Kultur

Ein grosses Stück vom Loslassen

Ein grosses Stück vom Loslassen

Vater und Sohn ringen um Befreiung

 

„Lass mich gehen!“ Kein Satz wird an diesem intensiven Theaterabend so oft ausgesprochen wie dieser. „Lass mich gehen“ meint in Joshua Sobols Stück "Libera me" die Flucht des lebensmüden Vaters vor seinem Sohn, der ihn mit ganzer Kraft am Leben und bei sich halten will. Ein Stück über Ablösung in einem Theaterraum, von dem sich eine ganze eingeschworene Gemeinschaft in den nächsten Wochen verabschieden muss. Denn die Bagger sind schon aufgefahren am Bahnhofplatz von Dornach, im letzten solothurnischen Zipfel, der in den Kanton Baselland hineinragt. Gegenüber vom neu gestalteten Dornacher Bahnhof soll eine Grossüberbauung, hauptsächlich für Wohnungen, entstehen. Da hat das romantische alte Kino, das seit nunmehr fast 11 Jahren dem Neuen Theater am Bahnhof Dornach - kurz NTaB - als Spielort dient, keinen Platz mehr.

Das neue Theater am Bahnhof Dornach erwartet seine Premierengäste

Die Suche nach neuen Räumlichkeiten läuft schon seit rund zwei Jahren. Inzwischen hat sich auch ein unterstützender Verein gebildet, und die Akzeptanz in Gemeinde und den Kantonen Baselland und Solothurn ist erfreulich positiv. Obwohl, wie die Produzentin Johanna Schwarz (sie und der Schauspieler und Regisseur Georg Darvas hatten das Theater vor 11 Jahren gegründet) verriet, mehrere Eisen für einen neuen Theaterraum im Feuer seien, muss das Theater inzwischen – man rechnet mit 2 Jahren ohne festes Haus – nach Basel und dort vor allem in den Saferaum des Kultur-Unternehmens Mitte ausweichen.

Ein Befreiungskampf

Oliver Zgorelec und Georg Darvas

Oliver Zgorelec und Georg Darvas
 

Um auf Joshua Sobols Theaterstück „Libera me“ zurückzukommen: Vom ganz in sich und seine Lebensenttäuschung versunkenen und den Tod in  Einsamkeit suchende Vater wird Selbstbestimmung und Freiheit der Entscheidung aufs beharrlichste angestrebt. „Am Ende der Tage keine Liebe, keine Freude, keine Hoffnung.“ Diese Hoffnungslosigkeit bricht sich in der Interpretation durch Georg Darvas in geradezu trotzigen, verzweifelt abwehrenden Ausbrüchen Bahn. Ihm gegenüber zeichnet Oliver Zgorelec den um den Lebenswillen des Vaters kämpfenden Sohn mit sanfter Bestimmtheit, die, anrennend gegen die unerschütterbare Abwehr des Vaters, immer mehr bröckelt, bis er den alten Mann gehen lässt. Der Abend erfährt in diesem von beiderseitiger Liebe, aber geradezu antikischer Unvereinbarkeit des ethischen Anspruchs  getragenen Zweikampf eine beeindruckende Spannung und Steigerung. Und es wird immer mehr klar: Das Loslassen wird von beiden, sowohl vom Vater als auch vom Sohn, eingefordert. Beide müssen sich voneinander befreien.

3)  Oliver Zgorelec und Georg Darvas

Oliver Zgorelec und Georg Darvas

Suche nach dem Existentiellen

Das Stück wurde vom israelischen Autor – bereits als drittes seiner Stücke am NTaB - selbst inszeniert. Er vermeidet, bei allem Realismus, gekonnt jegliches salbadernde Selbstmitleid oder falsche Sentimentalität. Das schlichte Bühnenbild von Edna Sobol konzentriert sich ganz darauf, den beiden Protagonisten einen wertfreien Raum zu lassen – ähnlich einem Bühnenbild zu einer Beckett-Inszenierung. Sobol aber ist kein Autor des absurden Theaters. Bei ihm geht es immer um das Existentielle. Nicht umsonst wurde ja auch sein 1984 erschienenes Stück „Ghetto“ in der Inszenierung von Peter Zadek ein Welterfolg. 1988 kam es nach der Uraufführung von „Das Jerusalem Syndrom“ zu heftigen Protesten in ganz Israel, worauf Sobol als künstlerischer Leiter des Haifa Municipal Theatres  zurücktrat und sich fortan vor allem dem Schreiben  und der Regie widmete. Aber der Kreis schliesst sich: In der laufenden Spielzeit inszeniert Sobol „The Jerusalem Syndrom“ mit Schauspielstudenten in Tel Aviv.

Joshua Sobol beschäftigte sich mit dem Problemkreis Alter bereits in seiner allerersten Arbeit „The Days to come“, das 1971 herauskam. In einem Gespräch über das Stück „Libera me“ sagt er heute: „Im alten Menschen ist auch immer die Erinnerung an den jungen Menschen, der er einmal gewesen war.“ Und weiter: „Dieses Stück handelt von einer sehr schmerzhaften Liebe: der besonderen Art von harter Liebe zwischen Söhnen und Vätern.“

„Libera me“ von Joshua Sobol in: Neues Theater am Bahnhof Dornach. Aufführungen: 25., 27., 31.3., 2., 8., 10., 14., 16., 30.4., 1.5.

www.neuestheater.ch
Unterstützungsverein "Verein NTaB": verein@neuestheater.ch

Szenenfoto: NTaB; Fotos vom Premierenabend: Laura Weidacher