General Charles de Gaulle hat einmal gesagt, es sei unmöglich, ein Volk zu regieren, das über fünfhundert verschiedene Käsesorten besitzt. Nun, da könnte er sich getäuscht haben. Wie wir in der Schweiz seit dem Auftauchen des Briten Michael Fontana in der Zürcher Markthalle staunend gelernt haben, gibt es im gesamten britischen Königreich rund 1'500 Käsesorten – mindestens so viele, wie die Schweiz und Frankreich zusammen aufzuweisen haben. Aber selten wurden auch nur annähernd so poetische Gleichnisse in die Welt gesetzt wie von den Lippen der französischen Geniesser. So ist uns vom grossen Gastrosophen Jean Anthelme Brillat-Savarin folgender bemerkenswerter Vergleich überliefert: „Eine Mahlzeit ohne Käse ist wie eine schöne Frau mit nur einem Auge.“ Zum Dank ist ihm unter anderem auch ein Frischmilch-Käse mit seinem Namen dediziert worden. Aber das ist eine andere Geschichte.
Treten wir nun ein in das würzig duftende Reich, in das sich Adalbert Bietigheim, seines Zeichens Professor für Kulinarik an der Universität Hamburg, in seinem Frankreich-Urlaub begibt. Per Hollandrad und in Begleitung von Benno von Sabern. Letzterer ist ein äusserst kluger und sympathischer Foxterrier und tut grundsätzlich genau das Gegenteil von dem, was Bietigheim von ihm erwartet – stilgerecht nach Terrier-Art. Bietigheim nimmt das gelassen, ja, fast ein wenig stolz, hin und radelt mit Benno von Sabern im Körbchen fröhlich Richtung Epoigey, einer Destination, die sich vor allem durch den berühmten Vacherin gleichen Namens auszeichnet. Denn der Professor befindet sich auf seiner „Tour de Fromage“, die ihn in seinen Ferien regelmässig durch Frankreichs Käseregionen führt. Und diesmal eben ins Burgund, um dort die äusserst zurückgezogene Käserin Madame Poincaré zu besuchen, die offenbar über ein sagenhaftes Vacherin d’Epoigey-Rezept verfügt. Und über ihre eigenen Kühe, selbstredend, wie alle Käser, die etwas auf sich halten.
Als der Professor endlich vor Madame Poincaré’s Anwesen steht, wundert er sich, auf der Weide hinter dem Haus keinerlei Rindviecher vorzufinden. Seine - als Forschender durchaus legitime - Neugierde führt ihn unerlaubterweise ins Haus, wo er im Stall die Kühe mit prall gefüllten Eutern vorfindet und, im Innern des Hauses, endlich die Käserin selbst. Mit einem Käsemesser im Rücken und käse-, pardon, mausetot.
Dieser Mord sollte nicht der einzige bleiben. Noch weitere Käsehersteller müssen daran glauben, auf unerklärlich unterschiedliche Weise ums Leben gebracht. Und selbstredend ist immer auch die Käserezeptur in Gefahr. Und da die gesetzliche Obrigkeit alles tut, um diese für die Gegend rufschädigenden Morde zu vertuschen, greift Adalbert Bietigheim selbst ein, ist ja klar. Ihm geht es vor allem um das Weiterbestehen der so glorreich blühenden burgundischen Käsekultur. Denn: „Das Herz der Franzosen besteht aus Käse“. Da nimmt Bietigheim auch Anschläge gegen sein eigenes Leib und Leben in Kauf.
Wie das alles ausgeht, verrate ich natürlich nicht. Es handelt sich ja schliesslich um einen Kriminalroman des bereits als Bestsellerautor und Weinkenner hervorgetretenen, jungen deutschen Autors Carsten Sebastian Henn. Ich habe selten bei einem Krimi so viel gelacht, blieb aber trotzdem immer von der Handlung gefesselt – ein Zusammenzug von Fähigkeiten, die Henn mit leider viel zu wenigen anderen Autoren teilt. Vor allem jedoch habe ich viel über französische Esskultur gelernt, nicht nur über die sagenhaften Käsesorten des Burgunds. Es ist empfehlenswert, das Buch nur mit gut gefülltem Magen zu lesen. Ansonsten wird der zwischenzeitliche Gang zum Kühlschrank zum Muss; derartig hungrig kann man zum Beispiel beim geniesserisch blühenden Vortrag werden, den der bereits mit einer goldenen Gouda-Medaille am Band beehrte Professor zwischendurch vor einer genusssüchtigen Schlemmerschaft hält. „... Gerne würde ich Ihnen über die kulturhistorische Bedeutung von Jambon Persillé oder Escargots de Bourgogne erzählen – doch was sind Schinken in Aspik und Weinbergschnecken mit Kräuterbutter schon gegen Käse? Gegen Epoisses, Ami du Chambertin oder Bouton de Culotte, den Hosenknopf?“
Der kluge Autor entlässt seine hungrig gewordene Leserschaft nicht ohne eine Reihe von Kochrezepten im Anhang des Buches, angeblich aus der Feder des „Sternekochs Julius Eichendorff“. Ich für meinen Teil werde mich zuerst an das „Soufflé von Blauschimmelkäse“ wagen. Bon appetit!
„Die letzte Reifung“ von Carsten Sebastian Henn, Pendo-Verlag München/Zürich ISBN 978-3-86612-252-9
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