Gesellschaft

Drücken sich die Rentner?

Drücken sich die Rentner?

Ermüdungserscheinungen in der Freiwilligenarbeit?

Was wäre unsere Gesellschaft ohne freiwillige Arbeit und spenden? Doch es machen sich Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Vor allem die ältere Generation engagiert sich wenig.

Wird der «soziale Kitt» freiwillige Arbeit allmählich spröde? Zugegeben: Noch engagiert sich rund ein Viertel der Schweizer Wohnbevölkerung freiwillig und ehrenamtlich in Vereinsstrukturen, sei es für den Breitensport, eine Musikgesellschaft oder für die freiwillige Feuerwehr. Die erbrachten Leistungen machen einen Gegenwert von rund 15 Milliarden Franken aus. Hinzu kommt eine breite Palette informeller Freiwilligenarbeit wie innerfamiliäre Pflegeleistungen, Nachbarschaftshilfe oder Enkelbetreuung. 

Wer engagiert sich, wer nicht?

Im formellen Bereich sind es vor allem Personen mit hohem sozialen Status und starker sozialer Einbindung, Menschen, die durch ihren Beruf ohnehin schon stark belastet sind. Rentner hingegen, Arbeitslose und Teilzeiterwerbstätige engagieren sich eher unterdurchschnittlich, hat der «Freiwilligen-Monitor Schweiz 2010» (Universität Konstanz) herausgefunden, für dessen letzte Erhebung im Jahr 2009  rund 6000 Personen befragt wurden. Auch zeigt sich ein regionales Gefälle: In der Deutschschweiz gibt es mehr Freiwillige als in der lateinischen Schweiz. 

Kontinuierlicher Rückgang

Seit einer früheren Befragung im Jahr 2006 ist bei der Vereinsmitgliedschaft ein leichter Rückgang zu erkennen. Stärker ist der Rückgang im informellen Bereich, also  bei persönlichen Hilfeleistungen für Freunde und Bekannte, praktischen Arbeiten oder bei der Kinderbetreuung. Dort sind heute offenbar nur noch knapp 30 % der Bevölkerung aktiv. Im Jahr 2006 waren es noch 37 %. Schon davor hatte das Bundesamt für Statistik (BFS) auf den Rückgang der freiwillig Tätigen hingewiesen. Bereits im gesamten Zeitraum zwischen 1997 bis 2007 war die Tendenz rückläufig. 

Warum? Ist es der zunehmende Individualismus, fehlt es an Idealen? Hat sich die Wirtschaftskrise zusätzlich auf die Solidarität ausgewirkt? Oder ist es die stärkere Belastung im Berufsleben, die alle Energien absorbiert? Sind es all diese Faktoren gemeinsam? Und wieso drücken sich gerade die Pensionierten, die eigentlich Zeit für eine sinnvolle Tätigkeit im Sozialbereich haben müssten? Auf diese Fragen konnten die Politiker und Experten aus dem Sozialbereich keine Antwort geben, die sich anlässlich des UNO-Tags der Freiwilligenarbeit am 4. Dezember 2010 in St. Gallen zu einem Meinungsaustausch trafen. Erstaunlich ist auch, dass gleichzeitig die Spendefreudigkeit kaum gelitten hat. Rund drei von vier Personen über 15 Jahre spenden weiterhin Geld oder Naturalien. 

Keine Feuerwehrleute

Sicher ist nur, im freiwilligen Arbeitsengagement sind Lücken entstanden. «Konkret fehlt es uns zum Beispiel an freiwilligen Feuerwehrleuten, an Fussballtrainern für die Kinder, an Betreuern für demente Personen, Helfern in Kinderhorten und an Schulräten», konstatierte  Dr. Hubertus Schmid, Präsident der  Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons St. Gallen (GGK). Um die Bestandeslücken zu füllen, gelte es für die beteiligten Organisationen, auf ihrer Suche nach Freiwilligen vermehrt zusammenzuarbeiten. Mehr Pensionierte, Arbeitslose und Ausgesteuerte seien ins Boot zu holen.  Auch Ausländer sollten angesprochen und so aus ihrer Isolation geholt werden.  Gerade im bevorstehenden Europäischen Jahr der Freiwilligenarbeit 2011 sei überdies vermehrt die innere Haltung und Gesinnung zu thematisieren, die zu einem freiwilligen Engagement führt, betonte der Rechtsanwalt,  an die Empathie der Bevölkerung, ihr Verantwortungsgefühl und ihre Mitmenschlichkeit zu appellieren. 

Rekrutierung via Ideen,  Anerkennung, Vorbilder

Als wesentliches Element der Freiwilligkeit bezeichnete der ehemalige Swisscom-Präsident Dr. Markus Rauh, heute Präsident der Stiftung für Berufspraxis «Die Chance»,  den Einsatz für eine Idee. Auch müsse jede Person, die freiwillige Arbeit leistet, Anerkennung erhalten. Ob diese auch finanzieller Natur sein dürfe, darüber gingen die Meinungen in einer Diskussionsrunde auseinander.  Ebenfalls wichtig als Ansporn sind Vorbilder, ist die St. Galler Kantonsrätin Marlen Hasler überzeugt, die selbst über vielerlei freiwillige Ämter und Vereinsfunktionen in der Politik gelandet ist. Es müsse ersichtlich sein, dass man mit Freiwilligenarbeit auch für sich selbst etwas erreichen kann.

 

Organisationen:

Forum Freiwilligenarbeit

Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG)

Benevol, Verein Fach- und Vermittlungsstellen für Freiwilligenarbeit 

Stellenbörse für Freiwilligenarbeit  

Schweiz. Rotes Kreuz (SRK)

 

zu den Bildern (von links)
Dr. Hubertus Schmid, Präsident der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons St. Gallen (GGK)
Networking Alternative
im St. Galler Pfalzkeller
Dr. Markus Ruh, Präsident der Stiftung für Berufspraxis "Die Chance"
Diskussionsrunde

 

Kommentare

Bild des Benutzers Roger Ramuz

Habe am Artikel nichts auszusetzen - aber ...

Liebe Frau Kaiser

Von einer 73-jährigen, erfahrenen Journalistin sollten man erwarten können, dass das Wort «Schreiberling» Sie nicht vom Sessel fegt. Die bewusst provokativ gewählte Überschrift verstehen leider nicht alle Leser und führte verständlicherweise zu diesem unschönen Ausdruck.

Ich persönlich habe an diesem Artikel nichts auszusetzen. Aber was mich sehr stört ist die Tatsache, dass sich an diesem Tag vorwiegen hochbezahlte Leute zu Wort meldeten. Leute also, welche niemals selbst Freiwilligenarbeit leisteten oder sich aus wahlpolitischen Gründen profilierten.

Also Frau Kaiser, lassen Sie sich nicht entmutigen, denn guter Journalismus ist gefragt auf unserem Portal.

Genauer schreiben - genauer lesen!

Ich habe den Bericht aufmerksam gelesen und festgestellt, dass zwischen Titel und Inhalt kein Zusammenhang besteht.
Es wird von der Freiwilligenarbeit generell berichtet. Das heisst, dass alle Altersklassen zu freiwilliger Arbeit aufgerufen sind. Solche ist notwendig. Ohne sie würde manches nicht so funktionieren, wie man es sich wünschen würde.
In den Kommentaren wurde Anstoss daran genommen, dass der Titel des Artikel suggeriert, die ältere Generation drücke sich von freiwilliger Tätigkeit. Für diesen Ärger habe ich Verständnis. Aktive freiwillige Betätigung älterer Leute wird damit richtiggehend herabgewürdigt.
Offensichtlich dient der provokative Titel als Blickfang. In dieser Beziehung hat er seinen Zweck erfüllt. Mir wäre aber lieber gewesen, man hätte einen neutraleren Titel gesucht. So wären Missverständnisse und damit auch ärgerliche Reaktionen ausgeblieben. Der Titel beleidigt auch diejenigen Senioren, welche sich nach wie vor aktiv für das Gemeinwohl engagieren.
Nebenbei: Es kann auch gute Gründe geben, warum man sich von freiwilligen Aktivitäten fernhält.

Bild des Benutzers Ruth Suter

Freiwilligenarbeit von Senioren

Grundsätzlich muss gesagt werden, dass es für die Freiwilligenarbeit eine soziale Ader braucht, die nicht alle Menschen haben. Viele Rentner haben das Bedürfnis Dinge zu tun, zu denen sie vorher nie Zeit hatten.  Ehepaare mit Kinder und Enkelkinder sind teilweise familiär ausgelastet. Als Alleinstehende habe ich rund 8 Jahre Freiwilligenarbeit geleistet, zuerst bei der Pro Senectute, wo ich einen Senior in administrativen und finanziellen Bereichen unterstützte. Nach seinem Tod trat ich als Mitarbeiterin des freiwilligen Schreibdienstes beim Roten Kreuz ein. Meine Erfahrungen: Die freiwilligen Helfer dürfen die Arbeit machen.  Auf Verbesserungs- vorschläge oder eigene Initiativen von Freiwilligen wird nicht eingegangen oder sie werden "zurückgepfiffen". Zudem wird jede Dienstleistung vertraglich abgesichert. - Heute bin ich (68) nicht mehr bereit, diese Art von Freiwilligenarbeit zu leisten.  Ich will frei sein und selber entscheiden,  für was oder wen ich Etwas machen will.  So habe ich den Kurs für den Besuchsdienst auch selber bezahlt, um nicht von einer Institution abhängig zu sein.

Bild des Benutzers Christine Kaiser

Lieber Sterngucker

Danke für den «Schreiberling»! Nachdem ich mich als 73-jährige Journalistin für das Seniorweb extra nach St. Gallen bemüht habe, um als Freiwillige über die erwähnte Tagung zu berichten, natürlich auch im Hinblick auf die Senioren, habe ich zu einer angeregten Diskussion beitragen wollen. Vielleicht haben Sie bemerkt, dass der provozierende Titel bewusst mit einem Fragezeichen versehen ist.

Zugegeben: Ich war nicht darauf gefasst, von einem «Sterngucker» dafür einen groben Meteoriten an den Kopf geworfen zu bekommen. Haben Sie’s nicht ein bisschen kleiner?

Übrigens war ich selber erstaunt darüber, dass sowohl der Monitor, den Sie jederzeit auf dem Internet anschauen können, als auch die anwesenden Spezialisten das Engagement der Senioren im informellen Bereich als eher unterdurchschnittlich bezeichneten. Von Feuerwehrmännern und Jugendtrainern im Seniorenalter war nicht die Rede.  Da haben sie nicht richtig hingelesen. Es geht um den allgemeinen Rückgang der Freiwilligen, während sich die aktiven Berufstätigen im mittleren Alter, die ohnehin schon stark belastet sind, aber immer noch mehr engagieren als es offenbar – daran gemessen - die Senioren in ihrem Rahmen könnten. So sahen es die Fachleute an dieser Veranstaltung.

Was nicht bedeutet, dass sich trotzdem viele Pensionäre, so wie Sie, überaus stark engagieren.

Bild des Benutzers Brigitte Poltera

Der Einsatz für eine Idee

Der Titel war im Sinne der Autorin auch provokativ gemeint. Ich fand die Aussage von Dr. Markus Rauh in diesem Artikel bemerkenswert, nämlich es sei der Einsatz für eine Idee, die die Arbeit für uns Rentner wertvoll mache. Für mich gilt das auch. Dass uns die Gesellschaft einfach einspannt für Arbeiten, die sonst niemand erledigen will, das nervt mich - es ist doch mein Alter und meine Zeit. Und die Zeit wird mit zunehmendem Alter immer kostbarer.

Alle, die keinen Respekt vor dem Zeitbudget eines Senioren haben, sind mir mittlerweile suspekt geworden. Im übrigen schliesse ich mich der Meinung von Sterngucker an: Auch ich hüte regelmässig Enkel, pflege meine Familie,  betreue zwei ältere alleinstehende Damen - und je länger je mehr würde ich auch gerne mal einen Nachmittag ganz für mich allein verbringen. Darf ich das? Sicher muss oder sollte ich pro Tag 1 1/2 Stunden für Bewegung aufwenden, um gesund zu bleiben, und diese Zeit aufzubringen, ist mir oft einfach unmöglich.

Freiwilligenarbeit mit Mass, ja, sofern sie auch für mich sinnvoll ist. Beschäftigen muss man mich nicht, einfach darum weil ich älter geworden bin und keinen bezahlten Job mehr finde.

Bild des Benutzers Sterngucker

Der Titel "Drücken sich die Rentner"passt gar nicht zum Artikel

Ich habe den Artikel zweimal gelesen. Rentner kommen darin im "Konstanzer Monitor" vor. Aber keine die "sich drücken" .  DA wäre es besser, zuerst die Erhebungsmethode etwas zu durchleuchten.(Ich glaube nähmlich, dass sich Teilzeitbeschäftigte darum nicht so freiwillig engangieren können, weil sie an verschiedene Arbeitsstellen rennen müssen und dann noch die Kinder versorgen.)

 Vielleicht hat der Schreiberling einfach vergessen, dass Pensionierte wegen dem Alter und der körperlichen  Leistungsfähigkeit in der Feuerwehr und als Jugendtrainer gar nicht mehr eignen oder gar nicht mitmachen können. 

Ich habe 6 jahre lang beim Freiwilligen-Fahrdienst des Roten Kreuzes aktiv teilgenommen und bin rund 2400 Km/Jahr dafür Auto gefahren.  Heute sind wir engangiert mit den Enkeln, welche regelmässig gehütet werden müssen. (Kochen, Spielen, Basteln, Wandern, in den Wald gehen).

Auch die wöchentliche Gymnastic darf ich n(icht auslassen, damit die Beweglichkeit erhalten wird. Zudem organisiere ich die Gymnastic-Gruppe. Theater spielen sei noch erwähnt. Das erfreut die Zuschauer.

Auch meine Einsätze als Samichlaus in der Gemeindeschule zähle ich zur Freiwilligenarbeit.

Schliesslich habe ich ein haus mit Garten, das reichlich Arbeit benötigt (Gemüse, Beeren, Obst, Pflege).

Alle meine pensionierten Nachbarn und Bekannten, sind irgenwo engagiert und meist "voll ausgebucht".