Das Titelfoto zeigt (von links): Peter Gross, Felix Bohn, Claudia Weber (Moderatorin), Hans Nickl, Simone Gatti (Wohngenossenschaft AM HOF)
Das traditionelle Altersheim hat ausgedient – wir weinen ihm wohl nicht nach! Die Senioren der kommenden Jahrzehnte werden ihre Selbständigkeit so lange wie möglich bewahren, vorwiegend in Alterssiedlungen mit Gemeinschaftsräumen wohnen, verschiedenste Tätigkeiten in der Gemeinschaft übernehmen und nur im Pflegefall in ein Heim mit angemessenen Einrichtungen eintreten.
Dies scheint so neu nicht, bemerkt man doch schon jetzt in vielen Gemeinden die Tendenz, statt einer Erneuerung des Altersheims den Senioren andere Wohnformen zur Verfügung zu stellen.
Das SENE FORUM 2011, veranstaltet von Senevita AG und ihren Partnern, widmete sich in diesem Jahr den Fragen zur Definition der kommenden "Alten", zu Betreutem Wohnen und Pflege. Hochkarätige Fachleute waren dazu eingeladen.
Die Formbarkeit des Gehirns
Während noch vor 10 Jahren verbreitet wurde, dass "die Gene" unsere Gesundheit, unsere Konstitution, ja sogar unser Verhalten bestimmten, weiss die Forschung inzwischen, dass unser Zentralnervensystem, die Grundlage unseres Denkens, Fühlens und Verhaltens, enorm formbar ist. Auch die kleinsten Zellbausteine können stark geformt werden, wenn wir sie aktivieren. Darauf beruht unsere Lernfähigkeit, die wir im Normalfall bis ins hohe Alter behalten. Indem wir uns selbst fordern, gefordert werden, Anregungen aufnehmen und umsetzen, bleiben alle Systeme beweglich und lebendig. Dabei ist unsere Einstellung von grosser Bedeutung: Der Gedanke "Jetzt bin ich alt" hat einen immensen Einfluss auf alle Funktionen. Im Grunde beeinflusst nämlich alles seit der Geburt den Alterungsprozess des Menschen.
Prof. Dr. Andreas Kruse (Foto links), Direktor des Instituts für Gerontologie Heidelberg, legte diese Ergebnisse der gegenwärtigen Forschung einleuchtend und eindrucksvoll vor. Er betonte, wie wichtig gerade die geistig-psychischen Aktivitäten sind. Unsere Gesellschaft sollte also darauf ausgerichtet sein, dass sich jeder Mensch – ob alt oder jung – mitteilen und einbringen kann. Dem Wunsch, an der Gestaltung des öffentlichen Diskurses teilzunehmen und Mitverantwortung zu tragen, sollte die Gesellschaft entgegenkommen, indem sie von ihren älteren Mitbürgern explizit erwartet, dass sie sich beteiligen. Der Grad, inwieweit Intergenerativität funktioniert, kann daran gemessen werden, ob Senioren ihre Erfahrungen und Erkenntnisse an Jüngere weiterzugeben in der Lage sind.
Das dritte Lebensalter ist noch ein Rohling
"Die Senioren von morgen sind nicht mehr die Senioren von gestern", bekräftigte Prof. Dr. Peter Gross, St. Gallen, und wies darauf hin, daß sein Vorredner Andreas Kruse maßgeblich daran beteiligt ist, daß wir heute "Alter" anders begreifen. Der bekannte Satz "Der Mensch ist so alt, wie er sich fühlt", ist wortwörtlich ernstzunehmen. Auch Gross vertritt die Überzeugung, daß wir heute weniger schnell altern. Er sieht die herkömmliche Gliederung, 1. Kindheit und Jugend, 2. Erwachsenenalter, 3. Greisenalter aufgespalten: Heute schiebt sich ein breiter Keil zwischen Erwachsenen- und Greisenalter, eine "Zwischenzone", gleichsam ein Rohling, der erst in den kommenden Jahrzehnten seine Form, seinen "Schliff" erhalten wird. Es liegt an uns und der kommenden Generation, dieser Lebensphase Form und Gestalt zu geben.
In den Angeboten zu Anti-Aging sieht Gross nichts Verwerfliches, denn warum sollte der Mensch, der sich geistig und seelisch noch jung fühlt, nicht auch darum bemüht sein, daß Körper und Aussehen dem entsprechen. Einen weiteren Aspekt gibt Gross zu bedenken: Die älteren Frauen bilden nicht nur zahlenmäßig die Mehrheit, sie übernehmen häufig die Verantwortung und bestimmen damit das Leben der älteren Generation.
Alters- und zukunftsgerechte Architektur
Nach den Überlegungen zur Anthropologie des Alters wandte sich Dipl. Architekt Felix Bohn, Zürich, den Prinzipien zu, denen eine altersgerechte Architektur zu folgen habe. Er zeigte, wie stark sich der Lichtbedarf im Alter erhöht, gleichzeitig aber auch die Lichtempfindlichkeit. Gutes Licht zum Lesen und Arbeiten darf gleichzeitig nicht blenden.
Wer für alte Menschen baut, muß beachten, daß im Alter die Verletzungsgefahr steigt, der Aktionsradius reduziert ist, die physischen Kräfte schwinden und der alte Mensch für seine Bewegungen mehr Raum braucht (z.B. für Gehhilfen).
Einleuchtend erklärte Bohn, daß Bauen für ältere Menschen nicht anders aussehen muß als für "normale" Bauvorhaben. Auch junge Frauen mit Kinderwagen schätzen Hindernisfreiheit, und jeder findet sich in übersichtlichen Strukturen schneller zurecht. Altersgerecht ist grundsätzlich auch behindertengerecht – dies sollte sich jeder Architekt, jeder Bauherr klar machen. Die für beide Bevölkerungsgruppen geforderte Sicherheit und Selbständigkeit fordert geeignete bauliche Maßnahmen. Den Begriff "altersgerecht" hält Bohn für obsolet.
Zugleich warnt Bohn vor einer "Verhätschelung" des Alters. Es hat sich gezeigt, daß Menschen, denen im Heim alles abgenommen wird, schnell ihre Selbständigkeit verlieren, obwohl sie vorher durchaus noch vieles hatten machen können. – Ein gesunder Egoismus sei für jüngere Menschen ebenso hilfreich wie für ältere.
"Schön" muß auch gut benutzbar sein!
Prof. Hans Nickl, Berlin, international als Architekt tätig, lenkte den Blick auf folgende Fragen: Was bewirkt Architektur beim Betrachter bzw. bei den Bewohnenden? Wohnen hat ja auch einen hohen emotionalen Wert. Wie kann sich in Gebäuden ein angenehmes Wohngefühl mit einfacher praktischer Benutzbarkeit verbinden? Und schließlich die wichtige Frage: "Wer pflegt mich im Alter?"
Um seine Vorstellungen zu illustrieren, stellte Hans Nickl das Wohnmodell vor, das er im bayrischen Landsberg am Lech verwirklicht hat: Eine Siedlung in günstiger Lage, nahe am Ortskern, aber ruhig und im Grünen umfaßt mehrere Gebäude mit preiswerten Alterswohnungen, in denen alle Möglichkeiten der Betreuung zur Verfügung stehen, daneben kleinere Häuser für Menschen, die sich noch nicht im Seniorenalter befinden.
Architektur - menschengerecht, nicht demenzgerecht.
Der Leiter der Sonnweid in Wetzikon ZH, die in der Schweiz führende Institution für Demenzkranke, Michael Schmieder, betrachtete Gebäude und Räume aus dem Blickwinkel seiner 20jährigen Erfahrung mit Demenzkranken. Ihm geht es um die kranken Menschen selbst, nicht um die beschwerlichen, angsterregenden Formen dieser Krankheit. Die Umgebung sei für diese Menschen wichtig, sagte er, aber entscheidend seien die Beziehungen des Umfelds zu ihnen. Von Architekten und Planern fordert er, daß sie sich mit den Gewohnheiten und den Defiziten der Erkrankten konkret auseinandersetzen und erst danach zu planen beginnen.
Demenz zeichnet sich dadurch aus, daß der Betroffene zunehmend weniger soziale Normen und Rollen einhalten kann. Bei Demenzkranken bezeichnet man die sonst unauffällige Gewohnheit des Herumlaufens oft als scheinbar krankhaften "Wandertrieb". Dabei erleichtert man diesen Menschen ebenso wie dem Betreuerteam den Alltag sehr, wenn sie ausreichend Raum zum Laufen zur Verfügung haben, z.B. auch in einem weitläufigen Garten. Demenzkranke brauchen wenig Privatbereich, aber viele Möglichkeiten dabeizusein, ohne bloßgestellt zu werden. Sie brauchen wie jeder Mensch Wertschätzung. Dem sollte auch im Bereich der Architektur Rechnung getragen werden.
"Gebäude-Intelligenz" – dein Haus als Schutz und Helfer
Beispiele für technische Neuerungen stellte Prof. Alexander Klapproth von der Fachhochschule Luzern vor. Sein Fachbereich ist seit 2008 an dem europäischen Forschungsförderprogramm "Ambient Assisted Living" beteiligt, dessen Ziel darin besteht, einfache, kostengünstige, effiziente technische Hilfsmittel zu entwickeln, die es den Anwendern z.B. durch einen Sturzsensor ermöglichen, bis ins hohe Alter autonom zu bleiben. Klapproth und seine Mitarbeiter haben festgestellt, daß sie nur dann erfolgreich arbeiten, wenn sie ihre Arbeit damit beginnen, den Betroffenen zuzuhören, und dadurch ihre Probleme erkennen.
Dabei verschließen die Techniker ihre Augen nicht vor Problemen: Abzuwägen bleibt z.B., wie der Schutz der Privatsphäre gegenüber dem Schutz durch Überwachung zu gewichten sei. Ebenso müssen Fragen wie Elektrosmog und Energieverbrauch gelöst werden.
Farbe als Gestaltungsmittel
"Die Farbe in der Architektur, ein ebenso kräftiges Mittel wie der Grundriß und der Schnitt" hatte Le Corbusier 1936 festgestellt. Jürg Winterberg, CEO der Denz AG in Nänikon ZH, erklärte an vielen Beispielen, daß Farben im Raum eine atmosphärische, konstruktive und dynamische Funktion haben. Die Polychromie von Le Corbusier dient der Denz AG als Grundlage für ihre Farbkonzepte.
Konkrete Beispiele – und ihre Finanzierung
Zum Abschluß wurden die Wohngenossenschaft AM HOF in Köniz BE und die Altersresidenz Multengut in Muri BE als zwei aufschlußreiche Beispiele für moderne Alterseinrichtungen vorgestellt, an denen die Gebäudeversicherung Bern finanziell beteiligt ist. Patrick Lerf, Leiter Finanzen dieser Gesellschaft, erklärte die große Bedeutung, die man den Investitionen in Altersimmobilien beimißt.
Die von der Senevita AG (Foto rechts: Beat Fellmann, CEO von Senevita AG) ausgezeichnet organisierte Tagung, bei der auch für das leibliche Wohl hervorragend gesorgt wurde, gab neben den vielen Vorträgen genügend Raum zu Information und Diskussion unter den Teilnehmenden.
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Wohnnen für Senioren in Zukunft
Allegra Maja,
Herzlichen Dank für deinen Bericht zum Sene-Forum. Eine wirklich gute Sonntagmorgen-Lekture. Da sind die Hirnzellen noch frisch und wer weiss, auch einbischen vom grossen Geist beflügelt. salüds Hans