In den rasch alternden Gesellschaften von Industriestaaten wird ein stark steigender Aufwand in der Alterspflege erwartet. Die OECD empfiehlt, sich frühzeitig darauf einzustellen.
ske. Paris. Die Kosten für die Alterspflege werden sich in den Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bis 2050 voraussichtlich mehr als verdoppeln. Gemäss einer soeben unter dem zugkräftigen Namen "Help wanted" publizierten Studie zur Langzeitpflege macht der demografische Wandel einen schnellen Umbau der bisherigen Systeme in den Industrieländern unumgänglich. Andernfalls drohen erhebliche Engpässe bei der Versorgung der Menschen.
Demografischer Wandel, Prognosen: Anteil der über 80-Jährigen an der Gesamtbevölkerung. (Zum Vergrössern Bild anklicken)
Aufwendig und teuer
In Ländern wie Deutschland oder Japan werden im Jahr 2050 laut OECD-Schätzungen knapp 15% bzw. 17% der Bevölkerung über 80 Jahre alt sein. Derzeit sind es in den beiden Ländern nur 5%. Die Pflegekosten, die derzeit im OECD-Raum bei 1,5% der Wirtschaftsleistung liegen, würden sich in Deutschland von momentan 1,3% auf 2,5% des Bruttoinlandprodukts und in der Schweiz von 0,8% auf 1,6% verdoppeln.
Die OECD erwartet angesichts dieser Entwicklung eine dramatische Zuspitzung der Lage. Einerseits seien immer mehr Menschen auf Pflegeleistungen angewiesen, andererseits könnten immer weniger in den Familien gepflegt werden. Grund dafür seine die loser werdenden familiären Bindungen und die steigende Anzahl von berufstätigen Frauen. Ein Durchwursteln wie bisher könne es künftig nicht mehr geben. Es ergeht die Aufforderung, eine gezielte Strategie auf dem Gebiet Pflege zu betreiben. Die bisherigen Anstrengungen seien meist unzureichend. Schon aus ökonomischen Gründen sei es vernünftig, mehr finanzielle Anreize für Menschen zu schaffen, die Freunde oder Angehörige pflegten, und ihnen zusätzlich ein Recht auf flexible Arbeitszeiten oder psychologische Beratung zu geben.
Das allein reiche aber nicht. Die Langzeitpflege müsse auf eine breitere Basis gestellt werden. Die finanziellen Anreize für die Alterspflege müssten verbessert werden und auch Einwanderer gezielt für diese Berufe geworben werden. In Ländern wie Österreich, Griechenland, Israel oder Italien stellten die Zuwanderer schon jetzt die Hälfte aller Arbeitskräfte in der Alterspflege. Auch die Effizienz der Pflege sei zu verbessern, etwa durch das Fördern von Wettbewerb in der Pflegebranche. Ziel all dieser Massnahmen müsse es sein, Bedürftige so lange wie möglich zu Hause wohnen zu lassen.
Private Pflegeversicherung
Obwohl 2008 nur ein Drittel der Pflegebedürftigen in Heimen oder in Sanatorien untergebracht war, entfielen auf sie zwei Drittel aller Kosten. Die OECD spricht sich in ihren Empfehlungen nicht für ein bestimmtes Finanzierungsmodell aus. Während nordeuropäische Länder die Pflege häufig über Steuern finanzierten, gebe es in Ländern wie Deutschland, Japan, Südkorea oder den Niederlanden spezielle Pflegeversicherungen, die sich als vernünftig erwiesen hätten. Private Versicherungen könnten eine Rolle spielen, blieben jedoch ein Nischenmodell, wenn sie nicht verpflichtenden Charakter hätten.
Erschienen in der "Neuen Zürcher Zeitung" am 19.05.2011.
Copyright mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung.
(bp)
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und die Situation in der Schweiz?
"Grundsätzlich weist der Bericht zu Recht auf eine weltweit neue, ernst zu nehmende Herausforderung hin. Allerdings so wie wie dieser Artikel abgefasst ist, sagt er für die Schweiz wenig aus. Er berücksichtigt vor allem die seit 1996 neu eingeleiteten Massnahmen, Änderungen und Anpassungen bei der obligatorischen Krankenversicherung (KVG) insbesondere im SPITEX und Pflegebereich nicht, die politisch laufen um unser System an diese Herausforderungen anzupassen. Uns fehlen anerkennende Worte an die politisch verantwortlichen Gremien und Verbände in der Schweiz. (Bund, Kantone und Gemeinden)
OBSAN das schweizerische Gesundheitsobservatorium (www.obsan.ch) oder das Bundesamt für Statistik BFS (www.statistik.admin.ch) liefern uns laufend wertvolle Zahlen, Statistiken, Studien und Berichte zu diesen Themen die ganz speziell auf unsere schweizerischen Bedürfnisse zugeschnitten sind."