Nach konzentrierter Schreibtisch- oder Computerarbeit regenerieren sich Körper und Geist am besten durch einen Spaziergang an frischer Luft. Dabei kommen uns manchmal sogar die besten Ideen. Zu den Zusammenhängen zwischen Bewegung und den Vorgängen im Gehirn gibt Frau Prof. Dr. Brigitte Stemmer Auskunft aus neurowissenschaftlicher Sicht.
SW: Wie erklärt man sich den Zusammenhang zwischen körperlichen Aktivität und geistiger Frische?
B. Stemmer: Körperliche Aktivität hilft, Lernvorgänge und andere geistige Fähigkeiten zu fördern, indem im Gehirn die Produktion bestimmter Proteine und biochemischer Substanzen und die Neubildung von und Kommunikation zwischen Zellen angeregt werden. Letztendlich werden dadurch Alterungsprozesse im Gehirn verlangsamt oder kompensiert – das Gehirn wird sozusagen "frisch" gehalten.
Aus der neurologischen Forschung hört man heutzutage die – besonders für ältere Menschen - positive Nachricht, dass sich Hirnzellen bis ins hohe Alter erneuern können, sofern man sie fordert und fördert. Könnten Sie uns diese Erkenntnisse bitte etwas erläutern?
Entgegen alter Lehrmeinungen wissen wir heute, dass sich auch im Gehirn neue Zellen bilden können – und das ein Leben lang. Dies ist bisher für einige bestimmte Hirnregionen belegt. Dazu gehört beispielsweise die Hirnregion, die massgeblich an Lernprozessen beteiligt ist. Voraussetzung ist, dass wir uns aktiv bewegen und uns fordern, sowohl körperlich als auch geistig.
Welche Funktionen des Gehirns werden durch regelmässige körperliche Bewegung besonders gefördert?
Körperliche Aktivität verbessert unsere Kontroll-, Planungs- und Organisationsfähigkeit. Weiterhin werden Lernprozesse, das visuell-räumliche Gedächtnis und die Geschwindigkeit, mit der wir Informationen verarbeiten, gefördert.
Kann man beim Training von Muskeln und Gehirn übertreiben? Kann man etwas falsch machen?
Solange man das körperliche Training den individuellen Fähigkeiten und dem Gesundheitszustand anpasst und natürlich auch Ruhephasen einlegt, sehe ich nicht, inwieweit man hier übertreiben könnte. Allerdings ist alleiniges Muskeltraining nicht optimal - grosse Muskeln bedeuten nicht unbedingt bessere geistige Fähigkeiten. Es scheint eher so: Je besser die allgemeine körperliche Fitness, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer guten geistigen Fitness im Alter.
Ein Spaziergang bringt ja nicht nur Körper und Geist in Bewegung und entspannt zugleich, er wirkt auch aufs Gemüt. Besteht ein Zusammenhang zwischen seelischer Heiterkeit und unserem Denkvermögen?
"Seelische Heiterkeit" ist ja ein weiter Begriff. Aber allgemein gesprochen wissen wir, dass körperliche Ertüchtigung sich positiv auf die Gemütslage auswirkt. Weiterhin hat die Forschung gezeigt, dass eine depressive Gemütslage das Denkvermögen einschränkt. Allerdings ist mir keine gut kontrollierte Studie bekannt, die einen direkten positiven Zusammenhang zwischen körperlicher Bewegung, positiver Gemütslage und geistigen Fähigkeiten belegt.
"Wer rastet, der rostet." Das haben wir schon von unseren Grosseltern gehört. Nun kann dieses Sprichwort sozusagen wissenschaftlich bewiesen werden. Welche Empfehlung würden Sie unseren Leserinnen und Lesern mitgeben?
Keep on moving – körperlich und geistig!
Prof. Dr. Brigitte Stemmer lehrt und forscht im Bereich Neurowissenschaften und Neuropragmatik an der Université de Montréal, Canada. Sie gehört zum Herausgeberteam der Zeitschrift "Brain und Cognition".
Am 4. Juni findet in Romanshorn die Tagung der TERTIANUM-Stiftung "Generationen in Bewegung" statt. Dort hält Frau Prof. Stemmer einen Vortrag zu diesem Thema und steht auch für Gespräche zur Verfügung.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von www.senline.net, der neuen Online-Zeitung der TERTIANUM-Stiftung.
Was jede(r) für sich tun kann - Lesen Sie hier nützliche Hinweise!
Titelfoto: © Andrea Kusajda / pixelio.de
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SimA - Selbständig im Alter
SimA-Akademie e.V., Prof. Dr. W.D. Oswald
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Die SimA-Akademie e.V. versteht sich als Organ zur Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse aus den Bereichen der Gerontologie. Hervorgegangen ist sie aus der 1991 am Institut für Psychogerontologie der Universität Erlangen-Nürnberg unter der Leitung von Prof. Dr. Oswald begonnenen Interventions- und Längsschnittstudie "Bedingungen der Erhaltung und Förderung von Selbstständigkeit im höheren Lebensalter" (SimA). Die Langzeitstudie läuft zum heutigen Tag noch immer.
Das SimA-50+ Trainingsprogramm greift auf die im Rahmen der 1991 begonnenen Interventions- und Längsschnittstudie "Bedingungen der Erhaltung und Förderung von Selbstständigkeit im höheren Lebensalter" gewonnenen Erkenntnisse zurück. Ein Teilbereich der Studie beschäftigte sich mit der Evaluation verschiedener Übungs- und Trainingsansätze für selbständig lebende, ältere Menschen mit dem Ziel der Verbesserung und des Erhalts der Selbständigkeit.
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Gesunder Menschenverstand
Meine Grossmutter wurde 89 und war bis kurz vor ihrem Tode geistig und körperlich rüstig. Niemand hat ihr gesagt, dass sie sich geistig und körperlich bewegen muss. Sie hat einfach so gelebt wie es für sie stimmte. Mit viel gesundem Menschenverstand. Zeitlebens hat sie nie trainiert - weder geistig noch körperlich. Nach dem Mittagessen hat sie immer eine ausgedehnte Siesta genossen.