Gesellschaft

Erinnerungen an die Zukunft

Erinnerungen an die Zukunft

Vordenker, Pionierinnen, Visonäre – sie sind der Zeit immer um eine oder zwei Nasenlängen voraus und werden darum von ihren Zeitgenossinnen und -genossen oft nicht verstanden.

Sie werden manchmal gar als Spinner, Fantasten und weltfremde Utopisten verspottet. Wertschätzung, Annerkennung und Verständnis finden sie oft erst bei späteren Generationen. Das bedeutet nicht selten eine gewisse Tragik in den Biografien dieser «verkannten Genies», die viel Kraft brauchen, um gegen die Übermacht der herrschenden Mehrheitsmeinungen auf ihrem Standpunkt zu beharren. Ist die Zeit dann allerdings reif für einen Aufbruch zu neuen Ufern, erleben diese Menschen den Durchbruch ihrer Ideen oder Schöpfungen und werden berühmt (zum Beispiel Albert Einstein, Joseph Beuys). Andere, die stärker quer zu ihrer eigenen Epoche liegen, bezahlen dies mit Gefängnis oder gar mit ihrem Leben (zum Beispiel Galileo Galilei, Giordano Bruno).

Giordano Bruno, 1548-1600, Dominikaner und Philosoph, wurde 1576 der Häresie angeklagt. Er musste seinen Orden verlassen und ins Ausland fliehen. Einige Jahre später liess er sich in Venedig nieder, doch man lieferte ihn der römischen Inquisition aus, die ihn nach jahrelangem Prozess 1600 zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilte. In seinen Büchern kritisierte Bruno Aristoteles und verteidigte das System des Kopernikus, nach dem die Erde um die Sonne kreist und nicht umgekehrt. Er  ging sogar noch weiter und entwickelte die Vorstellung eines unendlichen Universums; er erwog bereits die Möglichkeit, dass die Sterne andere Sonnen seien, um die möglicherweise andere bewohnte Planeten kreisten. Für die Kirche seiner Zeit waren solche Gedanken nicht tolerierbar.

In allen Lebensbereichen sind die Vor-Denkerinnen und -Denker die Zugpferde, die Motoren der Entwicklung. Sie nehmen die Zukunft voraus. Auch heute noch akzeptieren etablierte Wissenschaftler nur äusserst ungern eine neue Theorie, egal, wie einleuchtend sie ist. Und eine Revolution ist immer erst dann abgeschlossen, wenn eine zweite Generation, die frei ist von den alten Prägungen, die neue Realität mitgestaltet. Ob sich die Veränderungen, die eine solche Revolution in Gang gesetzt haben, als eher segensreich oder eher problematisch erweisen, stellt sich allerdings oft erst sehr viel später heraus.

Als Marie (1867-1934) und Pierre Curie (1859-1906) zwei neue strahlende Elemente entdeckten (Polonium und Radium), ahnten sie noch nicht, welche weit reichenden und zum Teil verheerenden Folgen diese Entdeckung haben würden (denken wir nur an den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki am Ende des Zweiten Weltkriegs oder an die «Störfälle» von Harrisburg und vor allem Tschernobyl in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts).  Sie wären sonst wohl weniger sorglos mit diesen neuen Elementen umgegangen. Beide starben übrigens an den Folgen der radioaktiven Strahlung, der sie sich unwissentlich ausgesetzt hatten.

Wie immer man die Entwicklungen des so genannten Fortschritts bewerten mag – aufzuhalten sind sie ganz offensichtlich nicht. Der US-amerikanische Kultautor und Direktor des «Institute for the Human Future», Robert Anton Wilson (1932-2007), hat in seinem Buch «Prometheus Rising» die «Evolution der menschlichen Intelligenz» untersucht. Er beschreibt darin unter anderem die Zeit bindende und überbrückende Funktion von Sprache, die es jeder Generation ermögliche, «unserer geistigen Bibliothek neue Kategorien einzuverleiben, neue Verbindungen herzustellen, neue Trennungen zu vollziehen, neue Klassifizierungen zu finden und diese endlos hin- und her zu schieben. In dieser Zeit bindenden Dimension hat Einstein Newton abgelöst, ehe der grösste Teil der Menschheit, der bis zum letzten Jahrhundert noch ungebildet war, überhaupt zum ersten Mal von Newton gehört hatte.»

Wilson vergleicht das, was in den so genannten offenen Gesellschaften «Fortschritt» genannt wurde, ehe dieser Begriff einen schalen Beigeschmack bekam, mit einer aufwärts gerichteten Spirale. «Offene Gesellschaften» sind in diesem Zusammenhang Kulturen, die relativ frei von Tabus und Dogmatismus sind, also verhältnismässig weltoffen und humanistisch (Gegenbeispiele wären dann etwa Diktaturen wie diejenigen in Nordkorea oder Burma). «Doch muss man solche Freiheiten», schreibt Wilson weiter, «einschliesslich unserer heutigen, relativieren, weil viele Tabus unbewusst übernommen werden und als gesunder Menschenverstand oder auch als Sitte und Anstand usw. durchgehen. Wer immer sie in Frage stellt, ist automatisch und per definitionem ein Ketzer, ein Verräter, gelegentlich auch ein unverantwortlicher Schwachkopf.» (Hervorhebungen durch C.U.)

Camille Claudel wurde 1846 geboren. Sie war achtzehn, als sie dem Mann begegnete, der ihr weiteres Leben als Frau und als Künstlerin prägen sollte; dem bereits 42-jährigen Bildhauer Auguste Rodin. Während sie ihm als Schülerin schon bald entwuchs, blieb sie als Frau ein Leben lang an ihn gebunden. Nach Jahren grosser Leidenschaft und enger Zusammenarbeit trennte sie sich von dem ebenso begnadeten wie egozentrischen Rodin, zog sich von der Umwelt zurück und verfiel immer stärkeren Verfolgungsängsten. Nach der Trennung von Rodin wurde Camille Claudel von ihrer Familie in eine Irrenanstalt gebracht, aus der sie bis zu ihrem Tod 1943 nach 30 Jahren des Eingesperrt-Seins erschütternde Briefe an ihren Bruder Paul, einen bekannten Schriftsteller, schrieb. Zeit ihres Lebens stand ihr künstlerisches Schaffen im Schatten Rodins. Weil sie eine Frau war, versagte ihr das Publikum die verdiente Anerkennung als Künstlerin. Heute wird allgemein anerkannt, dass ihr umfangreiches, Porträtbüsten, Figuren und Kleingruppen umfassendes Werk zu den bedeutendsten ihrer Zeit gehört.

In seinem Buch «Genetic Code» beobachtet Dr. Isaac Asimov, Naturwissenschaftler und Science-fiction-Autor, einen Sechzig-Jahre-Zyklus zwischen dem ersten Verständnis eines neuen wissenschaftlichen Prinzips und der endgültigen Veränderung der Welt durch dieses Prinzip. Beispielsweise entdeckte der dänische Chemiker Hans Christian Ørsted 1820 die elektromagnetische Äquivalenz, also die Tatsache, dass Elektrizität in Magnetismus und Magnetismus in Elektrizität umgewandelt werden kann. Erst sechzig Jahre später, 1880, waren die elektrischen Generatoren in Gebrauch und die industrielle Revolution auf dem Höhepunkt. Fernschreiber und Telefon waren schon erfunden, und das Zeitalter der Massenkommunikation dämmerte herauf. 1903 hoben die Gebrüder Wright mit ihrem Entdecker zum ersten Mal für ein paar Minuten vom Boden ab. Sechzig Jahre später, 1963, waren Jets, die über hundert Passagiere gleichzeitig befördern konnten, eine Alltäglichkeit.

Ein neuerer Versuch, das Ausmass der Informationsbeschleunigung einzuschätzen, stammt von dem französischen Wirtschaftsexperten Georges Anderla (1921-2005), der ihn 1973 für die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) unternahm. Anderla ging willkürlich davon aus, dass die  Menschheit zu Beginn der christlichen Zeitrechnung die Information besass, die man als Messeinheit für weitere Entwicklungen zugrunde legen könnte. Er erklärte diesen Informationspool zu einer Einheit im Fundus des gesamten Wissens der Menschheit. Aufgrund gewisser Beobachtungen ging er davon aus, dass es bis zum Jahr 1500 dauerte, ehe sich genug neues Wissen angesammelt hatte, um diesen «Fundus» auf zwei zu verdoppeln. Anschliessend dauerte es nur 250 Jahre (also bis 1750), bis die nächste Verdoppelung stattgefunden hatte und der Fundus auf vier Einheiten angewachsen war. Die nächste Verdoppelung brauchte nur noch 150 Jahre (1900: 8 Einheiten), dann noch 50  und anschliessend noch 10 Jahre, so dass der Fundus 1960 schon bei 32 Einheiten angelangt war. Zwischen 1967 und 1973 wuchs unser Guthaben auf nunmehr 128 Einheiten an. Hier beendete Anderla seine Studien; man kann aber davon ausgehen, dass die Veränderungsgeschwindigkeit inzwischen weiterhin zugenommen hat. Selbstverständlich ist aber auch klar, dass diese Beschleunigungskurve Schwankungen unterworfen sein kann und irgendwann an eine natürliche Grenze stossen muss.

Oliver Sacks, Jahrgang 1933, stammt aus einer Arztfamilie. Er studierte in London Medizin. 1960 siedelte in die USA über. Während seiner Forschungen über Migräne stiess er 1966 auf einige Patienten, die schon seit etwa 40 Jahren wie «eingefroren» waren: Überlebende der europäischen Schlafkrankheit, einer weltweiten Epidemie von 1916 bis 1927. Die Einzelfall-Studien wurden Gegenstand seines Buches «Zeit des Erwachens» («Awakenings»). Im Verlauf der Experimente mit L-Dopa, einer Vorstufe des Neurotransmitters Dopamin, kam es zu aussergewöhnlichen Reaktionen der Patienten: Sie «wachten» kurzfristig auf, zeigten teilweise gar eine übermotivierte Lebensfreude, bis sie schliesslich in ihre Starre zurückfielen. Der Film zu dieser Geschichte (mit Robin Williams und Robert de Niro) machte Oliver Sacks 1990 weltweit populär, und viele seiner seither veröffentlichten Bücher wurden zu Bestsellern: «Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte» berichtet darüber, wie sich die unterschiedlichen Störungen und Erkrankungen des Hirns auf den Alltag der Patienten und betroffenen Angehörigen auswirken und erzählt auf spannende, leicht verständliche Weise zwanzig Geschichten von Menschen, die aus der «Normalität» gefallen sind. Es geht dabei weniger um medizinische Aspekte als um die Welt, in der diese Menschen leben. Das Buch macht klar, wie Wahrnehmung vom Gehirn abhängt – Realität spielt sich im Kopf ab.

Theorien wie jene von Anderla sind vielleicht blosse Spielerei, die der Wirklichkeit nicht standhalten. Futurologen haben sich schon oft verrechnet. Dass es so etwas wie eine «Informationsexplosion» aber tatsächlich gibt, wird niemand bestreiten wollen. Man mag die Entwicklungen etwa auf den Gebieten der Informatik, der medizinischen Forschung, der Gentechnologie oder der Nanotechnologie beurteilen, wie man will – sie werden jedenfalls unsere Zukunft in einem Mass prägen, wie es heute erst ansatzweise abzusehen ist. Und einen Weg zurück scheint es definitiv nicht zu geben – es sei denn, auf dem Weg über eine globale Apokalypse (Stichworte hierzu sind Klimakollaps oder andere Umweltkatastrophen, Meteoriteneinschläge aus dem All usw.).

Heute sehen viele Menschen, dass die erwähnten Informationsverdoppelungen uns der Lösung der grossen Menschheitsprobleme tatsächlich um keinen Schritt näher gebracht haben. Man könnte überspitzt sagen: Die Probleme sind mit den Lösungsmöglichkeiten gewachsen. Noch immer gibt es Armut, Hunger und Kriege. Die mit dem Klimawandel verbundenen Probleme können erst in Umrissen abgeschätzt werden. Zunehmende Produktivität und der damit verbundene Wandel zu Dienstleistungsgesellschaften, in denen «Bildung» einen immer grösseren Stellenwert hat, führte statt zu sozialem Ausgleich zu immer ausgeprägteren Formen einer Zweiklassengesellschaft, und zwar sowohl global gesehen wie auch in den einzelnen Gesellschaften.

Der schon erwähnte Robert Anton Wilson, ein Utopist par excellence, sieht den einzigen Ausweg aus diesem Desaster in einer Steigerung der menschlichen Intelligenz, wobei er wesentlich mehr darunter versteht als intellektuelle Begabungen: zum Beispiel auch emotionale Reife und die Fähigkeit, sich von unbewussten Prägungen zu lösen. «Wenn wir unsere Intelligenz steigern könnten, würden wir offensichtlich auch schneller Lösungen für die diversen apokalyptischen Szenarios finden, die uns heute bedrohen. (…) Wenn die menschliche Dummheit im Ganzen reduziert würde, gäbe es weniger Widerstand gegen originelle Ideen und neue Wege für unsere alten Probleme, weniger Zensur und weniger Fanatismus.
Wenn die Dummheit reduziert werden könnte, würden wir weniger Geld für gross angelegte Absurditäten wie das Wettrüsten zum Fenster heraus schmeissen und hätten mehr für lebenserhaltende Projekte zur Verfügung. (…) Die Arbeit, die wir darauf verschwenden, unsere Intelligenz zu steigern, kommt gleichzeitig unseren gesunden und lohnenswerten Zielen zugute.»
Ein ebenso einfacher wie einleuchtender Vorschlag des Autors – aber ist er auch realistisch? Oder handelt es sich dabei um einen frommen Wunsch Wilsons – eben den Wunsch eines Utopisten? Oder ist es gar so, dass, wie Kulturpessimisten meinen, die Menschheit immer dümmer wird? Die Zukunft wird es zeigen. Sicher ist jedoch, dass es immer Utopistinnen, Visionäre und Pionierinnen geben wird, die auf ihrem Gebiet einen Quantensprung auf eine neue Realitätsebene einleiten werden – nachdem sie anfangs als Spinner belächelt oder diffamiert worden sind...

Alice Schwarzer, Jahrgang 1942, zog nach einer Lehre als Sekretärin 1963 nach Paris, wo sie ein Sprachenstudium begann. Von 1970 bis 1974 arbeitete sie als freie Korrespondentin für verschiedene Medien. 1971 erregte Schwarzer erstmals mit ihrer Aktion «Frauen gegen den § 218», insbesondere dem öffentlichen Bekenntnis von 374 Frauen im Magazin «Stern» («Wir haben abgetrieben!») Aufsehen. Mit ihrem Buch «Der kleine Unterschied und seine grossen Folgen» (1975) profilierte sich die Schwarzer als Galionsfigur des Feminismus weit über Deutschland hinaus: Das Buch wurde in elf Sprachen übersetzt. Im Januar 1977 erschien die erste Ausgabe der von ihr gegründeten Zeitschrift «Emma». 1978 klagte Alice Schwarzer ohne Erfolg gegen den «Stern» wegen sexistischer Frauendarstellungen. 1987 initiierte «Emma» die PorNO-Kampagne. Seit 1993 schreibt Schwarzer wieder vermehrt Bücher, darunter Biografien von Petra Kelly und Gert Bastian oder das Leben von Marion Dönhoff. Heute polarisiert Alice Schwarzer die Öffentlichkeit vor allem mit ihrem Engagement gegen religiösen Fanatismus und insbesondere gegen die «Gefahr der Islamisierung» von westlichen Gesellschaften.

Literatur:
Robert Anton Wilson: Der neue Prometheus. Die Evolution unserer Intelligenz. Rowohlt Taschenbuch.
Isaac Asimov: Das Wissen unserer Welt. Erfindungen und Entdeckungen vom Ursprung bis zur Neuzeit. Bertelsmann.
Georges Anderla: The Age of Asymmetry & Paradox. Athena Press.
Christian Urech: Schräge Typen? Biografien jenseits der Norm. Verlag pro juventute.