Leben

Osterschmuck

Osterschmuck

Über eine alte sorbische Tradition, Ostereier zu verzieren.

Jedes Jahr in der Osterzeit bewunderte ich als Kind die reich verzierten Ostereier, die in einigen Familien oder in den damals seltenen Dresdner Kunstgewerbeläden zu sehen waren. Meistens ein-, seltener mehrfarbig mit den feinsten Mustern versehen, wirkten sie am schönsten an Kätzchen- oder Birkenzweigen.

Diese Ostertradition wird seit Jahrhunderten von den Sorben gepflegt, einer kleinen slawischen Minderheit, die östlich von Dresden in der Lausitz beheimatet ist. Solche kunstvoll verzierten Eier kennt man übrigens auch in anderen osteuropäischen Ländern, in Polen, Tschechien, Ungarn oder Rumänien.

Wie entstehen solche Ostereier?

Normalerweise nimmt man ausgeblasene Eier, die eine genügend dicke Schale haben. Es gibt verschiedene Techniken: die Kratz- und die Ätztechnik, die Wachs-Batik-Technik, die Wachsbossiertechnik. Bei der Kratz- ebenso wie bei der Ätztechnik wird das Ei zuerst als Ganzes gefärbt und anschliessend die Farbe mit einem geeigneten feinen Messer oder einer Nadel weggekratzt bzw. weggeätzt. Wenn man kratzt, entstehen klare Linien und Muster, während sie beim Ätzen verschwimmen. Wer ein Ei mit mehrfarbigen Verzierungen wünscht, arbeitet mit Wachs, deckt zuerst einen Teil ab, dann den anderen oder trägt das Wachs direkt auf das gut vorbereitete Ei auf.

Auch die festeste Eierschale ist zerbrechlich, zudem ist ein Ei bekanntlich rund bzw. oval und nicht sehr gross. Deshalb kann man sich leicht vorstellen, dass es grosse Fingerfertigkeit, gekonnten Umgang mit den feinen Malutensilien und nicht zuletzt graphisches Geschick bei der Auswahl und dem Aufbringen der Muster erfordert, um solche Ostereier zu herzustellen.

Die Sorben – meistens jedoch die Sorbinnen - im Osten Sachsens pflegen diese Tradition schon jahrhundertelang, seit wann genau, ist nicht dokumentiert. Ihre charakteristischen Muster findet man auch auf anderen Gegenständen, Stoffen oder Bildern der sorbischen Kultur.

Wer sind die Sorben?

In der Lausitz und im südlichen Spreewald, im Osten Deutschlands, lebt das Volk der Sorben schon länger als die Deutschen selbst. Die Sachsen, nach denen das heutige Bundesland Sachsen benannt ist, sind nämlich erst im Laufe des 10. Jahrhunderts aus ihren Stammlanden, (grob gesagt) dem heutigen Niedersachsen, der Elbe entlang und durch Thüringen nach Osten gezogen und haben das dünn besiedelte Land nach und nach in Besitz genommen und kolonisiert. Die slawischen Völker, die damals dort in kleinen Gemeinschaften vorwiegend als Bauern, Fischer und Jäger lebten, wurden zwar nicht im grossen Stil verdrängt, sie mussten sich aber der Herrschaft der sächsischen Herren unterwerfen.

Die Sorben – heute das kleinste slawische Volk - konnten Literatur, kulturelle und religiöse Traditionen sowie ihre Sprache am besten bewahren. In unserer Zeit hat jedoch auch das Sorbische wie viele Sprachen von Minderheiten mit dem Aussterben zu kämpfen. Auch wenn es Fernseh- und Radiosendungen in sorbischer Sprache gibt, so spricht doch jeder Sorbe, jede Sorbin perfekt Deutsch. Vor der Wende profitierten die Sorben davon, dass sie ein slawisches Volk sind. Die DDR-Regierung – auf die Sowjetunion fixiert – wollte oder musste sie als Minderheit schützen. Zu dieser Zeit hörte ich einmal einen Sorben, der nach seinem Lieblingsreiseziel gefragt wurde, antworten, er würde am liebsten nach Serbien (damals Teil von Jugoslawien) fahren, denn dort würde man ihn bestens verstehen, das Serbische sei dem Sorbischen sehr nah. Die Sprachwissenschaftler sehen allerdings eher eine Verwandtschaft zum Tschechischen und Polnischen.

Es erstaunt nicht, dass die sorbischen Traditionen heute nur in ländlichen Gebieten überleben, wie es die Lausitz ist, hügelig, mit viel Wald, Wiesen und Feldern. Und wer in die Stadt gezogen ist, macht fünf Wochen vor Ostern einen Ausflug nach Bautzen zum Ostermarkt, wo die schönsten Ostereier prämiert werden. – Aber fürs Eier-"Tütschen" sind sie auf jeden Fall zu schade!

Mehr über die Sorben und ihre Geschichte erfahren Sie hier.

Mehr über die Techniken der Ostereierverzierung finden Sie auf der Webseite von Martina Moraweg, der ich hiermit für die freundliche Genehmigung zur Nutzung ihrer Fotos herzlich danke.

 

Kommentare

Bild des Benutzers Bernhard Schindler

Osterreiten der Sorben

Dem hervorragenden Osterartikel von May ist folgender Text beizufügen, der im Seniorweb bereits 2006 erschienen ist. Es geht um die Weiterverbreitung dr Osterbotschaft per Pferd zu den angrenzenden Dörfern der Sorben.

 

Osterbotschaft zu Pferd ins nächste Dorf gebracht

 

Zu den heute noch sehenswerten sorbischen Traditionen in der Oberlausitz gehört das Osterreiten, an dem Jahr für Jahr bis zu 1500 Reiter mit ihren Pferden den Nachbargemeinden die Osterbotschaft verkünden.

 

Bernhard Schindler (2006)

 

Die Sorben und Wenden entstammen slawischen Völkerschaften, die während der Völkerwanderung die von den Germanen geräumten Gebiete an Weichsel und Oder (südöstlichster Teil der ehemaligen DDR) besiedelten. Ursprünglich stammten sie aus dem heutigen Polen und der Tschechei, worauf die Ähnlichkeit der Sprachen in der Nieder- und der Oberlausitz hinweisen. Sie haben über die Jahrhunderte ihre Traditionen bewahrt und sind innerhalb Deutschlands wie die Dänen in Schleswig-Holstein eine eigene Nation mit eigener Amtssprache.

 

Noch 20 000 „echte“ Sorben

 

1904 begann in den sorbischen Gebieten eine Art Renaissance. Eine jungsorbische Bewegung besann sich ihrer Traditionen und schuf Strukturen zum Erhalt der sorbischen Nation. In der Nazizeit wurden alle sorbischen Vereine verboten, aber schon in Zeiten der DDR lebte der sorbische Selbstbestimmungsgedanke wieder auf.

 

Da in der Bundesrepublik kein Deutscher seine Nation angeben muss, ist man nach der Wende über die Anzahl der noch „echten“ Sorben auf Vermutungen angewiesen. Nach neuesten Schätzungen leben noch rund 20 000 Sorben in ihrer traditionellen Weise, die älteren Frauen tragen sogar an Werktagen ihre Tracht, und benützen einen der drei Dialekte des Sorbischen als ihre Muttersprache. Insgesamt 60 000 Menschen in der Lausitz bezeichnen sich noch als sorbisch, auch wenn sie sich untereinander auf Deutsch unterhalten. Die so genannten Wenden stammen aus der gleichen Volksmasse. Der Name ist einem Teil der Sorben geblieben, weil die Römer alle slawischen Völker, mit denen sie in Berührung kamen, als „Veneti“ bezeichneten.

 

Vielseitiges Brauchtum blieb erhalten

 

Nach der Reformation Luthers blieben die Sorben rund um 17 damals bestehende und teilweise heute noch von Nonnen und Mönchen besiedelte Klöster wie St. Marienstein dem katholischen Glauben verbunden. Luther-Nachfolger Melanchton liess zwar eine erste sorbische Bibel drucken, aber die meisten Sorben sind dem alten Glauben bis heute treu geblieben. Einige der sorbischen Traditionen allerdings gehen auf heidnische Zeit zurück, so das „Osterwasser“, das die heranwachsenden Mädchen jeweils früh am Ostermorgen von einer nahen Quelle holen müssen. Es soll schön machen und Wunden heilen. Allerdings lauert den Mädchen jeweils ein Harst von jugendlicher Burschen auf, welche die Mädchen zum Reden bringen wollen. Nur, wer von den Mädchen bis zu Hause kein Wort spricht, hat das echte Osterwasser geholt. Das „Plapperwasser“ nützt nichts und die Mühe wäre vergebens.

 

Osterreiter verkünden: Christus ist auferstanden!

 

Zu den Osterbräuchen wie dem kunstvollen Eier-Bemalen und vielen Kinderspielen rund um gekochte Eier gehört das Osterreiten. Von Kirchspiel zu Kirchspiel tragen die Osterreiter in der katholischen sorbischen Oberlausitz die Frohe Botschaft des auferstandenen Christus: „Dzens Chrystus z mortwych stanyl je, haleluja...“ (Auferstanden ist Jesus Christus)

 

In neun verschiedenen Zügen reiten die Männer eines Ortes in altehrwürdigem Ritual (Zylinder und Frack obligatorisch), versehen mit der Christusstatue der eigenen Kirche und den Kirchenfahnen, von einem Dorf zum andern. Sie singen sorbische Osterlieder und beten ihre alten Gebete. Die Pferde, die aus der ganzen Lausitz stammen, sind schon am Vortag angekommen. Sie werden mit Maschen am Schwanz geschmückt, mit Bier und Holzröllchen werden die Mähnen aufgestellt,. Unter dem Läuten der Kirchenglocken (die von Karfreitag bis Ostersamstag Abend geschwiegen haben) reitet die Prozession zunächst dreimal um Pfarrkirche und Kirchhof, und die Osterreiter bitten um den Segen Gottes für die Lebenden und um ewiges Heil für die Verstorbenen. Dann erst reiten die Prozessionsteilnehmer in den Nachbarort, von wo aus zur gleichen Zeit die Gegenprozession startet, die das andre Dorf besuchen. Dabei dürfen sich die beiden Prozessionen nicht begegnen, sie halten also eine unterschiedliche Route für Hin- und Rückweg ein.

 

Bis zu 1500 Osterreiter nehmen im sorbischen Dreieck Bautzen-Kamenz-Wittichenau an der Prozession teil, die bis ins Ende des 15. Jahrhunderts nachgewiesen werden kann. An einigen Orten nehmen auch Deutsche Reiter an der Prozession teil, Frauen allerdings findet man nicht unter den Reitern. Sie bewirten die eigenen und die fremden Osterreiter in ihren Dörfern mit kulinarischen Köstlichkeiten der sorbischen Küche.

 

Jedes Jahr finden folgende Osterritte statt: Rabitz-Wittichenau, Crostwitz-Pauschwitz-Kuckau, Radibor-Storcha, Nebelschütz-Ostro, Bautzen-Radibor und Zerkwitz.Klein Raddau.

 

Nach dem Niedergang geht’s aufwärts

 

Die einst bäuerliche Bevölkerung der Lausitz wurde spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg zu industriellen Diensten verpflichtet. Die alte Bauernsame starb aus, als die kleinen Bauerngüter zu „volkseigenen Betrieben“ zusammengeschlagen wurden. Das Pferd wurde kaum mehr für die Landwirtschaft benötigt. Kontinuierlich nahm die Zahl der Ostereiter ab und sank bis 1974 unter 500. Da begannen die Sorben, sich ihre Pferde von weit her auszuleihen. Freundschaften entstanden so und blieben bis heute erhalten. Die Pferde werden aus Ställen und Gestüten Brandenburgs, Sachsens und von Görlitz in die Lausitz gebracht, hier standesgemäss in zu Ställen umfunktionierten Scheunen und Fabrikhallen logiert. Das Schmücken der Pferde nimmt immer noch viel Zeit in Anspruch. In den Jahren nach 2000 nahm die Zahl der Osterreiter stetig zu und dürfte 2007 über 1600 betragen haben!

 

 

Sorbisches Brauchtum, Osterreiten in der Oberlausitz

 

http://www.tcm-kp.de/sorbbrauchtum/osterreiten/index.html