Winterlandschaft mit Möwen, 1931, Öl auf Karton, 49,5 x 57,5 cm, Fondation Saner, Studen
Die Schau ist als Retrospektive – als erste grosse Dietrich-Ausstellung in der Region Bern – Biel - Seeland angelegt, umfasst 70 Bilder, 12 Zeichnungen und 20 Fotografien Dietrichs und dauert noch bis Ende Februar.
Die Museumsdichte der Schweiz ist beeindruckend. Nebst den renommierten Sammlungen und Galerien der grossen Städte gibt es auch abseits der Zentren exquisite Kunst-Häuser. Die Fondation Saner Studen mit Inhaber Gerhard Saner (73), Kunstkenner und Gründer der „Stiftung für Schweizer Kunst“ hat in 50 Jahren die weitaus grösste Kunstsammlung der Region Bern-Biel-Seeland zusammengetragen, welche die wichtigsten Exponenten der Schweizer Kunst des 20. Jahrhunderts umfasst. Sie reicht von Ferdinand Hodler bis Dieter Roth, in ihrem Zentrum stehen die Zürcher Konkreten.
Zwei Jahre nur, nachdem die Stiftung 2009 mit der Ausstellung Hans Brühlmann einen anderen wichtigen (und fast gleichaltrigen) Thurgauer Künstler dem Vergessen entrissen hat, macht sie jetzt mit dieser Ausstellung erneut auf eine Künstlerpersönlichkeit aufmerksam. Als einer der Hauptvertreter der Naiven Malerei hat Dietrich internationalen Rang. Die bemerkenswerte Ausstellung des bekannten Schweizer Künstlers ist die erste im Seeland.

Selbstbildnis, 1918, Öl auf Karton, 52 x 37 cm, Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte, Winterthur
Die Fondation Saner zeigt damit in einer Retrospektive den sicher bedeutendsten Schweizer Naiven des 20. Jahrhunderts, nämlich Werke des 1877 in Berlingen am Untersee geborenen und 1957 verstorbenen Ostschweizer Malers Adolf Dietrich. Etliche der gezeigten Werke waren bisher noch nie oder kaum öffentlich zu sehen. Dietrichs Nachlass ging an die Thurgauische Kunstgesellschaft.
Die Ausstellung wurde vom Zürcher Kurator Rudolf Koella in enger Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Thurgau erarbeitet. In der hochkarätigen Zusammenstellung von Oelbildern sind über ein halbes Dutzend aus dessen Beständen. Unter diesen Leihgaben ist auch das Porträt des Vaters aus dem Besitz des Frauenfelder Kunstvereins – ein zentrales Frühwerk Dietrichs - vertreten. Das Kunstmuseum Thurgau profitiert insofern, als dass Dietrich einem Publikum im Kanton Bern und in der Westschweiz nähergebracht wird, das aufgrund der geografischen Lage der Ostschweiz nur schwer zu erreichen ist.
Dietrichs Inspiration war eindeutig die Natur. Die Tiere des Waldes, die Landschaft des Untersees oder die Gärten der Nachbarn waren die häufigsten Motive des Autodidakten. Als Sohn eines Kleinbauern wuchs Adolf Dietrich in sehr ärmlichen Verhältnissen und musste gleich nach der Primarschule als Fabrikarbeiter zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Doch Zeichnen und Malen war schon früh seine Leidenschaft, die er nur sonntags ausführen konnte. Dabei war nie an eine professionelle Ausbildung zu denken gewesen. Er arbeitete auf dem elterlichen Hof, dann als Maschinenstricker und später als Wald- und Bahnarbeiter. Bis 1905 entstanden Kreidezeichnungen, Landschaften in Oel, Aquarelle von Seeottern und Seevögeln.
Raben und Elster in Winterlandschaft, 1934, Öl auf Holz, 65 x 80 cm, Privatbesitz
1913 konnte er im Kunstmuseum Konstanz erstmals einige Werke zeigen. Ausstellen konnte Dietrich zum ersten Mal mit 36 Jahren in Konstanz, seinen künstlerischen Durchbruch verdankte er jedoch dem Mannheimer Kunsthändler Herbert Tannenbaum, der ihn im Laufe der zwanziger und dreissiger Jahre immer wieder und mit grossem Erfolg ausstellte sowie seine Werke an andere deutsche Galerien vermittelte. Seit 1930 häuften sich auch in der Schweiz die Ausstellungen und endlich konnte Dietrich sich ganz der Malerei widmen. Bis zu seinem Tode 1957 lebte er in seinem kleinen Elternhaus in Berlingen, inmitten einer bunten Menagerie von lebenden und ausgestopften Tieren, einer langen Batterie lebevoll gepflegter Topfpflanzen und einer Fülle alter vergilbter Erinnerungsstücke. Dort wo seine Bildwelt an einem Tisch in der Stube entstanden sind: Bildkomposition mit Landschaften, Stilleben, Tieren wie Raben, Enten, Füchsen, Rehen, Käuzen oder gar Raupen, Schmetterlingen und Schnecken.
Ernstli mit Apfel auf der Ofenbank, 1925,
Öl auf Karton, 80 x 56 cm, Fondation Saner, Studen 
Hatte die Kunstkritik in Dietrich anfänglich nur einen primitiven „Bauernmaler“ gesehen, so glaubte sie in ihm seit den zwanziger Jahren einen Vertreter der Neuen Sachlichkeit zu erkennen, als jener zumal in Deutschland gepflegten modernen Kunstrichtung, die in Reaktion auf den Expressionismus nach einer neuen nüchternen Wirklichkeitsschau strebte. Wie das die Ausstellung begleitende Katalogbuch zum ersten Mal nachzuweisen versucht, lassen sich von Dietrichs eigenwilligem Malstil aber auch Bezüge zu ganz anderen Ausdrucksformen der Zwischenkriegszeit herstellen, „so zum poetisch überhöhten Realismus eines Ernst George Rüegg ind Jean-Bloé Nestlé oder zur hermetischen Wirklichkeitsschau eines Felix Vallotton.
Fondation Saner Studen BE
Bis 27,2. 2011, Fr, 17 bis 19 Uhr, Sa/So 10 – 17 Uhr
Telefon 032 373 13 17, www.fondation-saner.ch.
Publikation CHF 48.--.
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Adolf Dietrich-Ausstellung
Vielen Dank, liebe Jacqueline, für diesen hochinteressanten Hinweis! Ich kannte einzelne Werke dieses Malers bereits (habe persönlich ihn aber nie als "Naiven" eingestuft), hatte aber keine Ahnung von dieser umfassenden Schau und schon gar nicht von der Fondation Saner in Studen. Ich werde gewiss hingehen.