Genähte Schramme an der Augenbraue, blaue Flecken, Pflaster. Was haben die mit meiner Mutter gemacht? ist möglicherweise der erste Gedanke, der einem Angehörigen, der im Pflegeheim zu Besuch ist, durch den Kopf schiesst. Sie sei gestürzt, die Auskunft des Pflegepersonals. Ob denn da keine Betreuerin aufgepasst habe? Doch, in jedem Pflegeheim und auf jeder Demenzabteilung sind rund um die Uhr mehrere Pflegepersonen anwesend. Trotzdem kann ein Sturz passieren. Die Bewohner des Heims dürfen sich frei bewegen, auch wenn sie nicht mehr gut zu Fuss sind. Die Alternative sei der Rollstuhl mit Tischchen, hinter dem ein Mensch so gut wie eingesperrt ist – oder Beruhigungsmittel, erklärt die Pflegefachfrau des Bürgerheims St. Gallen. Sie kommentiert einige der Fotos an den Wänden und gibt den Ausstellungsbesuchern Auskunft aus ihrem Pflegealltag.
Die Ausstellung im Kulturraum des Regierungsgebäudes, die am 14. Januar eröffnet wurde, zeigt grossformatige Nahaufnahmen von Gesichtern, die teils sehr direkt dem Blick der Besucher im Raum begegnen. Wer betrachtet da wen, ist man versucht zu fragen. Die beiden an der Führung vom vergangenen Sonntag anwesenden Pflegefachfrauen haben Erfahrung. Sie hätten gelernt, in den Gesichtern zu lesen, Emotionen zu erraten und feinfühlig auf diese Menschen einzugehen, denn meistens seien diese selber nicht mehr in der Lage, ihre Befindlichkeit verbal auszudrücken. Natürlich gelinge es nicht immer, einer demenzkranken Person gerecht zu werden, da wie bei gesunden Menschen die Stimmung schnell umschlagen könne. Aggression oder auch Trauer komme manchmal ungebremst zum Ausbruch, da sei sehr viel Empathie gefordert. Man müsse diese Menschen gern haben, um im täglichen Umgang mit ihnen nicht auszubrennen. Dass Angehörige mit der Pflege eines an Demenz erkrankten Familienmitglieds oft überfordert sind, ist verständlich.
Man muss Demenzkranken manchmal ungewohnte Zugeständnisse machen, von selbstverständlichen sozialen Regeln des Zusammenlebens wie z.B. Sauberkeit beim Essen absehen können, die unbequeme Mehrarbeit akzeptieren, um eine gewisse Selbständigkeit des kranken Menschen zu erhalten. Die Suche nach der richtigen Behandlung ist eine tägliche Gratwanderung.
Der in Hannover gebürtige Fotograf Peter Granser, einer der profiliertesten Fotoreporter Deutschlands der Gegenwart, hat während längerer Zeit Alzheimerpatienten in einem Altenheim in Stuttgart fotografiert. Mit seiner Dokumentation möchte er diesen alten Menschen, welche zu einer zunehmend grösser werdenden Gruppe von Pflegebedürftigen gehören, eine Öffentlichkeit geben. Für seine Werkserie, die jetzt in St. Gallen zu sehen ist, hat er den Deutschen Sozialpreis erhalten.
Die Ausstellung mit dem Titel „Was soll ich sagen? Alzheimer.“ ist noch bis am 6. März zu sehen und von Mittwoch bis Freitag 15 bis 19 Uhr, an den Wochenenden von 14 bis 17 Uhr geöffnet.
Zu Peter Granser:
Peter Granser — Chronist des Lebens, GEO.de
Peter Granser in der Kunsthalle Tübingen
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