Milena Mosers Kolumnen erscheinen in der „Schweizer Familie“. Sie sind Unterhaltung, Selbsterkenntnis der Autorin und ihrer Leserschaft, schweizerischer Alltag und darin versteckt Oasen des Wohlfühlens in der Wüste des hastigen Lebens.
Die Kolumnen sind offen, sehr offen, ohne exhibitionistisch zu wirken. Dennoch glaubt man, die Milena Moser nach spätestens fünf Beiträgen zu kennen – und ertappt sich bereits in der sechsten, neue Konturen der Autorin zu ergründen. Wer den ganzen Band gelesen hat – was ja häppchenweise jeweils kurz vor dem Lichterlöschen im Bett geschehen kann, erkennt, dass er/sie Milena Moser nicht besser und nicht schlechter kennt als die Nachbarin zur rechten oder den Arbeitskameraden zur Linken. Aber im Gegensatz zu diesen hat sie mir ein paar heitere Stunden geschenkt.
Allerdings passiert es - wenigstens dem Rezensenten – zuweilen, dass er Milenas Geschichten von ihren zwei Männern liest und dabei sich selber ein Stückchen näher kommt. Ich will hier nicht länger philosophieren und nur feststellen: Milena Moser schreibt Kolumnen, die Trouvaillen sind im Urgrund des schweizerischen Feuilletons, das leider immer mehr verödet. Umso verdienstvoller, dass die „Schweizer Familie“ noch Platz findet für Milena Moser. Und ihr sei inniger Dank für ihre Schreibe, die ganz entfernt an Johann Peter Hebel erinnert, aber auch an Ephraim Kishons „beste aller Ehefrauen“, an die Frieda-Geschichten von Hans Dieter Hüsch, an Tucholskys Glossen und Kästners Hausapotheke.

Milena Moser, Bild © Nina Süsstrunk
Es war Napoleon, der behauptete, es habe in Frankreich eine Krone in der Gosse gelegen, er habe sie nur noch aufheben und sich ins Haar drücken müssen.
Milena Moser findet ihre Geschichten im Wartsaal eines Arztes, in einem Restaurant, beim Zuhören der Handy-Telefonierer im Tram, in der Waschküche, beim Klämmerli-Aufstecken über die im Wind flatternde Wäsche oder eben in einem gottverlassenenen Dorf im Mittelland, wo einige Jugendliche High Noon spielen.
Akteure ihrer Betrachtungen sind Menschen wie Du und ich. Mit ihrer Kolumne aber hebt sie Dein oder mein Leben aus der Abwaschbrühe der täglichen Schufterei heraus. Wen sie beschreibt, ist wer.
Die Orte, an denen sich Milena Mosers Geschichten abspielen, können ein Bahnhofsklo sein. “Eine Toilette ist etwas, das jeder benutzt, worüber aber keiner spricht.“ Milena Moser schreibt darüber. Sie schildert das Kommen und Gehen in einem Bahnhofsklo, ihre Selbstsicherheit, die wächst, wenn sie sich pflegt. Frauen ziehen im Klo die Lippen nach, kontrollieren im blassen Spiegel ihre Frisur. Und Milena Moser folgert: „Dann schwingt in ihren Schritten die Gewissheit mit, dass sie alles getan haben, was möglich war. Sie sind schön, die Welt liegt ihnen zu Füssen. (flach oder hochhackig beschuht), mindestens für einen Abend. Und ich besteige den nächsten Zug beschwingt, gerührt und inspiriert. Andere gehen dafür ins Theater. Ich besuche das Bahnhofklo.“
Milena Moser hat Humor und Lebensweisheit, kann aber auch sehr unnachsichtig und stur sein. Sie schnappt ein, wenn sie unsicher ist, aber sie überwindet sich, ihre Lebensabläufe und die zwei Männer oder Lebensabschnittspartner, die Väter ihrer beiden Söhne erscheinen erträglich bis lustig. Man kann zwischen den Zeilen ahnen, dass nicht alles so einfach und leicht war, wie die Autorin es in ihren Kolumnen schildert. Aber gerade weil sie so versöhnlich ist, weil sie nicht subjektiv sein möchte, wo man/frau mit dem besten Willen nicht objektiv sein können, überzeugt sie. Das Leben ist ein Schmetterling. Sie fängt ihn behutsam, um sein Prunkkleid nicht zu verletzen. Sie schildert ihn, dann lässt sie den Sommervogel wieder fliegen.
Darum liebe ich ihre Geschichten. Ihre jüngsten Kolumnen, erschienen im Verlag Nagel & Kimche, sind im wahrsten Sinne Bettmümpfeli der feinen Art. Sie zergehen im Mund, hinterlassen ein angenehmes Gefühl im Gaumen und rutschen den Hals herunter, nicht ohne den Effekt, dass einem nachher manchmal das Lachen im demselben stecken bleibt!
Milena Moser „High Noon im Mittelland“ Nagel & Kimche, ISNB 978-3-312-00480.5
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Gluschtig gemacht !
Danke vielmal, Bernhard, für diese gluschtig-machende Buchempfehlung, ich freue mich schon auf die Lektüre !
Hannes