Gesundheit

Gesundheit, Spital und Lebensräume

13. Jahrestagung von forumsante in Bern

Prof. Roger Darioli, UNIL, Lausanne und Martin Lysser, Zentrale Informatik, Inselspital, Bern, referieren über den Umbruch im Schweizerischen Gesundheitswesen. Fünf weitere Refenten ergänzen mit Informationen aus ihrem Arbeitsbereich und aus ihrer Sicht.

Prof. Roger Darioli: Mit der neuen Spitalfinanzierung ab 1.1.2012 wird vermehrt ein Wechsel von der ambulanten Behandlung zur integrierten Versorgung angestrebt. Es stellt sich die Frage: Sind 350 Spitäler notwendig, oder genügen 200? Weil der Anteil der über 65-Jährigen stark zunimmt, verändern sich die Leistungsbedürfnisse. Mit der grösseren Lebenserwartung steigen auch die Kosten. Gesundheits- und "Langzeitkrankheitsmanagement" werden immer wichtiger. Die Erneuerung des Spitalangebotes muss gemäss den anstehenden Aufgaben erfolgen:

  • Regionale Erneuerung des Spitalangebots entsprechend den anstehenden Aufgaben anstatt gemäss kantonaler Planung

  • Grundversorgung durch Akutspitäler, die auch lebensbedrohliche Notfälle übernehmen können.

  • Spezialkliniken, die auch Spezialbehandlungen im medizinischen und chirurgischen Bereich  anbieten.

  • Hochspezialisierte Einrichtungen, die zusätzlich spitzenmedizinische Behandlungen bzw.  Leistungen erbringen

  • Strukturen für Langzeitpflege und Rehabilitation.

Martin Lysser: Mit der Erneuerung müssen bestehende Plattformen genutzt werden, z.B. die Zusammenlegung stationärer und ambulanter Bereiche, Konzentration von Fachteams und Spezialgeräten. Soll man Spitäler schliessen? Auch in der Peripherie muss der Spitalzugang jederzeit gewährleistet sein. Es darf keine Ungerechtigkeit gegenüber abgelegenen Gebieten entstehen. Auch dort braucht es wissenschaftliche Erfahrung. Nicht alle Regionen benötigen die gleiche Versorgung. In der Schweiz gibt es Dörfer, die keine unter 65-jährigen Einwohner mehr haben. Die Spitäler müssen sich neu ausrichten: Über die Sprach- und Kantonsgrenzen, eventuell über die Landesgrenzen, mit disziplinenübergreifenden managed-care-systemen. Die DRG (Diagnosebezogene Fallgruppen) dürfen nicht zur Klassifikation von Leistungen führen. Das Gesundheits-Risiko-Management muss besser gehandhabt werden..

Die SwissDRG AG ist gemäss der gesetzlichen Vorgaben (Art. 49 KVG) zuständig für die Erarbeitung und Weiterentwicklung sowie die Anpassung und Pflege des SwissDRG-Fallpauschalensystems zur Abgeltung der stationären Leistungen der Spitäler. Die  schweizweite, tarifwirksame Einführung erfolgt am 1. Januar 2012.

Dr. Yolanda Espolio-Desbaillet, Chefärztin Val-de-Travers:

Die Spitalplanung im Val-de-Travers in der Realität

Die Grundversorgung im Val-de-Travers ist verhältnismässig gut. Die Bevölkerung hat aber den Verlust des eigenen Spitals in Couvet weder verstanden noch verkraftet. Im Spital bestehen heute nebeneinander eine Geriatrieabteilung und eine Poliklinik mit 24-Stunden-Versorgung. Acht Fachärzte aus dem übrigen Kanton Neuenburg führen regelmässig Sprechstunden in Couvet. Die praktizierenden Ärzte leisten ihren Notfalldienst in der Poliklinik. Die umfassende medizinische Versorgung muss auch gewährleistet sein, wenn das Val-de-Travers von der Aussenwelt abgeschnitten ist. Wegen der Pensionierung der heute praktizierenden Ärzte müssen in den nächsten zehn Jahren Nachfolger gesucht werden.

Öffentliches Gesundheitswesen:
Gewährleistung einer angemessenen medizinischen Versorgungsdichte (Notambulanzen, medizinische Versorgung vor Ort und Hausärzte)
Politik
Frühzeitige Bedarfserkennung der Bevölkerung und Hilfe bei der Entwicklung eines qualitativ hochwertigen, (sozialen und allumfassenden) ökonomischen Gesundheitssystems
Gesundheitsplattform
Strukturvorteil: Anbindung an die medizinische und technische Spitalplattform
Einfachere Niederlassung (entsprechend eingerichtete Räume, günstige Miete)
Innovatives Projekt
Dynamik der potentiellen jungen Kollegen

Ausbildung:
Praxisassistenz

Coaching von Nachwuchsmedizinern durch erfahrene Kollegen, Haus- und Spitalärzte

Annamaria Müller Imboden, Vorsteherin Spitalamt Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern:

Gemeinde, Kanton, Bund? Die Spitalplanung auf dem richtigen Niveau

Seit 1999 sind im Kanton Bern zwölf Spitäler geschlossen oder umgewandelt worden. Der Kanton ist mit der Übernahme der Finanzierung und Verwaltung Eigentümer geworden. Es sind sechs Spitalregionen entstanden. In Bern befinden sich überdurchschnittlich viele Privatspitäler. Mit der Spitalfinanzierung sollen Behandlungen mitfinanziert, statt Aufwände gedeckt werden. Es muss angenommen werden, dass die Spitäler ab 2012 ein Interesse bekunden werden, möglichst lukrative Patienten zu behandeln. Die Patientenströme werden sich verändern. Um dieses Phänomen möglichst tief zu halten, muss eine umfassende Planung mit den ausserkantonalen Institutionen stattfinden. Die guten Infrastrukturen sollen gemeinsam genutzt werden. Die Akutversorgung muss in den abgelegenen Gebieten wie in den Städten gewährleistet sein. Auch die Ausbildung des Gesundheitspersonals wird sich von einer mehrheitlichen Akutpflege zu vorwiegend Langzeitpflege verändern. Es werden wohl noch mehr Akutspitäler geschlossen und Gesundheitszentren eröffnet werden.

PatientInnen gehen vermehrt in die Zentren,
„Treue“ zu jeweiligem regionalen Spitalstandort nimmt ab

Innerhalb Spitalversorgungsregionen:
Konzentration auf Hauptstandorte

Generell: Konzentration auf Spitäler in Bern
(Inselspital, Privatspitäler)

Erika Ziltener, Präsidentin Dachverband Schweizerischer Patientenstellen, Zürich:

Endlich den Patienten ins Zentrum stellen! Wie der Parcours der Patienten verbessert werden kann.

Die Patienten wollen nicht nur untersucht, sondern ernst genommen, behandelt und geheilt werden. Sie wünschen sich einen Arzt, der sie durch den Dschungel des Gesundheitswesens führt. Vertrauen ist ein äusserst wichtiger Faktor zwischen Arzt und Patient. Die Medizin, die sich am Heilen von Krankheiten orientiert, steht oft der Spezialitätenmedizin mit ihrem Wunschdenken gegenüber. In einem Gesundheitscoaching muss der Patient befähigt werden, selbst Entscheidungen zu treffen.

„Vertrauen ist für alle Unternehmungen das große Betriebskapital,
ohne welches kein nützliches Werk auskommen kann.
Es schafft auf allen Gebieten die Bedingungen gedeihlichen Geschehens.“ 
Albert Schweitzer, deutscher Arzt, Musiker, Philosoph und Theologe (1875 - 1965)

Dr. Guido Schüpfer, CO-Schefarzt, medizinische Direktion, Kantonsspital Luzern:

DRG what else? Was passiert vor und nach der DRG (siehe oben und Anhang))
Die Gesamtkosten werden nach Überzeugung von Dr. Schüpfer nicht sinken. Das System erfordert grosse Verbesserungen. Bezüglich Datenschutz besteht eine Rechtsunsicherheit. Der Kontroll(BfS)-Datensatz für die Versicherer ist eine Pseudoanonymisierung. Mit den Fallpauschalen wird für weniger Leistung gleich viel bezahlt, wie für eine ähnliche, aufwendigere Behandlung. Die unfaire Patienten-/Diagnoseselektion muss verhindert werden. Es muss eine Transparenzplattform bezüglich Preisbildung und Qualität geschaffen werden (Anhang).

Prof. Thomas Zeltner, ehemaliger Direktor Bundesamt für Gesundheit:

"Jedem Tälchen sein Spitälchen? Nein danke!"

Die Grundversorgung (auch Spitalgrundversorgung) muss lokal garantiert sein. Patienten dürfen nie ohne ihr eigenes Verlangen von den Angehörigen getrennt werden. Für einfachere Abklärungen und Behandlungen ist es ein Vorteil, diese lokal durchführen zu können. Ideal wären gut geführte medizinische Netzwerke in einer Grösse von ca. 200 000 Personen. Die Kostenspanne zwischen gut und schlecht geführten Spitälern betrage ca. 30%. Zur Führungskompetenz gehört auch, das Personal für seine Aufgaben zu begeistern und es zu fördern.

Angehörige von Gesundheitsberufen brauchen unsere Fürsorge. Damit sie im Stande sind, ihre Patienten mit voller Hingabe zu pflegen und zu betreuen , müssen sie spüren, dass ihre Vorgesetzen die Ueberzeugung haben, dass ihr Leben und ihre Gesundheit um keine Spur weniger wichtig ist als die ihrer Patienten. Bob Chapman

Fazit: Medizinische Netzwerke werden disziplinenübergreifend, über Grenzen hinweg zusammenarbeiten. 

 
 
 
 

Kommentare

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Gesundheit, Spital und Lebensräume

Liebe Marie-Therese

da hast Du einen brisanten, hochinteressanten Artikel
geschrieben. Ich frage mich schon lange welchen Lauf
dies noch nehmen wird. Das Zieglerspital wird ja nun
auch geschlossen. Und was dann? Fragen über Fragen!

Vielen Dank für die grosse Arbeit.

Gib jedem Tag die Chance, der Schönste deines Lebens zu werden. Mark Twain