Kultur

Zeichnung, Leben und Vergänglichkeit

Zeichnung, Leben und Vergänglichkeit

Einen Kunstparcours ganz besonderer Art präsentiert uns das Aargauer Kunsthaus.

 

 

Gleich vier ungewöhnliche Ausstellungen sind derzeit im Aargauer Kunsthaus Aarau zu sehen. Mal abgesehen von der Sammlung, die wohl als die umfassendste Sammlung Schweizer Kunst bezeichnet werden darf und das ganze Jahr hindurch – in wechselnden Präsentationen - ungemein sehenswert ist.

Eine spannende und von der Kuratorin Julie Enckell vom Musée Jenisch in Vevey zusammengestellte tour d’horizon durch die gegenwärtige Schweizer Szene der ZeichnungskünstlerInnen eröffnet den Parcours. Dieser geht nahtlos über in die bereits seit anfangs Dezember eingerichtete Hängung von 32 Werken aus der Aargauer Sammlung „Im Reich der Zeichnung". Ein eigener Raum ist dem installativen Werk „Wirtschaftslandschaft Davos 2001“ von Thomas Hirschhorn gewidmet. Und im Untergeschoss treffen wir auf die ebenso poetischen wie phantasievollen riesigen Fotosequenzen der Schweizer Performance- und Fotokünstlerin Manon.

Schweizer Kunst also, wohin man blickt. Wenn man nun vorschnell meinen würde, das sei alles déjà vue und mehr oder weniger unbedeutend, wird sehr schnell eines Besseren belehrt.

Voici un dessin suisse

Dieser Querschnitt durch die Zeichenkunst von über 40 Kunstschaffenden aus der Schweiz bestätigt nicht nur das Wissen um die hohe Qualität der bisher arbeitenden und bereits etablierten Schweizer KünstlerInnen, sondern führt uns die erstaunliche Entwicklung auch der jüngeren Künstlergeneration in dieser fragilen Kunstsparte vor Augen. Neben der traditionellen Zeichnung auf Papier werden seit den 1990er Jahren vermehrt auch andere Trägermaterialien ausgelotet, sei es auf Decken oder auf Glas, seien es installative Elemente: die Zeichnung sprengt die Zweidimensionalität und tastet sich in die dritte Dimension vor. 

Im  Stil sei, so die Kuratorin Enckell, eine deutliche Hinwendung zur figürlichen, gegenständlichen Kunst feststellbar – relativ wenige Werke dieser Auswahl sind ungegenständlich. Jede Auswahl trägt aber auch den Stempel ihrer Macher. Und so scheint es auch, als ob sich auch die hier natürlicherweise in leichter Überzahl befindlichen Romands von der abstrakten Darstellung abwenden, zumindest in der Zeichenkunst. Dafür setzen sie aber oft Witz und hintersinnige Titel und Texte ein. Aber gerade diese Begegnung mit der Sichtweise einer jungen Kuratorin aus der Romandie schenkt uns einen ungemein spannenden Blickwinkel. Wer sich, auch mit 50+, immer noch für die neuesten Entwicklungen interessiert, erhält hier einen nicht alltäglichen Einblick.

Davos vor 10 Jahren

Ein berühmtes „Enfant terrible“ der Schweizer Kunstszene ist der 52jährige Lenzburger Thomas Hirschhorn. Er ist einer der wenigen konsequent mit gesellschaftskritischem Engagement arbeitende Schweizer Künstler, der mit seinen provokanten Installationen bereits öfters Furore gemacht hat und inzwischen einer der international erfolgreichsten Schweizer Künstler ist.  Eines seiner Schlüsselwerke, die grosse Installation „Wirtschaftslandschaft Davos“ von 1991, konnte nun vom Kunsthaus Aarau erworben und als Dauerinstallation eingerichtet werden. Das begehbare Panorama des armee- und waffenstarrenden Ortes innerhalb der Wintersport-Idylle Davos konnte nun – nach seiner Präsentation in Zürich - nach 10 Jahren WEF und punktgenau während der WEF-Eröffnung 2011, dem Publikum in Aarau zugänglich gemacht werden. Fotos können dem Raum mit seinen Hunderten von Details, Notizen, Presseberichten und auch dem Dokumentarfilm „Konfrontation“ von Rolf Lyssy nicht gerecht werden. Zum von Hirschhorn geforderten Ausstellungsprinzip gehört auch die Einbeziehung von passenden Originalwerken aus der jeweiligen Museumssammlung. Und so stehen wir unvermittelt Originalbildern von Ernst Ludwig Kirchner und einer Holzskulptur von Hermann Scherrer gegenüber. Also: Unbedingt hingehen und selber urteilen!

Poesie der Vergänglichkeit

Auch der Rundgang durch die grossartige Reihe von installativen Fotoarbeiten der bekannten Zürcher Künstlerin Manon (sie arbeitet sei nunmehr 27 Jahren unter diesem Pseudonym) müsste live erlebt werden. In diesem Zyklus „Hotel Dolores“ hat sie nach langen und sorgfältigen Vorbereitungen in den verlassenen und beinahe schon verfallenen Bäderhotels aus Baden bei Zürich fotografische Innovationen erarbeitet. Zum Teil ist sie selbst – in immer wechselnden Verkleidungen – in diesen überlebensgrossen Fotos sichtbar, zum Teil inszeniert sie in all dem heruntergekommenen, verblassten Glanz früherer Zeiten Environments von bestechender, morbider Schönheit.

Manon gibt hier mit rund 30 Arbeiten einen allerersten Einblick in das weitaus umfangreichere Gesamtprojekt „Hotel Dolores“. Sie hofft, das Werk abschliessen zu können, bevor im Bäderquartier die Abrissbagger auffahren. Manon: "Zeit wird knapp und kostbar". Eine zu Ende gegangene Zeit, bildnerisch und poetisch interpretiert von einer schönen Frau von heute: Vergänglichkeit von ihrer faszinierendsten, melancholischen Seite und – sehr weiblich! Manon drückt es in einem Gespräch so aus: „Das Leben, die Vergänglichkeit, der Tod“. Schöner kann man das kaum illustrieren.

Aargauer Kunsthaus Aarau: 
Voici un dessin suisse. 1990-2010
Im Reich der Zeichnung
Thomas Hirschhorn. Wirtschaftslandschaft Davos
Manon. Hotel Dolores

Bis 25. April 2011. Katalog „Voici un dessin suisse“ (D/E/F) - oben abgebildet. 
Alle Fotos sind dem Katalog "Voici un dessin suisse" entnommen.
Zur Ausstellung erschien eine Sonder-Edition eines Manon-Fotos aus "Hotel Dolores", Auflage 25 Ex.

www.aargauerkunsthaus.ch

         

 

Kommentare

Bild des Benutzers ulla

Kunsthaus Aarau

Danke für diesen Hinweis. Ich habe jeweils das Kunsthaus Aarau regelmässig besucht und die Ausstellungen stets sehr genossen. Leider habe ich dies anderer Aufgaben wegen etwas vernachlässigt, doch habe ich jetzt vor, dies wieder vermehrt zu tun. Merci also für diesen Impuls.