Gesellschaft

Ein autonomes Generationenhaus in Zürich

Ein autonomes Generationenhaus in Zürich

Freiwilligenarbeit neu aufgegleist - ein Projekt von Dr. A. Wettstein

Das Generationenhaus Zürich soll aktive alte und junge Menschen zusammenbringen und den Austausch unter den Generationen fördern. Eine neue Generation von Pensionierten erhält dadurch die Chance, autonom und selbstbestimmt Freiwilligenarbeit zu leisten. Seniorweb sprach mit Dr. Albert Wettstein, Stadtarzt von Zürich, dem Initianten des Projektes.

BP: Herr Dr. Wettstein, wie sind Sie auf die Idee gekommen,  ein solches Projekt zu initiieren?

AW:  Aus der Überzeugung heraus, dass das Potenzial der Freiwilligenarbeit für Senioren nicht ausgeschöpft ist, und dass man jetzt neue Methoden in Angriff nehmen muss, weil eine neue Generation von Senioren entsteht. Es gibt einen Kohortenwechsel.

Die Babyboomer - eine neue Generation von Senioren

Bis jetzt sind die Pensionierten geprägt worden durch die Kriegsjahre. Nun tritt eine Generation in den Ruhestand, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde. Sie hat die Schulzeit in der Nachkriegszeit erlebt, nicht in der Kriegszeit, und den Wirtschaftsboom voll mitgemacht. Das ist eine andere Generation, die kulturell geprägt wurde vor allem durch die 68er-Bewegung, durch „womens lib“, Entkolonialisierung im internationalen Bereich, vor allem auch durch die Gleichstellung der Frau und die antiautoritäre Bewegung. Einer der entscheidenden Punkte ist, dass diese, auch meine Generation, selbstbestimmt handeln und keinesfalls die Freiheit einbüssen will, welche die Pensionierung gibt (das wollte die vorige Generation auch schon).

Freiwilligenarbeit nur in einem selbstbestimmten Umfeld

Das Engagement muss so sein, dass sehr viel Selbstbestimmung drin liegt. Immer wenn man sich engagiert, gibt man einen Teil der Freiheit preis – dazu sind die neuen Pensionierten nur noch bereit, wenn sie in einem selbstbestimmten Umfeld mitmachen können. Das ist das Neue an dieser Babyboomergeneration.  Darum also ein autonomes Zentrum, wo nicht irgendwelche jungen Studienabgänger oder, wie es jetzt ist, Fachleute der Betriebsorganisation bestimmen, was wir Alten machen sollen. Und mit der Geissel „chlöpfen“ und sagen:  "So und so läuft es, ich brauche jemanden für dieses und jenes, und "take it or leave it“, so kann man die Babyboomer nicht für freiwillige Arbeit gewinnen. Die Antithese zur Freiwilligenarbeit für die Babyboomer ist der „Gang go“. Man lässt sich nicht gerne anstellen, schon  gar nicht von jungen „Schnuufern“, die viel weniger Lebenserfahrung und auch weniger Fachkompetenz haben als wir.

Grosses Engagement der 68er zu Gunsten der Gesellschaft

Das Entscheidende in dieser Generation, die geprägt ist durch die 68er-Bewegung, ist nicht nur, dass Autonomie und Selbstbestimmung so stark betont und Autoritäten abgelehnt werden. In den 68er Jahren gab es auch ein grosses Engagement zu Gunsten der Gesellschaft. Diese Anliegen möchte ich im Generationenhaus kombinieren, das ein autonomes Seniorenzentrum in diesem Sinne sein soll und autonom von Senioren geleitet wird.

Die Senioren stampfen das selber aus dem Boden

Ich habe darum auch gewartet, bis ich selbst ins Pensionsalter komme. Ich wollte das Generationenhaus nicht von der Stadt aus für Senioren machen: Die Senioren stampfen das selber aus dem Boden. Wir sind fähig, das Grossprojekt selbst zu managen. Wir brauchen keine Stadt, die uns sagt, wie man das macht. Wir haben genügend Kapazität und Knowhow, und wir finden auch das Geld, um das zu realisieren.Später brauchen wir die Stadt natürlich auch noch.

Mit einer solchen Selbstorganisation gehe ich davon aus, dass viele Senioren gerne mitmachen und einen Teil ihrer Freiheit auf den Altar legen, wenn sie selber sagen können, wie dieser Altar aussieht.

BP: Brauchen Sie keine Leitlinie, keine Geschäftsleitung?

Eine basisdemokratische Organisation mit 1000 Leuten, das geht nicht. Da braucht es eine Struktur. Die erste Struktur, die es geben wird, ist eine Vereinsstruktur, in welcher alle gleichberechtigt sind, alle mitbestimmen können. Den Verein gibt es noch nicht, den werden wir dann gründen, wenn es so weit ist.

Workshop am 30. März 2011

Wir sind jetzt dran, das Seminar zu organisieren, diesen Workshop, in welchem es darum geht, genau festzulegen, wer wann was macht. Das Projekt haben wir am 11. November 2010 an der Seniorenuniversität Zürich vorgestellt. Wir werden eine professionelle Projektstruktur auf die Beine stellen, wie das bei jedem andern Grossprojekt auch ist.

Unter den Initiatoren finden sich Experten

Wir haben unter den zwölf Initiatoren einige Experten, die es gewohnt sind, Grossprojekte durchzuführen. Einer unserer Senioren, der frischpensioniert dabei ist, hat den Letzigrund gebaut, hat ihn innert einem Jahr aus dem Boden gestampft:  weiss Gott kompliziert genug – Hut ab! Die Leute, die bei uns dabei sind, sind sich gewohnt, grosse Projekte  zu organisieren und zu managen, und wir werden das ähnlich umsetzen. Es wird Ressortverantwortliche geben, die in autonomen Zellen selbständig arbeiten. Das ist anders als bei der Pro Senectute oder beim Roten Kreuz, wo die Leute zwar in einem einzelnen Fall selbständig sind, als Beistand oder so, aber auch dort ein enges Korsett haben. Im Generationenhaus sollen auch die verschiedenen Bereiche autonom von Senioren geführt werden, und zwar immer von mindestens zwei bis drei Personen zusammen für ein Ressort, weil alle Senioren nicht während 365 Tage Verantwortung tragen wollen,

BP: Gehen die Senioren eine Verpflichtung ein? Es könnten ja auch Leute abspringen.

Die Leute können auch krank werden, das ist so in unserem Alter. Es ist ganz klar, dass wir damit rechnen müssen, dass Leute abspringen, aus verschiedensten Gründen, Krankheit ist ein Grund. Darum müssen alle Kaderpositionen doppelt oder besser dreifach besetzt werden. Die Arbeitsgruppe soll in einem sehr partizipativen Sinne geführt werden. Man setzt die Leute dort ein, nachdem man gefragt hat, wer Lust hat, sich in diesem Bereich zu engagieren. Und dann bestimmt der Bewerber mit, wie dieser Bereich aussieht. Wenn ich zusammen mit der Kollegin die Verantwortung für einen Bereich übernehme, dann habe ich diese Verantwortung zu tragen. Wenn ich eine Abmachung nicht einhalten kann, erwartet man, dass ich der Kollegin Bescheid gebe, und dann sucht man einen Ersatz. So stelle ich mir das vor. 

BP: Ich höre Ihre Begeisterung. Also machen Sie selbst auch mit?

Selbstverständlich. Ich bin ja der, der das Ganze aufgegleist hat.

BP: Haben Sie die Räumlichkeiten bereits gefunden?

Nein, die Offizierskantine auf dem Kasernenareal steht wahrscheinlich nicht zur Verfügung. Im Moment stehen andere Lokalitäten zur Debatte. Ich habe ein Gesuch gestellt für eine städtische Liegenschaft, die wunderschön ist – der Beckenhof. Wir würden diese Liegenschaft mieten für Franken 500‘000 im Jahr und die Miete mit gemeinnütziger Arbeit bezahlen. Ob der Stadtrat darauf eingehen wird, wissen wir noch nicht, ich habe von Skepsis gehört. Wir werden sehen, wie das läuft. 

BP: Das wäre super, wenn Sie das machen und auch finanzieren könnten.

Freiwilligenarbeit für die Gemeinschaft statt Geld auf den Tisch

AW: Ich möchte ein neues Denken einführen: Statt dass wir harte Franken auf den Tisch legen, leisten wir Arbeit für die Gemeinschaft. Diese Freiwilligenarbeit soll honoriert und als gleichwertige Leistung anerkannt werden.

Vieles ist noch offen. Meine Assistentin Barbara Thaler wird ihnen mehr über die Details erzählen, das ist alles noch nicht bestimmt. Ich muss jetzt leider gehen.

BP: Sprachs und verliess den Raum. Noch ist Dr. Albert Wettstein Stadtarzt von Zürich und stark engagiert. Pensioniert wird er im Herbst dieses Jahres. Ich wünsche ihm viel Erfolg für das mutige Projekt

Assistentin Barbara Thaler: Dr. Wettsteins Einführung ist eine sehr gute Einleitung zum Projekt. Im Projektbeschrieb finden sich vor allem Beispiele, da man noch nicht weiss, welche Leute was unternehmen. Jeder soll seine eigenen Ideen verwirklichen können.

Beginnen soll die Arbeit mit einem offenen Treff mit Café, Bistro und/oder Verpflegungsmöglichkeit, mit flexibler Kinderbetreuung (Hüten, Hausaufgaben) und mit Aktivitäten, die Seniorinnen und Senioren anbieten.

Da die Räumlichkeiten noch nicht zur Verfügung stehen, arbeiten wir jetzt mehr oder weniger mit dem virtuellen Haus. Es wird ein Generationenhaus geben. Man weiss noch nicht genau, welches, aber man kann damit beginnen, es zu füllen, und das soll vor allem am Workshop vom 30. März geschehen. Dort wird man Ideen sammeln.

Für den Workshop kann man sich anmelden bis 15. März mit Kontaktbogen 

Das Generationenhaus hilft mit, drei
Legislaturschwerpunkte 2010 bis 2014 der Stadt Zürich zu erfüllen:
eZürich (mit "Zürich wird CompiSternli-Stadt")
Stadt und Quartiere gemeinsam gestalten
Frühförderung - Gute Startchancen für alle Kinder

Projektbeschrieb Generationenhaus Zürich

Auf der Homepage werden als erfolgreiche Beispiele das Northshore Senior Center in Seattle und die Mehrgenerationenhäuser in Deutschland beschrieben.

 

Kommentare

Bild des Benutzers Brigitte Poltera

Generationenhaus Basel ökumenisch von Kirchen geführt

Liebe Etna,
Barbara Thaler hat mir auf meine Frage, ob es in der Schweiz andere Generationenhäuser gebe, das Haus in Basel genannt, und ich habe mir die Homepage angesehen. Das Haus in Basel wird von Kirchen ökumenisch geführt - es ist sicher von der Leitung her völlig anders strukturiert als das Projekt von Dr. Albert Wettstein, das unter autonomer Leitung von Senorinnen und Senioren entstehen und sich entwickeln soll.

Bild des Benutzers etna

Frage

Habe ich mir unter einem solchen Projekt etwas Ähnliches wie dies:

http://www.generationenhaus-neubad.ch/index.cfm/024F800C-B3D9-CF31-F4BAD...

vorzustellen?

 Die beste Art, sich zu wehren, ist sich nicht angleichen. (Marc Aurel)

Bild des Benutzers agathepetignat

genial

ist dieses Projekt. Ein Hinschauen und vielleicht auch Hingehen lohnt sich ganz bestimmt.

Schön, dass so etwas entsteht.

Bild des Benutzers Hannes Kohler

Die Zukunft wartet !

Danke für das Interview und den interessanten Bericht über dieses stadtzürcherische Generationenprojekt.

Generationen sinnvoll verknüpfen, heisst, einen Gewinn an Lebensqualität für alle Beteiligten schaffen.

Das Generationenhaus - Eine Zukunftsidee die hoffentlich breite Zustimmung und Beteiligung findet.