Bild: Giovanni Segantini: Mezzogiorno sulle Alpi, 1891, Mittag in den Alpen, Öl auf Leinwand, 77,5 x 71,5 cm, Segantini Museum, St. Moritz, Dauerleihgabe der Otto Fischbacher Giovanni Segantini Stiftung © foto flury, Inh., Alfred Lochau, Pontresina
Am 15. Januar 1858 wird Giovanni Emanuele Maria Segatini (das „n“ im Namen eignete er sich erst 1879 an) als zweites Kind des Agostino Segatini und Margherita de Girardi im damals österreichischen Arco am Gardasee geboren.
(Nach der Einigung Italiens unter dem ersten italienischen König Vittore Emanuele II, 1861, werden das Trentino und die Heimatstadt Segantinis italienisch. Aus nicht mehr erkennbaren Gründen veranlasst Giovannis Halbschwester Irene, die den zum Vollwaisen gewordenen Bruder nach Mailand geholt hat, 1866 die Annulierung der österreichischen Staatszugehörigkeit, ohne die italienische für Giovanni zu beantragen. Fortan bleibt Segantini staatenlos und „sans papiers“, was später auch eine Vermählung mit seiner Lebensgefährtin verunmöglicht.)
1870 bis 73 lebt Segantini bei seiner Schwester. Hunger und die Gefühlskälte der neuen Familie veranlassen den 15jährigen, Reissaus zu nehmen. Die Polizei greift den Vagabunden auf und steckt ihn in eine Erziehungsanstalt..
1874 kehrt Giovanni nach Mailand zurück, um seinen Wunsch zu verwirklichen, Maler zu werden. Er arbeitet für einen Dekorationsmaler und besucht Abendkurse, bevor er sich ganz dem Studium der Malerei verschreibt.
1879 lernt er den Kritiker und Kunsthändler Vittore Grubicy de Dragon kennen, der mit seinem Bruder zusammen eine Mailänder Galerie führt. Grubicy erkennt das Talent des 21jährigen und wird zu seinem Kunsthändler und Berater. Zeitlebens wird er wichtigster Vermittler von Segantinis Kunst und auch sein Geldgeber sein.
Im gleichen Jahr begegnet Giovanni Luigia „Bice“ Pierina Bugatti (1862 bis 1938), die Schwester seines Studienfreundes Carlo Bugatti. Sie bleibt bis zum Tod des Künstlers an dessen Seite.
1880 zieht Segantini mit Bice zunächst nach Pusiano in der Brianza. Von 1882 bis 1886 kommen ihre vier Kinder Gottardo (1882 bis 1974), Alberto (1883 bis 1904), Mario (1885 bis 1916) und Bianca (1886 bis 1980) zur Welt.
Giovanni Segantini: Ave Maria a trasbordo, 1886, Ave Maria bei der Überfahrt, Öl auf Leinwand, 120 x 93 cm, Segantini Museum, St. Moritz, Dauerleihgabe der Otto Fischbacher Giovanni Segantini Stiftung, © foto flury, Inh., Alfred Lochau, Pontresina
1886 Finanzielle Probleme, aber besonders auch die Liebe zu den Bergen, bewegen die Familie dazu, nach Savognin zu ziehen. Hier verarbeitet er Motive aus dem Dorf- und Alpleben zu grossformatigen Gemälden, die die Bewohner vor allem bei ihren bäuerlichen Tätigkeiten zeigen. In Savognin entsteht u. a. die zweite Fassung von „Ave Maria a trasbordo“, bei der Segantini erstmals die Technik des Divisionismus (eine aus dem Pointilismus erwachsene Malerei des Lichts) anwendet, eine Malweise, die Vittore Grubicy ihm bei einem seiner länger dauernden Besuche erläutert hat.
1889 Für sein Gemälde „Vacche aggiogate“ wird er an der Pariser Weltausstellung mit der Goldmedaille ausgezeichnet. In den folgenden zehn Jahren werden Segantini für seine Werke viele weitere Goldmedaillen, Preise und Auszeichnungen verliehen.
Obwohl sein Name in der internationalen Kunstszene Gewicht bekommt, hat Segantini immer grössere finanzielle Probleme.
1894 treiben ihn Steuerschulden und massive Geldforderungen seiner Gläubiger hoch hinauf in die Berge: Fortan lebt er in Maloja, wo ihn die Leichtigkeit von Luft und Sonnenschein begeistern. Für die Pariser Weltausstellung 1899 plant er ein Tryptichon der Alpen und widmet der Ausführung jede Minute seiner Zeit. In Paris wird dann das Alpentryptichon nicht im Schweizer, sondern im italienieschen Pavillon gezeigt.
Im September 1899 erkrankt Segantini an einer Bauchfellentzündung infolge eines Binddarmdurchbruchs auf dem Schafberg oberhalb von Pontresina. Die Höhe der Hütte (2731 Meter über Meer) und die Witterung machen einen Abstieg ins Tal wie auch eine Operation unmöglich. Giovanni Segantini verstirbt am 28.September 1899 im Beisein von Familie und Freunden. Seine letzten Worte waren: „Voglio vedere le mie montagne...“
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Zur Segantini-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel wäre noch anzufügen, dass die Schau rund 70 Ölbilder und Zeichnungen aus allen Schaffensepochen mit Leihgaben aus aller Welt umfasst. Ein wichtiger Leihgeber u.a. ist das SEGANTINI MUSEUM in St. Moritz.
Wer die Riehener Ausstellung verpassen sollte, dem sei ein Ausflug nach St. Moritz wärmstens ans Herz gelegt, um den dort wunderschön über dem Ort gelegenen Kuppelbau des Segantini Museums zu besuchen. Das ungewöhnliche Gebäude sollte sich nach Plänen des Architekten Nicolaus Hartmann (1880-1956) malerisch in den Berghang einfügen und als Denkmal hervortreten und an den von Segantini entworfenen Pavillon für die Pariser Weltausstellung 1900 anklingen. Das Haus wurde 1909 eröffnet und an die Gemeinde St. Moritz übergeben. Zum neunten Todestag Segantinis, am 28. September 1908, wurde das Museum eingeweiht. In ihm sind rund 50 der wichtigsten Werke Giovanni Segantinis auf Dauer ausgestellt, darunter sein Hauptwerk, das "Alpentriptychon".
Geöffnet ist das Segantini-Museum vom 20. Mai bis 20. Oktober / 10. Dezember bis 20. April, jeweils Dienstag bis Sonntag: 10.00 bis 12.00 Uhr, 14.00 bis 18.00 Uhr. Eintritt sfr. 10.-
Giovanni Segantinis Werk ist über die ganze Welt verteilt. Er starb im Zenith seines Wirkens, in Maloja sollen die Interessenten und Kunstliebhaber Schlange gestanden haben, um ein Werk des Berge- und Alpenkünstlers zu ergattern.
Viele seiner Werke werden in grossen Museen sorgsam gehütet. Nicht alle konnten in der Galerie Beyeler gezeigt werden, denn teilweise sind die Malflächen nicht mehr transportfähig.
Die Urenkelin Diana Segantini, welche heute im Sengantini-Haus in Maloja lebt, hat ihren Urgrossvater nicht mehr selber kennen gelernt. Aber sie hat das Haus Segantinis so gelassen wie es der Künstler bei seinem Tod verlassen hat. Nur ein einziges Werk von Giovanni ist dort noch zu sehen, ein nicht fertig gewordenes Bild der Berge, die Segantini so liebte.
Der Kunststil des Divisionismus
Segantini hat die Berge nicht naturalistisch wie Ferdinand Hodler, nicht mit violetten und intensiven Farben angereichert wie Ernst Ludwig Kirchner, sondern luftig und licht gezeichnet. Ihn faszinierten die Lichteffekte in der reinen Natur, die Berge werden bei ihm zu Allegorien des menschlichen Lebens, aber auch tief empfundener Religiosität, wie das Mädchen auf dem Schiff mit den Schafen. Von den Impressionisten hat er den Pointilismus abgeguckt, mit seinen lichten Farben übertraf er mit dem Divisionismus deren Wirkung und konnte so ideal die von ihm gesehene Bergwelt wiedergeben.
Diana Segantini verwaltet den Nachlass ihres Urgrossvaters. Ihr ist es gelungen, einige Werke in italienischem Privatbesitz aufzustöbern, die bis jetzt noch nicht in der Öffentlichkeit gezeigt worden sind.
Geld besass der stets verschuldete Künstler nie, aber darben musste seine Familie nicht. Der Lebenskünstler und Bon Vivant, das wusste Diana Segantini zu berichten, liebte die italienische Küche und köstliche Bündner, Veltliner und Toscana-Weine. Er soll das Leben eines Bohèmien geführt haben, eines jener glücklichen Menschen, die nie wissen, wie sie am nächsten Tag ihre Familie ernähren können, denen aber Gott immer zur richtigen Zeit einen Käufer, einen Kritiker, einen Künstlerpreis oder einen Galeristen sendet...
Programm zur Ausstellung
Die Ausstellung eröffnet am Sonntag, 16. Januar und dauert bis 25. April 2011. Die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel ist täglich geöffnet von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr.
Segantini am Abend: Reduzierte Eiontrittspreise am 4. Februar, 4. März und 1. April von 18 bis 21 Uhr. Gratiseintzritt für Jugendliche bis 25 Jahre, Abendführung, Art"Duinbner und anderes. Detailprogramm auf der webside der Fondation Beyeler.
Sonntagsmatinée, Konzert mit Solisten des Kammerorchesters Basel, Sonntag, 13. Februar, 11.30 Uhr
Alpenblick während der Museumsnacht Basel, Freitag, 21. Januar, von 18 bis 02.00 Uhr, Lieder und Gedichte von Lienard Bardill.
Künstlergespräch mit dem Engadiner Künstler Not Vital, Mittwoch, 2. März
Roman zum Leben von Giovanni Segantini
Ich habe eben eine packende Biografie zum Leben von Giovanni Segantini gelesen. Sie passt bestens zur laufenden Ausstellung bei Beyeler.
Hier die Angaben: Asta Scheib, Das Schönste was ich sah, Hoffmann und Campe