Gesundheit

Was genau ist eine Depression?

Was genau ist eine Depression?

Das schlimmste an dieser Krankheit: Man weiss zu wenig darüber!

 

„Bist du wieder einmal depro?“

Was für eine gedankenlose Frage, gestellt an eine Frau, einen Mann, die lustlos dasitzen, nicht arbeiten mögen und sich an gar nichts freuen können! Sie ist jedoch nicht selten. Und mit ihr (auch wenn man sie sich nur insgeheim im eigenen Kopf stellen würde) beginnt ein eigentlicher Teufelskreis.

Die ‚Werner Alfred Selo Stiftung‘ stellt andere Fragen

Vielmehr, sie liess sie vom GfS-Institut für Markt und Sozialforschung 714 repräsentativ ausgewählten Personen stellen und berichtete anfangs dieser Woche in Bern über das Ergebnis der Umfrage.

Medienorientierung im Käfigturm Bern: von rechts: SR Rolf Schweiger, Stiftungspräsidentin Marylou Selo, Dr. med. Hans Kurt, NR Andy Tschümperlin, John P. Kummer, Vizepräsident des Stiftungsrats und Mark Bächer, Medienkontaktperson der Stiftung. (Bild fv)

Die 1994 gegründete Werner Alfred Selo Stiftung setzt sich in der Schweiz für die Förderung der Forschung über die Depression ein. Die Stiftung wird geführt vom Stiftungsrat (8 Personen). Gründerin und Präsidentin ist Marylou Selo, selber eine Betroffene. Ihr Vater, Werner Alfred Selo, hatte sich 85-jährig nach einem lebenslangen Leidensweg mit chronischer Migräne und Depression das Leben genommen. 15 namhafte Angehörige der Fachwissenschaft bilden den Wissenschaftlichen Beirat.

Jede 5. Person erkrankt an einer Depression, und 1‘400 Suizide pro Jahr sind zu viel! In der Schweiz nimmt sich durchschnittlich alle 6 Stunden ein Mensch das Leben – vier im Tag!

Am schlimmsten ist, dass man so wenig über Depression weiss

Das Ergebnis der GfS-Umfrage vom Oktober 2010 zeigt, dass man in der Schweiz so wenig über die Depression weiss. Vor 15 Jahren waren es noch 17%, heute sind es noch 10% der Schweizer Bevölkerung, für die „Depression“ nichts als ein schwammiges Schlagwort ist. Vertieftes Wissen über Symptome und Verläufe fehlen. Die Stiftung folgert daraus, dass eine breite Information und Aufklärung nötig ist. Besonders wichtig ist die Früherkennung der Krankheit bei Kindern und Jugendlichen.

Männer und Ältere haben grössere Berührungsängste

Über das Thema sind Frauen und Jüngere besser informiert und auch offener im Gespräch mit Dritten. Gerade das Alter mit seinen oft tief greifenden Veränderungen birgt grosse Risiken für eine Depression. Deshalb ist es wichtig, dass sich ältere Menschen zum offenen Dialog ermuntert fühlen.

Depression ist eine Nervenstoffwechselstörung im Gehirn

Gegenüber früheren Umfragen werden neu Arbeitssituation, wirtschaftliche Lage, materielle Belastung und Gefühlskälte der Umwelt als häufige Ursache für die Krankheit genannt. Absurderweise ist es gerade in der Arbeitsumwelt anscheinend unmöglich, über das Thema zu sprechen! Da es in den vergangenen Jahren immer klarer geworden ist, dass Depression eine chronische Stressfolge-Erkrankung ist, tun Information, Prävention, Enttabuisierung und Entstigmatisierung not, vor allem am Arbeitsplatz. Denn oft unbewusste oder unbestimmbare Unsicherheiten, Ängste und Vorurteile erschweren den Umgang mit den Betroffenen. Es ist wichtig aufzuzeigen, dass Depression kein Hirngespinst, sondern eine Nervenstoffwechselstörung im Gehirn ist, die man fachärztlich behandeln kann.

Volkswirtschaftliche und politische Aspekte

Manche sprechen auch von „volkswirtschaftlichen Schäden“ – aber es ist besser, von volkswirtschaftlichen Kosten zu sprechen. Nicht erst in unserer Zeit der Knappheit an volkswirtschaftlichen Ressourcen ist es Tatsache, dass das Leben materielle Kosten verursacht, und die sozialen Kosten sind nicht Schäden. Trotzdem schlagen sie zu Buche, müssen sie auch bezahlt werden können. Das Dilemma, in welchem sich unsere ausgezeichneten Sozialwerke – AHV, ALV, IV – zurzeit befinden, ist bekannt.

Ausfälle am Arbeitsplatz wegen Krankheit, Arbeitslosigkeit als Spätfolge von Krankheit: Das kostet Geld. Und damit kommt auch die Politik ins Spiel: Bis 2018 sollen 12‘500 Personen mit IV-Vollrenten wieder ins Erwerbsleben eingegliedert werden. Dass diese Massnahmen nicht nur Leute mit Schleudertraume, sondern auch etwa 5000 Menschen mit Depressionen betreffen werden, ist kaum zu bezweifeln. Deshalb hat NR Andy Tschümperlin (SP) am 17. Juni 2010 seine Motion eingereicht: Der Bundesrat wird beauftragt, die Planung und Ausführung einer nachhaltigen nationalen Aufklärungskampagne über die psychischen Krankheiten umzusetzen, mit dem Ziel der Wiedereingliederung von Bezügerinnen und Bezügern von IV-Renten aus psychischen Gründen.

Kurz gesagt, geht es darum, den Menschen mit psychischen Störungen auf dem Arbeitsmarkt bessere Wiedereingliederungs-Chancen zu verschaffen. „…Wegen der in unserm Lande herrschenden Stigmatisierung der psychischen Krankheiten haben Betroffene (…) viel schlechtere Karten, eine ihren Fähigkeiten entsprechende Arbeit zu finden…“, begründet NR Tschümperlin unter anderem seine Motion. Im Ständerat findet er Unterstützung durch SR Rolf Schweiger (FDP)

Stichwort Stigmatisierung

Dr. med. Hans Kurt, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie und des Aktionsbündnisses ‚Psychische Gesundheit Schweiz‘ legt klar, wie es zur Stigmatisierung („Zuschreibung negativer Eigenschaften“, Wikipedia) psychisch Kranker durch ihre Umwelt kommt und welche Folgen für diese Kranken entstehen. Ungenaues oder mangelndes Wissen führt zu Unsicherheit und Angst, und damit sind psychisch Krank negativ kategorisiert. Das führt zuerst zu Diskriminierung, schliesslich zur sozialen Isolation. Der Referent legt nahe, solche Stigmatisierung durch Protest und durch Aufklärung über die Krankheit zu bekämpfen und persönlichen Kontakt sowohl zu Betroffenen als auch zu deren Angehörigen aufzubauen. Betroffene und Angehörige sollen Scham und allfällige Schuldgefühle beiseiteschieben, die Isolation durchbrechen und über das Leiden sprechen. Professionelle Helfer, Selbsthilfegruppen – aber auch sachliche Information, vor allem auch in den Medien – können dabei sehr hilfreich sein.

Eine unentbehrliche Broschüre

 

Betroffene und Personen ihrs Umfeldes können sich anhand einer hervorragend klaren und sich aufs Wesentliche beschränkende Broschüre informieren:

Depression
Wie entsteht sie?
Wie wird sie behandelt?
Was ist der Zusammenhang mit Stress?

von Dr.med. Dr. rer.nat. Martin E. Keck

Copyright Lundbeck (Schweiz) AG
Cherstrasse 4, 8152 Glattbrugg

www.clienia.ch
www.depression.ch

 

Weiterführende Links (Auswahl; weitere Links sind in den folgenden Websites zu finden):

 

www.selofoundation.ch

www.aktionsbuendnis.ch
www.narsad.org
www.sgad.ch
www.equilibrium.ch

 

Kommentare

Licht kann bei Depressionen helfen

Lieber Dr. Keck,

ein Verweis auf den Beitrag 'Licht kann bei Drepressionen helfen' im seniorweb vom 9. Februar 2008 wäre sicher hilfreich.

Gruss Sabine Schäfer