Freizeit

Aus der Schule geplaudert oder: Klassenfoto

Aus der Schule geplaudert oder: Klassenfoto

Spanischkurs in Gran Canaria 3

Mandelblüte

Zwei bis acht oder auch zwölf Wochen Spanisch in Gran Canaria, das machen Sprachstudentinnen oder Maturanden, die nicht nur lesen, sondern auch sprechen wollen, Pensionierte, denen Sprachen lernen ein Hobby ist, Businesswomen, die unvermittelt eine karriereträchtige Stelle in der Abteilung für Südamerika bekommen haben, Unternehmer, die spanisch können müssen und junge
Frauen, die als au pair Kinder betreuen. So ist das in der sieht die Klasse aus. Nun zu einzelnen auffälligen Köpfen auf dem Klassenfoto (aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes sind die Namen geändert):

N wie Nora aus Norwegen: Lebenskünstlerin anfang 60, hat ein kluges Konzept zum leben: Siehat es sich so eingerichtet, dass sie wintersüber nicht im düsteren und kalten Oslo sitzen muss, sondern irgendwo im Süden, wo es warm ist, das Leben geniessen kann. Nein, sie ist weder reich noch ein Hippie, ihre Rente bekommt sie auch noch nicht. Aber als sie keine familiären Pflichten mehr hatte und auf berufliche freiwillig verzichtete, beschloss sie vor einigen Jahren, dass der Winter im Norden ein für allemal ohne sie stattfinden würde. Sie war monatelang in Argentinien, hat auch schon Guatemala besucht, und diesen Winter verbringt sie auf den kanarischen Inseln, teils mit alten Freunden, die zu den Winterzugvögeln von Playa del Ingles, dem Pauschalferienparadies, gehören, teils im Spanischunterricht, weil es ihr beim Nichtstun am Strand zu langweilig und bei den Festen der Skandinavier im Ausland zu feuchtfröhlich ist. Wie Nora das finanziert: Sie lebt von den Zinsen ihrer Ersparnisse, allerdings nicht jenen, die bei jedem globalen Finanzcrash gefährdet sind, sondern vom Mietzins, den sie für ihre zwei Wohnungen an guter Lage in Oslo bekommt. Da sie keine Luxusansprüche hat, kann sie machen, was ihr passt, ausser nach Oslo heimfahren. Aber schon jetzt freut sie sich auf Ostern in Norwegen. Dann sollten die Wasserleitungen im Sommerhaus auf dem Land nicht mehr gefroren sein.

Mein Schulweg in Gran Canaria

S wie Sören aus Schweden: Sören war früher mal Gymnasiallehrer für englisch und französisch, aber das ist reichlich lange her. Er kann auch deutsch und spanisch fliessend. An der Sprachschule ist er schon viele Jahre lang der älteste Schüler und oft der beste von allen. Was für ihn der Spanischkurs sei ist für den 87jährigen keine Frage: das Hirn herausfordern, damit es ihn die Ärgernisse des Körpers mit seinen vielfältigen Altersgebrechen vergessen lässt. Auch Sten geht es wie vielen Skandinaviern darum, die kurzen Wintertage zuhause zu meiden und für einige Wochen auf den Kanaren einzuschwärmen. Stammgast an der Schule, hat er auch seinen Stammplatz am Mittagstisch. Und am Sonntagabend geht er mit allen, die mögen, auf ein Glas in eine Bodega. Aber die Beine wollen nicht mehr recht, das Gehör auch nicht. Seine Liebenswürdigkeit, gepaart mit witziger Ironie ist noch die alte. Was wohl aus der Schule wird, wenn der Schwede dereinst nicht mehr kommt?

D wie Detlev aus Deutschland: Der 55jährige Unternehmer im Sportbusiness hat sich als erstes in Las Palmas ein Velo gekauft, damit fährt er von der Unterkunft in die Schule und wundert sich, dass die Polizei nicht reagiert, wenn er die Einbahnstrassen in der Gegenrichtung befährt. Unerbittlich wird offenbar nur eingeschritten, wenn andere Vehikel als Kinderwagen oder Elektrorollstühle auf der Strandpromenade auftauchen. Detlev besuchte zunächst den für ihn passenden Kurs, aber dem Zielbewussten ging es einfach zu langsam vorwärts, also Zeitverschwendung. Als ab Mitte Januar seine Firma forderte, besuchte er statt vier Lektionen in der Gruppe zwei Privatstunden. Da könne er ausserdem selber bestimmen, freut er sich, was er lernen wolle und wie schnell. Als Jurist geht er Grammatikfragen gern auf den Grund, kann sich mit der mangelnden Präzision in der Philologie oft nicht abfinden und möchte der Sprache am liebsten ein rechtliches, nicht interpretierbares Korsett schnüren.

Pawel und Paulina aus Polen: Zwar hat das Ehepaar mit Kind keine Wohnungen in Warschau zu vermieten, aber Lebenskünstler passt auch. Der junge Ökonom, der sich aufs lukrative Finanzgeschäft spezialisiert hat, arbeitet zeitgemäss mit dem Internet. So sei es – sagt er – völlig gleichgültig, wo sein Computer stehe. Im Augenblick steht er in der gemeinsamen Wohnung, aber Pawel will kein Hausmann sein, er mag es traditionell: er bringe das Geld, seine Paulina soll es wieder ausgebenFamilie da sein. Die beiden 30jährigen kamen mit ihrer Tochter vor wenigen Monaten nach Gran Canaria und je länger je mehr sind sie fest entschlossen, regelrecht einzuwandern. Bereits hat Pawel die kanarische Autonummer gelöst, mit Vitamin B, daher sei es etwas schneller gegangen. Seit die 11jährige Tochter ins Colegio geht, lernen Pawel und Paulina jetzt korrektes Spanisch, die Hausaufgaben der Chica seien oft schwieriger als jene vom Sprachkurs, meinen sie beim Pausenkaffee.

Emily aus England: Fast kennt Emily (34) die Insel Gran Canaria besser als der einheimische Schulleiter samt allen Lehrerinnen und Lehrer. Ein paar Jahre lang hat sie Touristen im Landesinnern geführt, Wohnhöhlen gezeigt, sie auf Lava rumklettern lassen und sie jeden Januar in die Mandelblüte, jeden Februar an den Karneval geführt. Da sie ungewollt eine Arbeitspause macht – die britische Organisation, für welche sie arbeitete, hat ihre Stelle eingespart – lernt sie noch besser spanisch. Ihr Anliegen ist die Oekologie, Gran Canaria hat grosse Gebiete die noch ursprüngliche Natur sind, aber der Bauboom macht nicht Halt, die Abfallberge wachsen, und der von der Regierung verordnete gesetzliche Schutz der Landschaft ist mitunter ein Papiertiger. Darum engagiert sie sich bei den jungen grünen Organisationen auf der Insel.

Dana aus Deutschland: Zwei Kinder, die die deutsche Schule besuchen, Eltern, die von früh bis spät ausser Haus sind, eine halbe Menagerie mit Esel, Hund und Hühnern, die von letzterem mitunter gefressen werden, sowie einer Köchin und Haushälterin – das ist Danas Umfeld im laufenden Jahr. Das Au-Pair-Girl fährt zudem werktags zum Spanischkurs nach Las Palmas, mit dem Auto, denn ihr Wohnort liegt schön, aber nicht verkehrsgünstig. Nachmittags hat sie frei, bis die Kinder um sechs von der Schule abgeholt werden müssen. Obwohl diese aufbleiben, bis Papa und Mama daheim sind, fühlt sich die gerade mal 20jährige Dana nicht ausgenutzt, im Gegenteil. Am Wochenende arbeitet sie nicht, dann trifft sie sich mit anderen Au-Pairs in einer grossen Bar oder Diskothek und erfreut sich der allseitigen Bewunderung, weil man blond, schlank und gross ist.

Eva aus der Schweiz.: Vor Jahren suchte die Journalistin im Internet eine Sprachschule, um ihr Schulspanisch aufzubessern. Sie brauchte die Sprache eigentlich nie, aber die Liebe zu Las Palmas ist geblieben: zur Stadt mit dem Minicopacabana-Strand, an dem sich neben ein paar Touristen ebensoviele Kanaren vergnügen – ältere Frauen die täglich Bingo spielen, sportliche Männer, die ihre Leibesübungen im Sand vorführen, bevor sie zur Arbeit gehen, Liebespaare denen der Sand und alles drum herum egal ist , Väter, die ihre Kleinkinder fröhlich in die Wellen treiben, undsoweiter. Keinen halben Kilometer Richtung Stadtzentrum  ist von Strand, Souvenirläden oder Glacéständen nichts mehr zu merken, da lebt eine spanische Grossstadt mit Seehafen, zuvielen Autos, Geschäften, Banken und Bars.  Und das alles im Land, wo zwar nocht nicht die Zitronen, aber die Mandeln blühen und das Landesinnere wie mit Zuckerguss überziehen.