„Er war nett zu mir, und das macht mir Angst. Er hat mich nicht angeschrieen, was normal gewesen wäre, sondern war höflich. Ein Tonfall, als ob er mich siezen würde.
Er hat mich nicht gesiezt, das wäre ihm nicht in den Sinn gekommen, aber er hat meinen Namen gewusst. «Du, Gerron», hat er zu mir gesagt und nicht «Du, Jud»
Es ist gefährlich, wenn ein Mann wie Rahm deinen Namen kennt.
«Du, Gerron»,hat er gesagt, «ich habe einen Auftrag für dich. Du wirst einen Film für mich drehen.»“
Das ist der Anfang und der eigentliche „Plot“ des eben erschienenen neuen Romans von Charles Lewinsky, Fernsehregisseur und Schriftsteller, der so unterschiedliche Werke produziert hat wie „Fascht e Familie“ und „Fertig luschtig“, aber auch „Melnitz“ geschrieben, den Roman über die Ansiedlung und Verbreitung der Juden in der Schweiz von ihrer ersten Tolerierung im aargauischen Endingen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. „Melnitz“ hat vor acht Jahren für Aufsehen gesorgt, zeigte dieses Werk doch eine wenig bekannte Konstante in unserem Land, die Akzeptanz und teilweise Assimilierung der Juden in unserem Land. Die Figuren in „Melnitz“ sind erfunden. Auch wenn sie natürlich historisch belegbaren Personen eines ganzen Jahrhunderts nachempfunden sind.
Demgegenüber sind die Hauptpersonen in „Gerron“ durchaus real. Kurt Gerron, Sohn eines jüdischen Schneiders, war in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts als Kabarettist, Entertainer, Regisseur und Schauspieler eine bekannte Persönlichkeit. Er war Tiger Brown und sang den „Macky Messer“ in der legendären „Dreigroschenoper“ von Bert Brecht 1928, er spielte als Zirkusdirektor im „Blauen Engel“ neben Marlene Dietrich und wurde nach einer Flucht-Odyssee von den Nazis zusammen mit seiner Frau Olga in Holland geschnappt und 1943 nach Theresienstadt deportiert, wo er ein Lager-Kabarett gründete.
Sein Gegenspieler war Obersturmbannführer Karl Rahm, letzter Leiter und Verantwortlicher des Konzentrationslagers Theresienstadt, wohin hauptsächlich Oppositionelle und vom Namen her bekannte Juden zwecks Vernichtung in Auschwitz zwischen-„gelagert“ wurden. Karl Rahm hat tatsächlich den ihm in seiner Künstlertätigkeit aufgefallenen Gerron dazu gebracht einen Film über Theresienstadt zu drehen: „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ – einen Propagandafilm, in welchem gezeigt wurde, wie die Juden „freiwillig“ und „fröhlich“ Präzisionsarbeiten verrichteten und ihre wohlverdiente Freizeit mit Fussballspielen, Tanzen, Schrebergarten pflanzen und wissenschaftlichen Vorträgen verbrachten.
Der Film, den Gerron drehen musste – eine Weigerung hätte den sofortigen Transport ins Vernichtungslager bedeutet – existiert noch in rund 15 Minuten Ausschnitten, die übrigens unter „Theresienstadt“ im Internet in schlechten Kopien angeschaut werden können. Sie zeigen unter anderem, wie die Gefangenen ihren „eigenen Schrebergarten“ hegen, dabei waren die dort gezogenen Gemüse natürlich für die SS bestimmt. Augenzeugen haben berichtet, dass vor den Filmaufnahmen die wachsenden Tomaten und Gurken systematisch gezählt wurden. Wer sich daran vergriffen hätte, wäre sofort nach Auschwitz deportiert worden.
Kurt Gerron, der wohl insgeheim gehofft hat, mit diesem Film die letzten Kriegstage im KZ überbrücken zu können, wurde zusammen mit seiner Frau Olga im Oktober1944 von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort drei Tage, bevor die Todesmaschinerie abgestellt wurde, von den Nazis vergast. So endet denn auch „Gerron“ wie Erich Remarques Weltkrieg-Roman „Im Westen nichts Neues“ mit einem sinnlosen Tod kurz vor Ende der Feindseligkeiten.
Gemessen an der grossartigen Familiensaga des „Melnitz“ ist „Gerron“ eigentlich nur eine Randnotiz, eine Anekdote der Geschichte. Dass der Leser trotzdem alles um sich herum vergisst und Lewinskys Roman von 539 Seiten in einem einzigen Mal verschlingt, ist dem traurigen Schicksal des Kurt Gerron, den wenig bekannten Ereignissen im Konzentrationslager Theresienstadt und ganz besonders der Hand Charles Lewinskys zu verdanken, der ein Meisterwerk geschaffen hat. Die Leser fiebern mit im Gewissenskonflikt des Kurt Gerron, ob er diesen üblen Propagandafilm für die Nazis drehen soll, sie erleben den Komiker in der Lagerkluft, den einst berühmten Regisseur, der hier so gedemütigt wird.
Gerron erinnert entfernt an den Vater in „La vita e bella“, der seinen Sohn im KZ zum Überleben motiviert, indem er ihm das ganze Ghettoleid als grosses Spiel erklärt und erkennbar macht, das ein gewitzter Junge wie er nur gewinnen könne.
Gerron gewinnt allenfalls ein paar Tage Gnadenfrist für sich und seine Olga. Er erlebt noch einmal eine Spur von Macht als Regisseur, der mit den Lagerbewohnern diesen Film dreht und dem es trotz der Argusaugen der Nazis gelungen ist, das eine oder andere Stück Grauen mit einfliessen zu lassen. So bleibt der Judenstern sichtbar, die seltsam abwesenden Gesichter lassen erkennen, dass das Lagerleben durchaus keine Gaudi war.
Spätere Kritiker haben Gerron vorgeworfen, er hätte den Film nicht drehen dürfen. Nun lässt es sich gut urteilen über andere, wenn man nicht selber in Gefahr ist. Kurt Gerron war keine Persönlichkeit des Widerstands, er war ein verängstigter Mensch, der gedemütigt wurde. Er war wie unzählige andere, angefangen beim Judenrat des Ghettos, der angeblich die Geschicke der jüdischen Insassen leitete und bestimmte, ein kleines unbedeutendes Rädchen in der Maschinerie der Vernichtung durch die Nationalsozialisten.
Warum hat Charles Lewinsky dieses Buch recherchiert und geschrieben? Für ihn musste es geschrieben werden als „eine Aktion gegen das Vergessen“
Charles Lewinsky hat Kurt Gerron ein Denkmal geschaffen.
Charles Lewinsky „Gerron“ Verlag Nagel & Kimche, ISBN 978-3-312-00478-2
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Eine interessante Frage, Brigitte. Bestsellerlisten entstehen in der Regel durch Erfassen aller Verkäufe eines Titels wie beispielsweise bei der renommierten Spiegel-Bestseller-Liste. Dort sind jeweils nur Neuerscheinungen erfasst, Fachbücher haben eine eigene Liste. Ob nun allerdings der Super-Verkauf eines Titels auch schon für das Buch und dessen Autor spricht, bleibe dahingestellt. Hilde Knefs "Geschenkter Gaul" hielt sich monatelang auf den Bestsellerlisten, weil der Verlag eine Riesenwerbung darum herum machte.
Ob das von Dir erwähnte Buch auf die "Besten"-Liste kommt, weil es so oft verkauft wird, ist hingegen noch lange nicht sicher. Es gibt auch Profi-Buchkritiker, die sich zum Teil zusamenschliessen und dann irgend einem Buch ein Prädikat verleihen.
Meiner Meinung nach sollte man Bücher nicht aufgrund von Bestseller- oder Bestenlisten kaufen, sondern, weil es einem von einer vertrauenswürdigen Person empfohlen wurde. Aber selbst hier ist natürlich ungewiss, ob mein Geschnmack auch der ist des Lesers, dem ich zu einem Buch graten habe.
Gruss Bernhard
Danke, Bernhard, für diesen Buchbeschrieb. Dieses Buch werde ich lesen. Es steht in der heutigen Sonntagszeitung auch schon an zweitoberster Stelle der Belletristikbücher.
An erster Stelle findet sich schon in der dritten Woche "Schossgebete* von Charlotte Roche, ein Buch, das ich kaum lesen werde, das kaum jemand bereits gelesen haben kann. Da wird Sexualität und Zusammenleben auf eine höchst überdrehte Art hochspielt, obszön, Ärgernis erregend, pervers und (und mit den Afterwürmern) schmutzig im wörtlichen Sinn.
Meine Frage an dich nun: Wie schafft es ein Buch auf die obersten Plätze der Bücherliste?
Auf die Qualität der Bücher gemäss Bücherliste kann ich mich leider nicht mehr verlassen. Darum bin ich froh über eine Vorschau.
"Gerron" Buchvorstellung in Zürich
In Zusammenhang mit meiner Buchrezension sei hier der Hinweis erlaubt auf die Buchvorstellung in Zürich:
zur Buchpremiere spricht Andreas Isenschmid mit Charles Lewinsky über seinen neuen Roman und die faktenreiche und doch erfundene Lebensgeschichte von Kurt Gerron, der in Berlin als Schauspieler und Regisseur riesige Erfolge feiert und 1944 nach Theresienstadt deportiert und vom Lagerkommandanten dazu bestimmt wird, einen Propagandafilm zu drehen, der das Leben der im Ghetto eingesperrten Juden als Paradies darstellt.
Buchpremiere: Mo, 19. September 2011 /20.00 Uhr
Literaturhaus Zürich im Zunfthaus zur Schmiden | Marktgasse 20 | 8001 Zürich
Moderation: Andreas Isenschmid
Eintritt 18.- / 12.- | Kartentelefon 044-254 50 00 | www.literaturhaus.ch