Leben

Wusste Oma das schon?

Wusste Oma das schon?

Die Amerikanerin Lee Faber kramt in Erinnerungen.

Die Erinnerungen an ihre Grossmutter und deren hausfrauliche Ratschläge aufzuschreiben, ist im heutigen Amerika mit seinen durchautomatisierten Koch- und Reinigungshilfen ein löbliches Unterfangen. Das Buch, das die New Yorkerin Lee Faber, selber schon fünffache Grossmutter, nun herausgeben hat, heisst ja eigentlich „Was Oma noch wusste“. Und ich lese in der deutschen Übersetzung, die soeben bei Pendo herausgekommen ist, im ersten Buchteil vergnügt und dankbar über so manches Geheimmittel oder – noch wichtiger -  über die Vereinfachung und Reduktion von Putzmaterialien, von der ich sogar hier im alten Europa noch nie was gehört hatte.

Bevor ich auf die durchaus zahlreichen positiven Details im Buche eingehe, möchte ich noch erklären, wie ich zu obigem Titel meines Berichtes gekommen bin. Wusste Oma das schon? drängt sich nämlich spätestens ab Seite 74 lebhaft auf, wenn wir uns zum Beispiel von der sicherlich ausgezeichneten Hausfrau, Mutter, Grossmutter und Kochbuchschreiberin darüber aufklären lassen müssen, was wir zu tun haben, wenn das Gemüse versalzen ist. Da ich nun persönlich von meiner Mutter und auch von meiner Oma den wirklich todsicheren Tipp erhalten habe, in einem solchen Fall eine rohe, geschälte Kartoffel oder Brotrinde in das versalzene Kochgut zu geben, empfiehlt mir Frau Faber schlicht und ergreifend – „einfach mehr Gemüse hinzuzufügen oder Tomaten oder Gemüsesaft“ – es also zu verwässern. Gleich darauf gibt sie auch zu bedenken, dass, wenn diese Auffüll-Methode daneben geschlagen habe, mir nichts anderes übrig bleibe, als mich „geschlagen zu geben und das Essen zu entsorgen“! Haha! Da war meine Grossmutter aber cleverer als die ihre!

Dass man hingegen Zitronen vor dem Auspressen, eventuell in einer Schüssel warmen Wassers, auf Zimmertemperatur bringen soll, damit sie mehr Saft abgeben, nehme ich dankbar zur Kenntnis, wie so vieles andere auch, z.B. wie man die Frische von Eiern prüft, oder was ich - ganz ohne chemische Keule vom Tierarzt - gegen die Flöhe unternehmen kann, die mein Hund regelmässig einzuschleppen versucht. Man sieht – die Bandbreite der Tipps ist enorm.

Für Vieles im ersten Buchteil, das heisst in den Kapiteln “Haushaltstipps und Hausmittel“ bin ich Frau Faber geradezu dankbar. So habe ich als leidenschaftliche Teetrinkerin erstmals erfahren, wie der bräunlich Tee- (oder auch Kaffee-)Belag aus den Tassen wegzukriegen ist: einfach Salz drauf und mit einem feuchten Tuch nachwischen! Seitdem erstrahlt mein Tee- und Kaffeeservice wieder in appetitlichem Glanze – auch im Innern der Tassen! Versuchen Sie’s! Und die alten Hausmittel gegen allerlei kleinere Leiden können in einzelnen Fällen sicher wirksam sein, auch wenn oft genaue Mengenangaben fehlen, was die Sache nicht gerade erleichtert. Doch von vielen derartigen Tipps kann man als LeserIn wirklich profitieren. Ob allerdings die Oma schon den Rat befolgt hat, eine alte Strumpfhose zusammen zu knüllen und damit die frisch geputzten Schuhe abzureiben, damit sie glänzend werden, bezweifle ich. Auch glaube ich nicht wirklich, dass Frau Fabers Grossmutter schon so progressiv und biologisch gedacht hat und im Hausgarten das Unkraut kontrolliert stehen liess. Etc. etc.

Denn hier sind wir bei den beiden restlichen Dritteln des Buches angelangt. Und die bestehen aus Kochtipps für eine Hausfrau oder für einen Hausmann von heute (von letzterem ist aber bezeichnenderweise nie die Rede!), aus durchaus vernünftigen Methoden moderner  Kindererziehung und vor allem aus Kochrezepten, die kaum Grossmütterliches mehr an sich haben. Wer glaubt, hier alte, verloren gegangene Rezepte vorzufinden, täuscht sich. Aber die angegebenen Koch- und Backanleitungen sind akzeptabel, wenn auch der american touch unverkennbar ist. Das Buch besteht im letzten Drittel aus Anleitungen für unendlich viele Details des weiblichen Lebens wie Einkaufen, Aufbewahren, Putzen (Wie putze ich das Badezimmer in 10 Minuten?), Mode, Kosmetik oder Pflanzen und Haustiere. Und vor allem: Benimm-Regeln.

Man erhält beim Durchblättern den Eindruck, dass Frau Faber von ihrer Umgebung dankenswerterweise gedrängt worden ist, ihren durchaus grossen Schatz an alten hausfraulichen Tricks und überlieferten, wirksamen Methoden einmal niederzuschreiben. Aber dann musste sie das Buch irgendwie auffüllen, damit es nicht nur ein Büchlein bleibe. Schade. So ist es eigentlich ein ärgerliches Kompendium à la Haushaltschule für höhere Töchter geworden, die nach alter Grossvätersitte auf ihr Leben als Ehefrau und Mutter vorbereitet werden sollen. Anleitungen zum Hausfrauendasein, wie vor 100 Jahren. Und auf solche Oma-Methoden möchten wir doch heute eigentlich verzichten, oder etwa nicht?

„Was Oma noch wusste - Von Fleckenteufeln, Fliederblüten und anderen Wundermitteln“ von Lee Faber. Pendo-Verlag, ISBN 978-3-86612-261-1