manchmal gab es nichts, weilt die Leute selbst nichts hatten. Auf dem Rückweg riefen wir dann: „Gepäck nach Hervest-Dorsten!“
Da wir nur am Vormittag Schule hatten, gingen wir im Herbst zu den Bauern, um Runkeln zu ziehen, Kartoffeln aufzulesen, Garben aufzustellen oder Rüben in die Mieten zu bringen, das alles für 1,5 DM pro Nachmittag und ein gutes Butterbrot. Aus dem ersten Geld habe ich meinen Eltern ein Schlafzimmerbild gekauft, auf dem ein Engel zwei Kinder beschützt, welche über eine kaputte Brücke gehen – für DM 49.00. Meine Eltern haben es bis zu ihrem Tod in Ehren gehalten. Das Vesper war übrigens sehr gut: Bauernbrot mit Wurst.
„Hamstern“ gegen den Hunger
Meine Mutter und Nachbarsfrauen fuhren jetzt auch mit dem Zug in die Bauerndörfer, um zu hamstern (oder zu betteln). Sie blieben meistens zwei Tage fort, sonst lohnte es sich nicht. Wenn sie wieder nach Hause auf dem Bahnhof ankamen, erwartete sie oft die Heerespolizei: Die Bauern hatten die Polizei gerufen, weil ihnen wieder mal ein junges Schwein, Hühner, Enten oder Eier gestohlen worden waren! Oft mussten sie alles Erbettelte der Polizei abgeben, und unsere Mütter kamen fast ohne Essen nach Hause.
Auch wurden den Bauern ganze Felder Kartoffeln gestohlen, auch diese wurden beschlagnahmt. So begannen Hamsterer, ihre Kartoffelsäcke unweit unserer Wohnung aus dem fahrenden Zug zu werfen. Und dort haben wir sie in Empfang genommen! Wir haben die Kartoffeln dann im Hinterhof vergraben. Als die Heerespolizei eine Hausdurchsuchung machte, standen die Polizisten im Hinterhof auf den Kartoffeln und haben nichts gefunden. Auch wir hatten die Kartoffeln vergessen und sie erst im Frühjahr verfroren wieder ausgegraben. Na also: Gott straft nicht immer sofort! Und übrigens: Auch der Pastor ging hamstern, er machte das mit der Bibel in den Händen!
Auch ich bin mit zwei Nachbarsmädchen (14 und 13, ich 12 Jahre) hamstern gegangen, auch wir haben im Heu geschlafen. Einmal habe ich meinen Sack mit Kartoffeln auf der Hausbank eines Bauernhofes vergessen, und ich musste alleine einen weiten Weg zurück gehen, um den Sack zu holen.
Beim nächsten Bauernhof war gerade eine Hochzeit, wir freuten uns (denn wir hatten Hunger) und dachten, da gäbe es etwas Gutes zu essen. Wir bekamen auch etwas Gutes, und zwar frische, gekochte und ganz weiche Schwarten, aber die rochen so komisch und wir dachten, der Bauer wolle uns vergiften, so haben wir sie trotz Hunger lieber dem Hund gegeben.
Am Abend kamen wir auf den Bauernhof, von dem wir wussten, dass wir im Heu übernachten konnten. Die dicke Bäuerin holte uns in die Küche und versorgte uns mit Milchsuppe. Die Bäuerin sagte: „Aber tut schön beten und dem lieben Gott Danke sagen!“ Wir Mädchen guckten uns gegenseitig an und dachten, dass wir doch noch nie zum Essen gebetet haben. Der Bauer hatte vier wohlgenährte Kinder, die um uns herumstanden und uns beobachteten. Dann kam die Bäuerin und fragte, ob wir noch einen Teller Suppe haben wollten. Ja – wir wollten! Aber wir wussten jetzt nicht, ob wir für den zweiten Teller auch wieder beten mussten. So beteten wir für den zweiten und pro forma auch noch einmal für den dritten Teller!
Meine Mutter war auch eine fleissige Trümmerfrau (das hiess, alte Steine klopfen). Sie klopfte von den bombardierten Häusern den Zement von den Steinen, die man dann sauber wieder zum Bauen gebrauchen konnte. Wie viel sie damit verdiente, weiss ich nicht mehr.
Schwierige Rückkehr der Kriegsgefangenen
Mein Vater kam aus der französischen Gefangenschaft zurück. Er sagte, er habe in der Gefangenschaft den Verrückten gespielt, habe Tag und Nacht wirres Zeug geredet und geschrien und sei so freigekommen.
Die Zeiten wurden langsam besser. Mein Vater konnte wieder auf der Fürst-Leopold-Zeche arbeiten. Dort bekamen die Mitarbeiter von der amerikanischen Caritas Pakete mit Esswaren, Winterjacken und Stiefel und anderem, wie auch Kaffee. Den Kaffee haben wir dann wieder eingetauscht – zum Beispiel in Lebensmittelmarken.
Mein Vater kam als böser Mann zurück.
Aus dem Gespräch mit Anny K.:
BP: Warum kam ihr Vater als böser Mann zurück?
Anny K.: Die Männer hatten ihre eigenen Kriegserlebnisse zu verarbeiten und konnten sich nicht einfühlen in das Leben, das ihre Frauen mit den Kindern während ihrer Abwesenheit geführt hatten. Einzelne daheimgebliebene Männer nutzten die Gelegenheit, um die Frauen bei ihren Männern zu denunzieren.
BP: Besonders schmerzlich waren wohl die Mangeljahre nach dem Krieg
Anny K.: Wir hatten wenig Geld und zu wenig zu essen. Als Vater heimkehrte und auf der Treppe ein Körbchen mit Kartoffelschalen fand, schimpfte er wütend, die seien zu dick geschält, und ich musste nochmals alle Schalen abkratzen.
Als Folge der Mangelernährung hatten wir Kinder Eiterbeulen an den Beinen und Krätze an den Händen. Meine Mutter ging mit einem Stück Butter aus einem amerikanischen Care-Paket zum Apotheker und bat, daraus eine Salbe gegen Krätze herzustellen. Sie bekam eine Salbe, die heilte - wohl nicht aus der Butter erschaffen.
Vater verwahrte sein Geld unter dem Kopfkissen und gab meiner Mutter wenig Haushaltungsgeld. Sie musste bei den zwei Krämern in Dorf auf Pump einkaufen. Während dem sie beim einen die Schulden zurück bezahlte, kaufte sie beim zweiten wieder ein - auf Pump. Das wussten wir Kinder. Vater erzählten wir nichts davon. Nach der Währungsreform 1949 ging es uns wieder besser.
BP: Und die Politik?
Anny K.: Ich habe den Krieg unpolitisch als Kind erlebt. Wie sehr wir als Deutsche nach dem Krieg im Ausland missachtet wurden, erfuhr ich erst in Ascona, an meiner ersten Stelle im Ausland, in einem Kurhaus unter holländischer Leitung.
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„Nicht besserwisserisch sein“
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Nachkriegsjahre in Deutschland als Flüchtling
Der Bericht von Anny K. hat mich sehr berührt, da ich die Nachkriegsjahre in Deutschland ähnlich erlebt habe. Ich bin drei Jahre jünger als Anny, in einem kleinen Dorf in Tchechien an der polnischen Grenze geboren. Ende des Krieges wurden wir enteignet und mit 30 kg Gepäck, ohne Geld und ohne Ausweise in Viewagen 1946 nach Bayern abgeschoben und in das Wohnzimmer eines Bauern zwangseingewiesen. Wie bei Anny, waren wir wie unser Vater evangelisch getauft, weswegen unsere katholische Mutter gezwungen wurde, unserer Umtaufe zuzustimmen. Das war das Ende unseres bis dahin friedlichen Familienlebens.
Wir litten auf dem Land mehr an Mangel an Winterkleidung und Schuhen als an Nahrung. Wir ständig verkältet. Im Sommer liefen wir barfuss und im Winter erfroren wir uns in den mit Zeitungspapier ausgestopften Gummistiefeln die Füsse. Ich schämte mich, ein Flüchtling zu sein und einen fremden Dialekt zu sprechen. In der Schule hatte ich permanent Angst durch zu gute Noten aufzufallen.
Mein Lebenstraum, in ein Land auszuwandern, wo man das Wort "Flüchtling" nicht kennt , erfüllte sich 1962 an meinem 21. Geburtstag. Ein fremdes Land, eine andere Kultur, eine andere Sprache. Jetzt habe ich eine Heimat und eine Staatszugehörigkeit und bin kein Flüchtling mehr.
Tama