Er war ein musikalisches Wunderkind, der 1897 im mährischen Brünn geborene Erich Wolfgang Korngold. Nach zwei vom Wien der Jahrhundertwende vielbeachteten Jugendwerken gelang ihm mit nur 23 Jahren mit „Die tote Stadt“ der grosse Wurf seines Lebens. Das Libretto nach dem symbolistischen Roman von George Rodenbach „Bruges-la-morte“ verfasste Korngolds eigener Vater Julius, allerdings unter dem Pseudonym Paul Schott.
Erfolgreiches Wagnis
Paul heisst auch der Hauptheld des rund zweieinhalbstündigen Werkes in drei Bildern, eine Tenorpartie von allerhöchstem Anspruch sowohl für Stimme als auch die szenische Umsetzung. Im grossen Tenor Richard Tauber hatte Korngold seinerzeit die kongeniale Besetzung gefunden. Aber Taubers wachsen nicht gerade auf den Bäumen, und so ist – vom veränderten, heutigen Publikumsgeschmack einmal abgesehen – die Oper sehr selten auf unseren Bühnen zu erleben. Umso erstaunlicher ist es, dass das für ein derartig üppig besetztes Orchester und den ausnahmslos schwierigen Hauptpartien doch recht kleine Berner Haus sich – allerdings in Koproduktion mit dem Staatstheater Nürnberg - an die Umsetzung wagte. Und, das darf schon vorweg verraten werden, dabei sehr erfolgreich war.
Was Leben ist, weiss ich nicht
In dieser 1920 uraufgeführten Oper erwartet uns kein sieghafter Tenor-Held, sondern ein rückwärtsgewandter, bis zu rauschhafter Nekrophilie an seiner geliebten toten Frau Marie hängender, zutiefst verstörter noch junger Mann, der an einem Punkt angelangt ist, an dem sein Leben stillzustehen scheint. „Was Leben ist, weiss ich nicht!“ Da begegnet er in Brügge einer der Toten zum Verwechseln ähnelnden Frau, einer Tänzerin, die ihn kurz vor einer Theaterprobe in seinem von Erinnerungsstücken und –bildnissen angefüllten Hause besucht. Nach ihrem Weggang erlebt Paul in einem äusserst realistischen Tagtraum Annäherung, Liebesrausch und Abstossung mit dieser Marietta, die er schliesslich mit dem Haar seiner toten Frau erdrosselt. In die Realität zurückgekehrt, entschliesst er sich auf Anraten seines Freundes Frank, Brügge, die Stadt der Toten, für immer zu verlassen. Soweit die Kurzfassung eines enorm vielschichtigen Werkes.
Konglomerat grosser Opernmusik
Korngolds Musik oszilliert zwischen den Kompositionsstilen alle Musikgrössen der vorletzten Jahrhundertwende und erinnert – bei aller Originalität der Melodiefindung - oft an vergleichbare Stellen vor allem bei Richard Strauss, in der Instrumentierung an Gustav Mahler oder, um weiter nach hinten zu datieren, bei Berlioz „Symphonie fantastique“, und sogar - in der grossen Szene der Marietta als männermordende Diva - an die Figur der Giulietta in „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach. Korngold zitiert sogar bewusst aus Giacomos Meyerbeers grosser romantischer Oper „Robert der Teufel“, dem Stück im Stück, in dem Marietta in einer burlesken Szene voller Symbolik auftritt. Die Tenorpartie hingegen hat ihren Höhepunkt in der grossen Szene von Pauls Beschreibung der „heiligen Prozession“, die vor seinem Fenster vorbeizieht, im Aufbau an die Tedeum-Szene aus Puccinis Tosca erinnernd, in der Intensität der gesteigerten Verzweiflung und Sehnsucht sich geradezu Wagners Tristan annähernd. Aber das sind alles nur Hinweise, um diese grosse spätromantische Musik etwas näher vorstellbar zu machen. Im damals noch so jungen Komponisten Korngold scheint alle grosse Opernmusik seiner Zeit zusammengeflossen zu sein, um in einem faszinierenden Konglomerat wieder neu erschaffen zu werden. Kein Wunder, war die Oper sofort ein Grosserfolg und Korngold praktisch sofort weltberühmt. Dies sollte ihm und seiner jüdischen Familie auch das Leben retten. Buchstäblich im letzten Moment sagte der Komponist, der bereits in Amerika gearbeitet hatte, zu, die Filmmusik zu „Robin Hood“ zu schreiben. So entkamen er und seine Familie den Nationalsozialisten, die ihn bereits in der Ausstellung „Der ewige Jude“ stigmatisiert und beschimpft hatten. Als Filmkomponist für Warner Brothers reüssierte Korngold in einer zweiten Karriere zum sogenannten „Puccini der Filmmusik“, was ihm mehrere Oscar-Nominierungen eintrug. Seine letzte grosse Oper “Heliane“ erreichte allerdings nie den Ruf und Erfolg der “Toten Stadt“. Korngold starb 1957 in Kalifornien.
Zwei Ohrwürmer
Es wurde anfangs schon gesagt: Die Oper steht und fällt mit der Besetzung der riesigen Tenorpartie. In Bern konnte man den jungen deutschen Tenor Niclas Oettermann in der die Rolle des Paul kennenlernen, dieses von Trauer und Liebessehnsucht zerrissenen Suchenden, eine Rolle, die nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch sehr viel abverlangt. Oettermann meisterte die Aufgabe bravourös. Er spielt überzeugend, hin- und hergerissen von den Tagträumen des hilflosen Helden. Und, das Wichtigste: seine Stimme wird auch in sehr hohen Lagen niemals eng. Ihm gegenüber steht mit hellem, gut geführtem Sopran die junge Amerikanerin Mardi Byers, alles beherrschende, sinnliche Femme fatale und Liebende zugleich, in der Rolle der Marietta. Bemerkenswert in dieser durchkomponierten, psychologisch raffiniert aufgebauten Oper ist die Tatsache, dass die beiden „Ohrwürmer“ der Oper fast nichts mit der Handlung zu tun haben. Es sind zwei Lieder, fast im Volkston, ähnlich eingesetzt wie bei Lortzings französischem Gesandten in „Zar und Zimmermann“ mit der Arietta „Lebe wohl, mein flandrisch Mädchen“. Diese Ohrwürmer sind bei Korngold Mariettas Lied „Glück, das mir verblieb“ und, noch bekannter, das Lied des Baritons „Mein Sehnen, mein Wähnen, es träumt sich zurück“. Dieses Sehnsuchtslied nach der rheinischen Heimat im nordischen Brügge wird gesungen von Frank, Pauls Freund und schliesslichem Retter, hier vom mexikanischen Bariton Gerardo Garciacano symphatisch unprätentiös mit warmem Timbre und schöner Stimmführung interpretiert.
Schillernd, trunken und grotesk
Warum Frank aber – und jetzt sind wir bei der Inszenierung der deutschen Regisseurin Gabriele Reich – dazu innerhalb der turbulenten Commedia dell’arte-haften Szene im zweiten Bild in das grelle Kleid eines Transvestiten schlüpfen muss? Ich kann es mir nur dahingehend erklären, dass die sonst an Regieeinfällen übersprudelnde Regisseurin dem echten Sentiment der Arie, der Wahrheit, die in solchem vom Komponisten bewusst eingesetzten tonalen Schönklang liegt, misstraut – desgleichen beim Marietta-Lied. Heutzutage scheint auf den Bühnen oft ein trauriger Horror vor echtem Gefühl zu bestehen – die Angst vor der „Kitsch-Falle“ ist übergross. Dabei ist die Oper ansonsten klug und einfallsreich inszeniert. Besonders die Szene der Tänzer- und Theatertruppe nach Mariettas Theaterprobe hat in Spiel und Kostümierung viel von Korngolds Zeitgenossen, dem belgischen Maler James Ensor, schillernd, trunken und grotesk (Kostüme: Gabriele Heimann; Bühne: Stefanie Pasterkamp).
Grosse Klänge
Das Berner Symphonieorchester trumpft unter der temperamentvollen Leitung des serbischen Dirigenten Srboljub Dinic mit grossem Klängen, aber auch anrührend zarten Passagen auf. Der während des ganzen Abends hinter der Bühne postierte Chor hat wichtige und nicht immer leichte Partien mitzutragen. Sowohl er als auch die übrigen kleineren Soli (hervorstechend darunter: Anja Schlosser als Brigitta) runden den Abend überzeugend ab. Anhaltender, begeisterter Applaus mit Standing Ovations und nicht endenwollenden Bravorufen dankte allen Beteiligten für diese ungewöhnliche und geglückte Anstrengung. Unbedingt hingehen! Die Oper wird nur sehr selten aufgeführt!Erich Wolfgang Korngold: „Die tote Stadt“ Oper in deutscher Sprache. Stadttheater Bern. Nächste Aufführungen 9., 12., 30.4.; 4., 11., 17.5.; 5., 19.6.Alle Aufführungsfotos: © Stadttheater Bern
www.stadttheaterbern.ch