„Telemaco, Ossia l’isola di Circe“ (Telemach oder die Insel der Circe) ist der Titel der Oper, die nach nur zwei Aufführungen ihrer Wiener Uraufführung von 1765 von den Bühnen verschwand und erst 2003 beim English Bach Festival zum ersten Mal wieder szenisch aufgeführt wurde. Nun, 2011, erlebt das Werk in musikalisch äusserst glücklicher Besetzung eine Renaissance. In Koproduktion mit den Schwetzinger Festspielen ist die Oper nach Schwetzingen in gleicher Besetzung im Theater Basel zu erleben.
Handlungsort ist die Insel der verführerischen Zauberin Circe, die den auf seiner Heimfahrt vom Trojanischen Krieg durch die Meere irrenden Ulisse gegen seinen Willen gefangen hält. Als Verkörperung ehelicher Treue und Tugend wartet derweil zu Hause in Ithaka seine Gattin Penelope jahrelang auf den Gatten und wird zunehmend von Freiern bedrängt. Da beschliesst der gemeinsame Sohn Telemach, sich auf die Suche nach dem Vater zu machen – und landet ebenfalls auf Circes Insel. Die Auseinandersetzung mit der werbenden Verführerin, die auch noch eine kretische Prinzessin als Dienerin gefangen hält, und die Flucht von Telemach mit Ulisse und seinen vorher in Bäume verwandelten Gefährten bilden das Handlungsszenario des Werks.
Christoph Willibald Gluck schrieb diese Oper über den gehorsamen Sohn Telemach im allerhöchsten Auftrag zu den Hochzeitsfeierlichkeiten der – übrigens nicht glücklichen - zweiten Ehe des österreichischen Kaisers Joseph II. mit Maria Josepha von Bayern. Gluck liess dabei – nur zwei Jahre nach der Premiere seiner aufsehenerregenden „Reformoper“ Orpheus und Euridike - all seinen Willen einfliessen, die Oper von unnatürlichem Zierrat und musikalischem Geträller zu befreien, um so ins Herz der Handlung und der Gefühle vorzustossen. „Die Nachahmung der Natur ist unstreitig das Ziel, das alle sich setzen müssen, und das auch ich zu erreichen strebe. Meine Musik, die ausnahmslos so einfach und natürlich ist, wie ich es nur vermag, will nichts anderes, als den Ausdruck mit höchster Deutlichkeit wiedergeben und die Deklamation der Dichtung verstärken. Aus diesem Grunde verwende ich keine Triller, Läufe oder Kadenzen, mit denen die Italiener so freigebig umgehen.“ (Ch.W. Gluck, Feb. 1773)
Wer also eine Gluck-Oper aufführen will, muss bestrebt sein, natürlich und bewegend zu agieren. Von den Protagonisten dieser Aufführung lässt sich das durchwegs sagen, allen voran von der schwedischen Sopranistin Agneta Eichenholz, die – einem Regieeinfall folgend – eine Doppelrolle als traurig wartende Penelope und meist mit Wutausbrüchen agierende Circe zu bewältigen hat. Sie bewältigt dazu bravourös auch die einzige grosse Arie in Altem Stil, wohl ein Zugeständnis Glucks an die geläufige Gurgel der Circe seiner Uraufführung. Ausgesprochen berührend agiert der kanadische Countertenor David DQ Lee als Telemach, sowohl stimmlich als auch szenisch mit grossem Ausdruck. In seinem anrührenden Arioso um die vermeintlich tote Mutter schwingt die Klage des Orpheus spürbar mit – einer der faszinierendsten Momente der ganzen Aufführung.
Das Theater Basel hat uns mit dem festen Engagement der französischen Mezzosopranistin Solenn’Lavant-Linke eine aussergewöhnlich ausdrucksstarke Stimme und Persönlichkeit beschert. Als Merione, die vermeintliche Abenteurerin, in Wirklichkeit aber Tochter des Königs von Kreta, beherrscht sie in jeder Sekunde die Bühne mit einer ungewöhnlichen Präsenz, die an jene der grossen Mezzosopranistin Waltraud Meier erinnert. In der Oper verhilft sie der Dienerin Asteria (wie immer in allen Facetten brillierend: die Schweizer Sopranistin Maya Boog) zur Anerkennung durch Ulisse und damit zur Flucht mit dem geliebten Telemach und allen Ithakern. Von der Regie her als tolpatschiger und ichbezogener Ignorant angelegt, erfreut der Pole Tomasz Zagorskials Ulisse vor allem mit einer geschmeidigen, mühelos geführten Tenorstimme.
Nicht ganz anfreunden kann ich mich mit der Inszenierung des deutschen Regisseurs Tobias Kratzer. In Circes Reich wird die Handlung im Stile eines Abenteurerfilms à la Indiana Jones abgespult, Urwaldinsel und Flugfeld in einem, was ja durchaus nachvollziehbar wäre (Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier).Die von Kratzer erfundene Rahmenhandlung mit der wartenden Penelope, die sich jeweils fliessend, und zwar inmitten der Arien (!), in Circe zu verwandeln hat, spielt jedoch im steifen Wohnzimmer-Interieur etwa der 30er Jahre, die strickende Penelope inmitten anderer Strickerinnen, ganz à la Spinnstube in Wagners „Der fliegende Holländer“. Der Holländer soll in diesem Falle wohl Ulisse, der auf den Meeren Irrende, sein.
Der Regisseur überlässt es unserem Assoziationsvermögen, was diese zeitliche Ansiedlung mit der Oper zu tun hat. Ich assoziiere höchstens mit den auf ihre Männer immer noch wartenden Frauen nach dem Ersten Weltkrieg als kühne Volte zu Penelope! Wie auch immer. Die musikalische Leitung liegt in Händen der jungen, aus Estland kommenden Dirigentin Anu Tali. Sie leitet das renommierte Freiburger Barockorchester mit klarer Zeichengebung, musikalisch vielleicht etwas konventionell ausgeleuchtet, aber in den Furioso-Ausbrüchen mitreissend. Die vielen und wichtigen Szenen mit dem Basler Theaterchor, hervorragend einstudiert von Henryk Polus,sind wie immer eine Freude an Präzision und Stimmklang.
Wer diese seltene Oper erleben möchte, muss sich sputen. Die wenigen verbleibenden Vorstellungen in Basel sind: 11., 13., 18., 22., 24. 26.6.
Abb.: Joseph-Siffred Duplessis: Porträt des Christoph Willibald Ritter von Gluck, 1775, Kunsthist. Museum Wien
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